Vor sechs Jahren lernten Comicfans die Familie Faldérault kennen, die von Zidrou erdacht und von Jordi Lafebre gezeichnet wurde, in der Serie „Les Beaux étés“. Sechs Jahre und die Veröffentlichung von „Cap au Sud“! Ein erster Band, der in das Jahr 1973 eintauchte. Damals lernte der Leser Pierre und Mado kennen. Sie ist Schuhverkäuferin, er ist Comiczeichner und ständig mit der Abgabe seiner Seiten im Verzug, was seine ganze Familie dazu zwingt, tagelang auf die lang ersehnte Abreise in den Urlaub zu warten. Ein Urlaub, den dieses belgische Paar und ihre Kinder – Julie-Jolie, Nicole, Louis und Paulette – ohne Stress und ohne festes Programm genießen, voller Abenteuer, aber immer „Kurs auf den Süden“. „Sonne, wir wollen Sonne“, lautet der Schlachtruf dieser überaus liebenswerten Sippe, die abseits der ausgetretenen Pfade unterwegs ist.
Im ersten Band finden sie sich 1973 beim Wildcampen an den Ardèche-Schluchten wieder, als „La Maladie d’amour“ in allen französischsprachigen Radiosendern auf Platz eins stand. Im zweiten Band geht es 1969 – dem Jahr von „Ob-la-di Ob-la-da“ – in die Calanques von Marseille, dann nach Saint-Étienne – auf Drängen von Mados Mutter – im Jahr 1962, als man zu „Let’s twist again“ tanzte, in die Dordogne im Jahr 1980 im Rhythmus von „Banana Split“ und an die Côte d’Azur anlässlich der Ferien – diesmal der Weihnachtsferien – im Jahr 1979, als Pink Floyd mit „The Wall“ einen Riesenerfolg feierte. Schöne Reisen voller Musik also, aber vor allem voller Familientraditionen – Papas Wortspiele, Mama, die während der Ferien jede Hausarbeit ablehnt, Julie, die sich versteckt, um auf die Toilette zu gehen… –, von Unvorhergesehenem, von Entdeckungen, von Begegnungen… nicht zu vergessen einige Rückschläge und Streitereien.
Für diese sechste Reise in Begleitung der Faldéraults haben Zidrou und Jordi Lafebre die Zeitmaschine auf das Jahr 1970 eingestellt. Die Kinder wollen immer noch nicht nach Oslo, Berlin, Stockholm, Moskau oder Reykjavik. Im strömenden Regen von Mons träumen Julie-Jolie, Nicole und Louis wie immer von Sonnenschein. Also geht es wieder los, Kurs auf den Süden. Na ja, eigentlich sollte es so sein … Die Kinder sitzen zwar schon in „Mam’zelle Estérel“, ihrem treuen und unermüdlichen 4L, aber ihr Vater sitzt immer noch am Zeichenbrett, um das Album fertigzustellen, von dem er überzeugt ist, dass es ihm endlich die Türen zum Ruhm öffnen wird. „Seit über einer Woche warten das Gepäck, du und ich hier schon!“, sagt sich Mado im Eingangsbereich ihres Hauses. Und sie fügt hinzu: „Tut mir leid, mein Kleines, aber du wirst schon vor deiner Geburt vaterlos sein!“ Ihr Bauch ist in der Tat rund wie nie zuvor und kurz davor zu platzen. Nicht gerade die Art von Detail, die sie davon abhalten würde, sich ins Abenteuer zu stürzen. Ziel: Marseille. Doch wie so oft bei den beiden ist das Ziel nur ein Vorwand für eine schöne Reise.
Diesmal ist es ein überladener Lkw, der in der Region Burgund seine Ladung verliert, der ihnen einen Strich durch die Rechnung macht. Die Windschutzscheibe von „Mam’zelle Estérel“ ist zerbrochen, eine Weiterfahrt ist unmöglich. Bis der Mechaniker um die Ecke eine Ersatzscheibe erhält, finden sie Unterkunft in Les Genêts, einem kleinen Bio-Bauernhof, der von Esther und Estelle geführt wird. Die beiden stellen ihnen ein Stück Land am Fuße der Weide im Schatten der Erlen zur Verfügung, auf dem sie ihr Zelt aufschlagen können. Eine Gelegenheit für die Kleinen, sich um die Zicklein zu kümmern, den Geschmack von frisch gemolkener Milch zu entdecken, zu sehen, wie ein Truthahn aussieht, bevor er „zu Weihnachten ganz nackt“ endet, sondern auch, den beiden Besitzerinnen dabei zu helfen, ihren Stand auf dem Markt der lokalen Erzeuger zu betreuen. Für den kleinen Louis wird es auch das Alter der Fragen zur Sexualität sein und für alle der Sommer der Entdeckung verschiedener Arten der Liebe. Denn trotz allem, was das ganze Dorf glaubt, sind Esther und Estelle nicht wirklich Schwestern.
In „Les Beaux étés“ spielen die beiden Autoren mit der Nostalgie der Leser für jene Jahre, ohne dabei in das „Früher war alles besser“-Klischee zu verfallen. Ihre Geschichten sind voller Humanismus, Menschlichkeit, Zärtlichkeit und Humor. Dabei lassen sie nichts von den kleinen und großen Problemen – aber auch den Freuden – des Alltags aus. Eine „Feel-Good“-Reihe, die man gerne immer wieder liest, sei es als Einzelband – da jedes Album eine in sich abgeschlossene Geschichte enthält – oder als Serie, der Reihe nach oder in beliebiger Reihenfolge.