Auf der Suche nach dem Tagebuch von Paul Claudel (1868–1955) in den Regalen der Universitätsbibliothek von Tenri, einer Kleinstadt in der Präfektur Nara in Japan, habe ich mich verlaufen. Ich brauchte eine Ausgabe des Tagebuchs des Dichters, um ein Zitat zu überprüfen. Doch dieser Zufall, den kein Würfelwurf jemals zunichte machen wird, führte dazu, dass ich auf eine japanische Übersetzung des Romans „Úa oder Die Christen vom Gletscher“ des isländischen Autors Halldór Laxness (1902–1998) stieß. Ich war ein wenig irritiert, aber kaum überrascht, als ich feststellte, dass dieser Roman ins Japanische übersetzt worden war. Auch wenn Laxness sich nie wirklich für Japan interessiert hatte, beschäftigte ihn doch stets das Religiöse, und in diesem ziemlich abgedrehten Roman ließ er seiner spirituellen Fantasie am meisten freien Lauf. Die Spiritualitäten Ostasiens interessierten ihn. Also, so dachte ich mir, angesichts Claudels Leidenschaft für Japan und seines Interesses am Shintoismus war es vielleicht kein Zufall, sondern eine Shinto-Gottheit, die mich zu dem isländischen Schriftsteller geführt hatte.
Oder vielleicht noch etwas anderes, denn es gab ja noch eine weitere Verbindung zwischen diesen beiden großen Schriftstellern des letzten Jahrhunderts: die Abtei von Clervaux, wo Claudel mehrmals zu Gast war und wo Laxness in einer schwierigen Phase seines Lebens Zuflucht fand. Der isländische Romanautor wurde dort am 6. Januar 1923 getauft – ein erster Schritt auf seinem spirituellen Weg, der damit noch lange nicht zu Ende war. Kurz nach seiner Ankunft in Clervaux Ende November 1922 schrieb er an einen Freund, um ihm mitzuteilen, dass er zum ersten Mal in seinem Leben im Kreis gelehrter Männer lebe und seine Zeit zwischen Gebet und Arbeit aufteile. Er führte dort ein Tagebuch, das er 1987 unter dem Titel „Jours passés auprès des moines“ veröffentlichte, und arbeitete zudem an einem unvollendeten Roman, der dennoch 1924 unter dem Titel „Sous la montagne sacrée“ erschien. Keines dieser beiden Bücher wurde ins Französische übersetzt.
Halldór Guđmundsson, der Biograf des Schriftstellers, erklärt, dass es nicht nur eine religiöse Suche war, die Laxness in die Abtei geführt hatte. Der kaum zwanzigjährige junge Mann hatte gerade erfahren, dass er ein junges Mädchen geschwängert hatte. Wenn man seinem Tagebuch Glauben schenken darf, scheint es übrigens so, als sei er auch nicht ganz unempfindlich gegenüber dem Charme der Frauen aus Clervaux gewesen. Bei seinen seltenen Ausflügen in den Ort oder während der Messe weckten flüchtig erblickte Gesichter und Körper in ihm Begierden, die er durch intensive Gebete zu vertreiben versuchte.
Ora et labora. Für Laxness und für Claudel. Letzterer hielt sich am Osterwochenende 1934 in der Benediktinerabtei auf, wo er sein Gedicht „Die Osternacht“ verfasste, das in seinem „Bréviaire poétique“ nachzulesen ist. Der Dichter erwähnt diesen Aufenthalt lediglich in seinem Tagebuch in einem Eintrag vom 28. März: „ Gründonnerstag. Reise nach Clervaux (Lux[emburg]) mit Gigette und Nicole Br[ugère]. Die Abtei. Karfreitag. Karsamstag. Ostern. Jacques Paris. Die Glocken in der Nacht. Abreise am Nachmittag. “
Claudel und Laxness sind sich in Clervaux nie begegnet, doch ist es nicht sonderlich überraschend, dass ihre Bücher in den Regalen der Universitätsbibliothek von Tenri zu finden sind. Die vor genau hundert Jahren gegründete Universität ist eine staatlich anerkannte private Hochschule, die Teil der „weltlichen Mission“ der Tenrikyō ist, einer neuen Religion, die im 19. Jahrhundert von Nakayama Miki gegründet wurde. Tenrikyō predigt das „Leben in Freude“, das durch Taten der Nächstenliebe und des Gewissens gepflegt wird. Im Rahmen ihrer Missionsarbeit fördert sie das Erlernen von Sprachen und damit auch der Literatur, woraus sich der Reichtum ihrer Bibliothek erklärt.
Das hundertjährige Jubiläum der Universität Tenri war nicht das einzige Jubiläum, das 2025 in Japan begangen wurde. Der 80. Jahrestag der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki wurde natürlich nicht vergessen. Auch in diesem Zusammenhang kreuzen sich die Wege von Laxness und Claudel. Denn die Angst vor der Atomkraft war ein Thema, das das Denken und Schaffen vieler ihrer Zeitgenossen geprägt hat. Für Claudel war es besonders schmerzhaft, dass gerade an seinem Geburtstag die erste Atombombe auf Japan fiel, ein Land, das er so sehr liebte und das ihn so sehr geliebt hatte. Am 7. August 1945 schrieb er in sein Tagebuch: „Die englischen und amerikanischen Wissenschaftler haben gerade die Atombombe entdeckt und an Japan erprobt, die über eine fast unermessliche Zerstörungskraft verfügt.“
Kurz darauf verfasste er einen Artikel mit dem Titel „Adieu, Japan“, den Le Figaro am 30. August 1945 veröffentlichte. Ein Text, in dem er tiefe Besorgnis zum Ausdruck brachte: „ Es ist zu befürchten, dass es uns nicht gelingen wird, wie bei dieser schrecklichen Zerstörungswaffe den Schaden zu begrenzen, und dass sich die zerstörerische Ansteckung nach und nach auf alle Aspekte einer verzweifelten politischen Lage ausbreiten wird. “ Seine Sorge galt vor allem Japan, das es nach seiner Kapitulation sehr schwer haben würde, sich wieder aufzurichten und neu zu erfinden, doch lassen sich in diesen Zeilen auch tiefere Befürchtungen im Vorfeld dessen erkennen, was später zum Kalten Krieg werden sollte. Die Gefahr eines nuklearen Holocausts durch die Entwicklung und Verbreitung der Atombombe war größer denn je. Dies erklärt auch Claudels Traurigkeit, als er mitten im Koreakrieg von seinem Freund, dem Islamwissenschaftler Louis Massignon, zu Unrecht beschuldigt wurde, den Einsatz von Atomwaffen zu befürworten.
Mit derselben Besorgnis schrieb Laxness, der sich mittlerweile in seiner sozialistischen Phase befand, seinen 1948 veröffentlichten satirischen Roman „Atomstation“. Hintergrund dieses Romans waren die Verhandlungen zwischen Island und den Vereinigten Staaten, die dort einen ständigen Militärstützpunkt errichten wollten. Laxness befürchtete, dass dieser amerikanische Stützpunkt Island im Falle eines Atomkrieges zu einem potenziellen Ziel machen würde. Auch hier war das durch die Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki verursachte Trauma sehr präsent. Politisch standen der Dichter und der Romanautor nun auf entgegengesetzten Seiten, doch ihr Wunsch nach Frieden und die Gebete, die sie in Clervaux sprachen, brachten sie einander näher – so wie heute die Bibliothekare von Tenri.