Mit „Ganaha“, einer Zukunftsgeschichte, die in einer Sprache der Vergangenheit erzählt wird und in der eine feministische und ökologische Gemeinschaft mit den Auswüchsen der künstlichen Intelligenz konfrontiert war, hatte der Schriftsteller und künftige Stipendiat des Literarischen Kolloquiums Berlin, Florent Toniello, der vor allem für seine Gedichtbände bekannt ist, seine Liebe zu dem bekräftigt, was gemeinhin als „Literatur der Fantasie“ bezeichnet wird.
Und es scheint, als habe er Gefallen daran gefunden, denn auf diesen Roman lässt Toniello nun „Honorable Brasius“ folgen, eine kurze Sammlung von Kurzgeschichten, die – zumindest drei der fünf darin enthaltenen – durch ihre gleichnamige Figur miteinander verbunden sind: einen geheimnisvollen Blinden mit etwas rauen Manieren, Söldner des Surrealen, Seelenlotse und Vermittler zwischen den Welten. Er wird stets von seiner Hündin Enza begleitet, die gerne mit der Zunge schmatzt und einen unersättlichen Appetit hat, wodurch sie überall große Sabberpfützen hinterlässt – sehr zum Leidwesen der Besitzer der verschiedenen Orte, an denen man die vielfältigen Talente dieses himmlischen Landstreichers in Anspruch nimmt, einem Außenseiter, den man mit einer Mischung aus Respekt, Ehrerbietung und Skepsis empfängt (ein Empfang, den man heute Dichtern und Schriftstellern vorbehält, zumindest in Literaturhäusern und anderen literarischen Institutionen).
Denn trotz seines etwas ungehobelten Verhaltens wird er an so unterschiedlichen Orten wie einer Hochgebirgsgemeinde, einem atemberaubenden Herrenhaus oder auch einem kleinen Park in der Stadt Luxemburg gebraucht. In „Schritte im Schnee“ lernen wir das ungleiche Duo kennen: wobei der ehrenwerte Brasius in eine abgelegene, selbstverwaltete Gemeinschaft gerufen wird, um einem Jungen zu helfen, der von nächtlichen Visionen heimgesucht wird, in denen er einen Jungen erblickt, der ihm wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Indem es mit dem Motiv der Parallelwelten spielt, das in der zeitgenössischen Science-Fiction fast schon zum Standard geworden ist, lädt dieser Auftakt, in dem das Auf und Ab des Stoffes der Welten greifbar wird, durch seine Hymne an die vielfältigen Ontologien dazu ein, unsere Realität als das zu betrachten, was sie vielleicht ist: eine Verzweigung unter vielen im Universum der möglichen Welten. Inwiefern bestimmt eine solche Einleitung den Ton der folgenden Erzählungen, die unsere Realität durch den kritischen Blickwinkel einer aufschlussreichen Andersartigkeit beleuchten.
Die Kuh
So liegt in „Bos Primigenius“ und „Space Mining“, den beiden Erzählungen, in denen Brasius und seine Hündin nicht vorkommen (und die, nebenbei bemerkt, die besten des Bandes sind), der Schwerpunkt auf der Erschaffung – oder der Zerstörung – von Welten, wobei die Zukunftsvision hier eine äußerst relevante ökologische Wendung nimmt – vor dem Hintergrund der aktuellen Klimaproblematik, die den Eindruck vermittelt, dass sich die postapokalyptischen Fiktionen von einst in düstere, sich selbst erfüllende Prophezeiungen verwandeln. In einer Welt, in der die Reichen den Planeten längst den Armen überlassen haben, schlagen sich diese so gut es geht durch, um zu überleben. Aus diesem Grund ist Pit Reynert überglücklich, von der Firma Bovaris für eine erste Weltraumreise nach Callisto ausgewählt worden zu sein, wo dieses Unternehmen zum Schutz unserer Rinderfreunde das Wohlergehen des Viehs gewährleistet, das per Sternenreise dorthin transportiert wird. Da Callisto von hybriden Wesen bevölkert ist, die halb Kuh, halb Mensch (oder Frau) sind, wird Reynert noch so manche Überraschung erleben, als die Kontrolleurin – deren Aussehen ihn sichtlich verwirrt –, nachdem sie sich schließlich vom Wohlergehen derer überzeugt hat, die Toniello in seinem vorherigen Roman „ Milchdamen “ nannte, ihm vorschlägt, ihn selbst zu untersuchen.
In der Novelle „Space Mining“, mit ihrer (etwas zu offensichtlichen) Anspielung auf bestimmte großherzogliche Größenwahnprojekte, bei denen die Ausbeutung der Bodenschätze kosmologische Ausmaße annimmt, stört die Diskrepanz zwischen dem Alltag einer Vulkanologin und ihrer Tochter und einer abstrakten Entität, die von den mühsamen Bohrarbeiten überwältigt wird und deren Immunsystem eine galaktische Abwehrreaktion auslöst, die durch die Verbindung der Neugier des jungen Mädchens mit dem Zynismus der neoliberalen Territorialisierung im stellaren Maßstab eine packende Gegenüberstellung des unendlich Großen und des unbedeutend Kleinen schafft.
Schließlich, ähnlich wie in „Les bulles“ von Tom Reisen in „Rencontre au Parc Laval“, das mit einer bestimmten Vorstellung von autofiktionaler Erzählung spielt und den Band mit einer Schleife abschließt, findet sich ein Mann, der eine ethisch vertretbare Rattenfalle loswerden will, bei Einbruch der Nacht und nachdem die Geister freigesetzt wurden, in einem Park wieder, wo ein rätselhaftes Kind vor seinen Augen sein vergangenes, gegenwärtiges und zukünftiges Leben Revue passieren lässt – in einem ontologischen Paradoxon, das Borges würdig ist.
Auch wenn manche Running Gags umso redundanter wirken, als sie schon bei ihrer ersten Erwähnung ein wenig überstrapaziert erscheinen – die Sabberpfützen der Hündin, Brasius’ Proletenmanieren, all das riecht ein wenig nach billiger Exotik –, auch wenn Toniello diesen Trick mit zahlreichen referenziellen Anspielungen ausnutzt – und manche Erzählungen ein wenig anekdotisch sind –, insbesondere die gleichnamige Erzählung, die vor allem als Anhang oder gar als Fortsetzung im Sinne von Richard Saint-Gelais dient, von Ganaha, von dem man nur wenig in Erinnerung behalten wird, abgesehen eben von diesem Effekt der Weltenerschaffung –, hätten wir uns vor allem gewünscht, dass der Autor uns nicht schon nach fünf Erzählungen im Stich lässt, in denen andere Welten skizziert werden, die von den Herausforderungen geprägt sind, die uns heute dringend erwarten, und in denen sich eine Vorstellungswelt entfaltet, die in einer präzisen, manchmal ein klein wenig zu zurückhaltenden Sprache beschrieben wird – eine Vorstellungswelt, von der man sich gewünscht hätte, dass der Autor sie noch früher erkundet hätte.
„Honorable Brasius“, Florent Toniello, 2023, Hydre Éditions, 128 Seiten, 15 Euro