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Bücher 4 Min. Lesezeit

Zwischen Wissenschaft und Aberglauben

Cédric Mayen, Roberto Ricci und Laura Iorio präsentieren mit „L’arc-en-Cieliste“ eine fantastische Initiationsreise zwischen Wissenschaft und Magie. Ein farbenfrohes, wunderschönes und originelles Bilderbuch

Erschienen in Ausgabe Juni 2023
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Das Cover von „L’Arc-en-Cieliste“, dem neuen Album des französischen Drehbuchautors Cédric Mayen (Element R, Erwann, „Sac à diable“, „Witch Club“…) und des italienischen Zeichnerduos Roberto Ricci und Laura Iorio (June Christy, „Le Cœur de l’ombre“…) hat. In der Bildmitte befindet sich ein Prisma, durch das sich das Sonnenlicht in einen wunderschönen Regenbogen aufspaltet. Allerdings hat dieser „Arc-en-Cieliste“ nicht viel mit der Londoner Band, deren psychedelischer Rockmusik oder gar der Musikszene der 70er Jahre zu tun.

Cédric Mayen, Roberto Ricci und Laura Iorio fesseln die Leser in Großbritannien, doch sie führen sie noch viel weiter in die Vergangenheit zurück – genauer gesagt in den Frühling des Jahres 1666. In der britischen Hauptstadt wütet die Pest. Ein paar hundert Meilen entfernt langweilt sich Hayden Springworth beim Anblick des Regens, der in dieser Gegend regelmäßig fällt. Er ist nicht zu bemitleiden ; zwar ist der Junge das einzige Kind weit und breit, zwar ist sein Vater schon seit Ewigkeiten fort, zwar ist seine Mutter eine kalte Frau, die ihn aus der Ferne aufwachsen sieht, und zwar ist seine Amme eine mürrische alte Dame, aber der Junge lebt immerhin in einem schönen Schloss. Seine Familie verfügt nicht über großen Reichtum, ganz im Gegenteil: Der junge Mann hat schon seit langem nur noch Socken mit Löchern, aber immerhin einen schönen Lord-Titel. „Ein Springworth muss sich immer seines Wertes bewusst sein“, wiederholt ihm übrigens regelmäßig seine Mutter, die sich über ihre Privilegien sehr freut.

Dinge, die dem jungen Lord derzeit noch völlig entgehen. Was er liebt, ist das Abenteuer, Spaziergänge in der umliegenden Natur, vor allem an Regentagen. „An Regentagen muss man immer die Augen offen halten“, erklärt der junge Teenager, der von Regenbögen fasziniert ist – einem Wetterphänomen, das zwar recht häufig vorkommt, damals aber noch unerklärt war.

Diese Regenbögen, die übrigens seit mehreren Generationen im Familienwappen zu sehen sind, haben ihm zunächst große Angst gemacht, denn laut seiner Kinderfrau und seinen gälischen Überlieferungen verbergen sich darin monströse Leprechauns, die nur darauf warten, sich auf einen zu stürzen. Eine Angst, von der sich das damalige Kind erst dank seines Vaters befreien konnte. Schließlich sagt man doch, dass sich am Fuße eines Regenbogens ein prächtiger Schatz verbirgt, oder? Mehr brauchte es nicht, damit der junge Hayden für immer davon fasziniert war. So wurde er zum „Regenbogenforscher“. Zunächst als Amateur, später als Spezialist.

Bei seinen Streifzügen durch sein Anwesen begegnete er dem noch jungen Isaac Newton, der gerade das Geheimnis der Lichtzerlegung gelüftet hatte, indem er einen Quarz vor einen Lichtstrahl hielt. Die Farben, die man dabei beobachtet, sind tatsächlich die des Regenbogens. Es ist klar, dass es da einen Zusammenhang geben muss. Nun muss Newton nur noch herausfinden, welcher das ist, und die Mechanismen des Phänomens verstehen. Der Wissenschaftler wird den jungen Hayden zu sich holen, um ihm bei seinen Forschungen zu helfen.

Doch im Laufe der Zeit wird der Lord schließlich durch königlichen Erlass ins Béarn entsandt, um seinen Vater zu vertreten, der kürzlich verwundet wurde und nun endlich nach Hause zurückgekehrt ist. Hayden wird zum gefangenen Gast am Hofe eines mächtigen Herzogs. Dort muss er, wie sein Vater vor ihm, die Aufgabe des Münzmeisters übernehmen und versuchen, seine Gerissenheit einzusetzen, um seinem König in dessen Machtkämpfen zu helfen. Trotz seiner heiklen Aufgabe ist Hayden fest entschlossen, seine Nachforschungen fortzusetzen, um das Geheimnis der Regenbögen zu lüften. Doch seine Begegnung mit einem seltsamen jungen Mädchen, das die Macht zu besitzen scheint, Regen herabzusenden, wird seine Gewissheiten, seine Mission und sein Leben auf den Kopf stellen.

Hier haben wir eine Geschichte, die schon gut in Gang gekommen ist. Sie wirkt frisch – wozu die Zeichnungen und die allgegenwärtigen, überraschenden Farben des Albums wesentlich beitragen –, dynamisch und temporeich … Die Erzählung vermischt große und kleine Geschichte, Wissenschaft und Aberglauben, Ernst und Spott … Das Ganze gewürzt mit einem Hauch alter Familiengeschichten, Spionage, Religionskriegen, einer komplexen gesellschaftspolitischen und gesundheitlichen Lage usw. Zwar trennen uns mehr als 350 Jahre von dieser Erzählung, doch es fällt nicht schwer, einige Parallelen zu aktuellen Ereignissen zu ziehen.

Dieser „Arc-en-Cieliste“ ist in sieben Kapitel – plus einen Epilog – unterteilt, die wie die Farben des Regenbogens angeordnet sind, und lässt sich trotz seiner 96 Seiten – was zwei Alben entspricht – Seite für Seite mit Genuss und Leichtigkeit genießen. Die Zeichnungen, die sich je nach Stimmung der Szene verändern, sind ungewöhnlich und verwirrend, bleiben dabei aber dennoch eine Augenweide. Zwischen Realität und Fantasie, zwischen Märchen und historischer Erzählung, zwischen Initiationsreise, Folklore und Wissenschaft … finden die Autoren die richtige Balance, wie expressionistische Maler am Ende ihrer Bilder. Es ist schön, originell und überraschend. Ein Jugendalbum, das allen Liebhabern der neunten Kunst gefallen dürfte.

„L’Arc-en-Cieliste“ von Cédric Mayen,
Roberto Ricci und Laura Iorio. Dargaud