Das Cover dieses Schortgen-Bandes ist wunderschön. Mit jenem für Marc Angels Alben charakteristischen Schwarz-Weiß, aus dem das vom Leben gezeichnete Gesicht von Jean Schortgen hervortritt. Direkt darunter der Untertitel „Ein Eisenfresser in der Abgeordnetenkammer“, der sofort an die luxemburgische Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts erinnert – an die Stahlindustrie und die Bergwerke im Süden des Landes, an die Arbeiter, Bergleute und ihre Familien, die von den Bürgern der Hauptstadt, aber auch von den reichen Bauern des Ösling verachtet wurden.
Anhand des Lebens des aus Tétange stammenden Autors erzählt Schortgen die Geschichte Luxemburgs von 1914 bis 1918, also vom Jahr seines Einzugs in die Abgeordnetenkammer als Abgeordneter der Sozialdemokratischen Partei bis zu seinem Tod im Alter von nur 38 Jahren im Bergwerk Brommeschbierg. Eine politische und gesellschaftliche Geschichte, geprägt von einem sehr angespannten internationalen Kontext mit dem Ersten Weltkrieg, in dem Luxemburg politisch gesehen unabhängig blieb – oder zumindest fast –, militärisch jedoch von deutschen Truppen besetzt war.
Jean Schortgen war erst 34 Jahre alt, als er in die Rue du Marché-aux-Herbes einzog. Vor ihm war es noch keinem Arbeiter gelungen, sich zum Abgeordneten wählen zu lassen. Eine Wahl, die bei seinen Genossen ebenso viel Hoffnung wie Misstrauen weckt. „Bravo!“-Rufe und „Verräter!“-Rufe prallen bei seiner Rede als frisch Gewählter in Esch aufeinander. Und das Misstrauen sollte nicht nachlassen, als er ankündigte, dass er weiterhin sechs Tage pro Woche „mit Pickel und Gaslampe bewaffnet“ in die Tiefe des Bergwerks hinabsteigen werde. Ein Versprechen, das er bereits am nächsten Tag einlöst. Er hat ohnehin keine wirkliche Wahl: Damals erhielten die Abgeordneten keinerlei Aufwandsentschädigung für ihr parlamentarisches Amt. Für Anwälte, Ärzte und andere wohlhabende Grundbesitzer stellte das kein allzu großes Problem dar, doch ein mittelloser Mann wie Schortgen hatte keine andere Wahl, als weiterzuarbeiten, um seine Familie zu ernähren. Das politische Mandat führte vielmehr zu einem Kaufkraftverlust, da er für jede Parlamentssitzung bei seinem Arbeitgeber um Freistellung bitten musste. Keine leichte Sache, wenn man kleine Kinder hat – und vor allem in einer Zeit, in der aufgrund der Besatzung die Lebensmittel immer knapper und damit immer teurer wurden. Doch all das hinderte einige Kollegen nicht daran, diesen Volksvertreter als „Verbündeten der Arbeitgeber“ im Sold des „Bloc“ zu betrachten, der damals regierenden Koalition aus Liberalen und Demokraten.
Während in den unteren Bevölkerungsschichten Misstrauen herrscht, ist die Feindseligkeit der Reichen in der Hauptstadt gegenüber diesem „Eisenfresser“ noch größer, ein Spitzname, der die Untertagebergleute des luxemburgischen Bergbaugebiets bezeichnete, der es gewagt hatte, ins Parlament einzutreten. Letztendlich scheint Schortgen nur in der Kammer selbst, wenn schon nicht verstanden, so doch zumindest angehört und manchmal sogar bejubelt zu werden. Zusammen mit seinen sozialdemokratischen Kollegen fordert er die Regierung auf, drastische Maßnahmen zum Wohle der Ärmsten zu ergreifen. Ohne nennenswerten Erfolg.
Zu all diesen politischen und sozialen Aspekten kommt noch Schortgens familiäre Situation hinzu: Seine Frau bittet ihn, seine politischen Verpflichtungen zum Wohle der Familie aufzugeben, die Auseinandersetzungen mit dem Bürgermeister der Gemeinde wegen der unhygienischen Zustände an bestimmten Orten oder auch einige Einwohner von Berchem, die nicht zögern, den Abgeordneten als „ Gesindel “ zu bezeichnen, „dreckiger Roter“ zu bezeichnen und ihn auffordern, nach Tétange zurückzukehren, da Berchem ihrer Meinung nach „ein anständiges Dorf ist, in dem anständige Menschen leben“. Hinzu kommt der Streik von 1917, an dem Schortgen eher aus Solidarität als aus Überzeugung teilnahm und der ihn seinen Arbeitsplatz kostete. Und dann sind da noch die Deutschen, die immer noch da sind.
Die vier Jahre, von denen in dieser Erzählung berichtet wird, sind – wie man unschwer erkennen kann – reich an Ereignissen. Sie in einen Comic zu verwandeln, scheint daher eine gute Idee zu sein, um ein heutiges Publikum anzusprechen, dem der größte Teil davon wahrscheinlich unbekannt ist. Aus didaktischer Sicht kann man also sagen, dass dieses Album sein Ziel erreicht. Leider lässt sich das auf künstlerischer Ebene nicht sagen. Trotz einer gelungenen grafischen Gestaltung mit diesem rohen, ausdrucksstarken, düsteren und kohlschwarzen Stil leidet die Erzählung unter einer zu linearen Struktur, mit nur Bruchteilen historischer Ereignisse, die oft in nur wenigen Bildern erzählt werden, die einfach nacheinander angeordnet und durch zu viele Auslassungen unterbrochen sind. Die Erzählung lässt letztendlich zu wenig Raum für eine Vertiefung sowohl der Psychologie der Figuren als auch der Ereignisse selbst. Das Ergebnis: Der Lesespaß bleibt auf der Strecke.
Das Album wagt es nicht, sich weit genug von der historischen Wahrheit zu entfernen, um zu einer literarischen Erzählung zu werden. Und wenn es dies doch tut, dann auf ungeschickte Weise – etwa durch diese beiden Figuren mit Bowlerhüten, die Schortgen folgen wie zwei „Messieurs Loyal“, die versuchen, eine Verbindung zum Leser herzustellen, oder durch die zahlreichen Anachronismen im Fernsehbereich, deren Sinn man nicht wirklich versteht. Dennoch gebührt dem Album das Verdienst, uns an die Bedeutung der Repräsentativität der gewählten Vertreter und an die seitdem erzielten sozialen Fortschritte zu erinnern sowie das außergewöhnliche Leben dieses wahren „Eisenmannes“, Jean Schortgen, ins Rampenlicht zu rücken.
Schortgen – Ein Eisenfresser in der Abgeordnetenkammer, von Charles Meder und Marc Angel. Verlag Guy Binsfeld