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Bücher 5 Min. Lesezeit

Lebe mein Traumleben

„Tananarive“ von Sylvain Vallée und Mark Eacersall ist eine Initiationsreise, deren Länge sich nicht in zurückgelegten Kilometern messen lässt. Ein wunderschönes Bilderbuch über Freundschaft, Geheimnisse und das Erbe

Erschienen in Ausgabe Oktober 2021
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Amédée Petit-Jean ist Notar. Ein kleiner Notar aus der Provinz im Ruhestand. Ein Hypochonder, kinderlos, aber mit einer Frau, bei der das harmonische Zusammenleben längst einem unsichtbaren, schwelenden Krieg gewichen ist. Sein Leben könnte geordneter nicht sein. Er ist ein Stubenhocker, seit dreißig Jahren hat er sein Departement nicht mehr verlassen; und auch wenn das Datum nicht genau angegeben ist, dürfte die schöne Triumph, die er sorgfältig in seiner Garage bewahrt, seit ebenso langer Zeit nicht mehr von der Stelle gekommen sein.

Das einzige kleine Vergnügen des gutmütigen Amédée in seinem vorbildlichen Ruhestandsleben – wenn man mal von einem Rum oder Cognac hin und wieder absieht – besteht darin, die Straße seines kleinen Dorfes zu überqueren und zu seinem Nachbarn zu gehen. Jo scheint das Gegenstück zu Amédée zu sein, sein physisches Gegenteil. Amédée ist klein, rundlich, kahl und glatt rasiert, während Jo groß und schlank ist und eine schöne weiße Haarpracht sowie einen Bart trägt, der einem jungen Hipster würdig wäre. Als eingefleischter Junggeselle hat er ein abenteuerliches Leben geführt. Er scheint die sieben Meere befahren, an zahlreichen Schlachten teilgenommen, in vielen Ländern gelebt und unzählige Kulturen kennengelernt zu haben. Heißt es nicht, dass sich Gegensätze anziehen?

Man weiß nicht, seit wann die beiden Männer Nachbarn sind, aber zwischen ihnen besteht eine tiefe und echte Freundschaft. Man muss dazu sagen, dass Jo ein großartiger Geschichtenerzähler ist und dass Amédée seinem Freund buchstäblich an den Lippen hängt, ohne jemals davon genug zu bekommen. Seine Geschichten lassen ihn träumen und ganz gemütlich auf seinem Sofa sitzend auf Reisen gehen. Doch nach einem x-ten Abend, an dem er bis in die frühen Morgenstunden – na ja, bis 22:30 Uhr! – von seinen Abenteuern erzählte, insbesondere von dem „mit dem Opium während der Flucht“, – beschließt Jo, nackt unter seinem weit geöffneten Bademantel, ein paar Liegestütze in seinem Garten zu machen. Beim neunzehnten versagt sein Herz. Nur Amédée und seine Frau werden zur Beerdigung kommen.

Hypochonder wie nie zuvor wird Amédée alle Ärzte der Region aufsuchen und in eine regelrechte Depression verfallen. Schließlich wird ihn sein früherer Beruf wieder auf die Beine bringen. Dem Bürgermeister des Dorfes gefällt es nicht, dieses schöne Grundstück brach liegen zu sehen. „Es ist zwar keine Eile, aber …“, erklärt er ohne großes Feingefühl dem Mann, der noch immer um den Verlust seines Freundes trauert. Der neue Notar weiß nichts über den Nachlass, doch Amédée hat sich bei seinem Eintritt in den Ruhestand geschworen, „in seinem ganzen Leben kein Verwaltungsdokument mehr zu verfassen“. Ein Detail lässt ihn jedoch stutzig werden; während Jo ihm immer erzählt hatte, er sei in Tananarive auf Madagaskar geboren worden, war Jo laut der Sterbeurkunde, die ihm der Bürgermeister zeigt, weder in den Tropen noch im Indischen Ozean geboren worden, sondern in Charleville in den Ardennen. „Ich werde das mal überprüfen“, sagt er daraufhin zu dem Kommunalpolitiker.

Der Beginn des größten Abenteuers, das der Rentner je erlebt hat. Auf der Suche nach Informationen vergisst Amédée seine Rückenschmerzen, seine zahlreichen Medikamente und seine Fernsehsendungen, um das Leben von Jo zu entdecken. Das wahre Leben von Jo. Das sich letztendlich ziemlich stark von dem unterscheidet, das er so gerne erzählte. Begleitet vom Geist seines verstorbenen Freundes macht er sich mit seinem alten Cabrio wieder auf den Weg und versucht, die verschiedenen Puzzleteile des Lebens seines ehemaligen Nachbarn zusammenzusetzen. Vom Standesamt bis zu den Archiven des Gerichtsgebäudes, von der Pommesbude bis zum schäbigen Hotel, von den Vorstadtvierteln bis zu den heruntergekommenen Sozialwohnungen, von Hostessenbars bis zu den Vereinigungen ehemaliger Mitglieder der Fremdenlegion… muss der ehemalige Notar lernen, sich anzupassen, aus dem Stegreif zu handeln, das Glück zu erzwingen, laut zu werden, zu lügen, die Schwachstellen einer nicht immer logischen Verwaltung aufzudecken und das Gesetz zu umgehen. Eine ganz schöne Reise.

Vom Buddy-Movie geht es somit weiter zum Road Trip, zur Initiationsreise. Der Leser erfährt viel über Jo, Amédée hingegen lernt vor allem sich selbst kennen. Die zugleich witzige und überraschende Erzählung von Mark Eacersall, dessen erster Comicroman „GoSt111“ Anfang des Jahres den Fauve Polar SNCF gewann, erinnert nach „Les Vieux fourneaux“, „Le Plongeon“, „Jamais“, „Ne m’oublie pas“, „Octofight“ oder auch „Malgré tout“ daran, dass alte Menschen fantastische Figuren sind, voller Zärtlichkeit und ungeahnter Ressourcen. Mit den Zeichnungen von Sylvain Vallée (Gil Saint-André, „Il était une fois en France“, „Katanga“ …), die zwischen ausdrucksstarken Gesichtern mit großen Nasen und realistischen Kulissen schwanken, ergänzen sich die beiden perfekt. Realität und Tagträume verschmelzen wunderbar miteinander, und schließlich erscheint es hier ganz natürlich, wenn sich ein Badezimmer in einen Dschungel verwandelt oder eine Straße in Nordfrankreich den Anschein einer Savanne annimmt.

Ursprünglich als Film geplant, ist „Tananarive“ letztendlich ein großartiger Comic geworden. „Diesen Film, der nie zustande gekommen ist, bedauere ich nicht“, erklärt der Drehbuchautor nun. „Dank der Adaption als Comic und meiner Begegnung mit Sylvain Vallée existiert ‚Tananarive‘ heute besser, als ich es mir erhofft hätte“, fügt er hinzu. Schade für die Kinoliebhaber, umso besser für die Comic-Fans!

„Tananarive“ von Sylvain Vallée und Mark Eacersall. Glénat