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Bücher 4 Min. Lesezeit

Lob der Abschweifung

Luxemburgensia

Erschienen in Ausgabe Januar 2022
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Das Leben anderer interessiert uns im Allgemeinen wenig. Ihre Sorgen, ihre Liebesbeziehungen, die Gesundheit ihrer Kinder, die Spuren, die die Scheidung ihrer Eltern hinterlassen hat … all das ist uns egal: zu real, zu banal. Deshalb lesen wir Romane und schauen uns Filme an: um der Realität zu entfliehen und andere Leben zu entdecken, die größer und stärker sind als unser eigenes, Erfindungen jenseits des Greifbaren, die uns in andere Welten entführen. Wenn also Jeff Schinker schon in den ersten Zeilen ankündigt – ja, sogar zugibt –, dass „Mein Leben unter den Zelten“ zur Autofiktion gehört, befürchtet man Langeweile oder Desinteresse. So betrachtet schienen die – zugegebenermaßen manchmal abenteuerlichen – Erlebnisse einer Gruppe junger Leute, die von Festival zu Festival durch Europa ziehen und dabei ihr Zeltlager, ihren Alkoholkonsum, ihre Musikkultur und ihren ironischen Blick auf die Welt mit sich schleppen, tatsächlich wenig geeignet, die Massen zu begeistern. Aber…

Aber es gibt da einen Stil, eine Schreibweise, die man einfach nicht aus der Hand legen kann, weil sie dem – ziemlich unorganisierten und sprunghaften – Gedankengang des Autors folgt. Jeff Schinker schreibt endlose Sätze, gespickt mit Klammern, Kommas und sogar Zeilenumbrüchen, um die Lesbarkeit und den Rhythmus zu wahren. Sätze, die uns in Atem halten, weil sie wie jene Geschichten sind, die man erzählt – mit all ihren Windungen, Anspielungen, Abschweifungen und Ansprachen an den Leser. Er schöpft aus seinen Erinnerungen mit jenem Humor, der die Höflichkeit der Dunkelheit ist: Eine Art, von sich zu erzählen, um das auszudrücken, was schwer in Worte zu fassen ist. Eine Art zu denken, um zu heilen (du hast recht, Jeff, ein Vokal verändert alles). Und dafür wählt er einen Wortschatz, der mal gehoben, mal umgangssprachlich ist, sehr ausgefeilt und sehr durchdacht, ohne dabei angestrengt zu wirken.

Aber dann ist da noch der Soundtrack des Buches: Die Kapitelüberschriften sind zugleich Titel von Musikstücken, die man beim Lesen hören sollte (sagen wir mal, man sollte – es ist nicht immer einfach, ein guter Schüler zu sein). Manchmal ist das anachronistisch (die Stücke gab es noch nicht, als die Geschichte spielt), manchmal illustrativ (das sehr treffend benannte „Mnemosyne“ von I like trains), manchmal demonstrativ (die Protagonisten hören dasselbe wie der Leser). Für diejenigen, die sich weniger gut mit Musikkultur auskennen, wirkt das manchmal wie eine etwas snobistische Zurschaustellung, aber es passt immer zum Kontext.

Doch dann sind da noch die Illustrationen von Alasdair Reinert, die das Buch wie kleine Pausen, wie kleine Atempausen unterbrechen. Ganz im Gegensatz zu den Texttafeln in Stummfilmen: Sie sind Momente der Stille inmitten des Wortgewirrs des Autors.

Doch es gibt eine recht scharfsinnige, wenn auch ausgesprochen desillusionierte Betrachtung der neokapitalistischen Mechanismen, die in Luxemburg und anderswo am Werk sind, der Kommerzialisierung von Beziehungen und des allgegenwärtigen Utilitarismus. Diese desillusionierte Beobachtung veranlasst den Autor, sich in sein Zelt zurückzuziehen, fernab von der Stadt und dem Leben. Von dort aus schreibt er mit der Inkohärenz von Fieber und Rausch und zeichnet in kurzen Strichen ein Porträt einer Generation oder eines Teils davon (da er einige seiner Zeitgenossen kritisiert), die nicht nach materiellem Erfolg strebt und angesichts einer Welt, die vor die Hunde geht, Zuflucht sucht. Das Zelt ist kein sicherer Zufluchtsort. Es reißt oft, setzt den Elementen aus und muss geflickt werden. Doch es wird zum Symbol für den Zusammenhalt dieser kleinen Gruppe, zum Erkennungszeichen dieser „Bande von Versagern, die es dennoch schaffen, der Absurdität der Realität mit Humor und Lässigkeit zu begegnen“. Denn „Mein Leben unter Zelten“ ist vor allem eine Ode an die Freundschaft, an jene, die, wie man so schön sagt, alles von einem wissen und einen trotzdem lieben. Jeff Schinker findet wunderschöne Worte, um die unerschütterliche Verbindung zu beschreiben, die Freunde besser verbindet als Liebende.

Aber da ist noch dieser kleine Augenzwinkern in Form eines „Ghost Track“, ähnlich wie der Bonustitel, den man nach dem Rauschen am Ende einer Schallplatte hörte, oder wie jene letzte Szene, die nach dem Abspann folgt: ein letztes Kapitel, ein letzter Atemzug vor dem Verschwinden.

Das Leben anderer spricht uns also an und ist uns wichtig. Es ähnelt nicht wirklich unseren eigenen Erinnerungen, es weckt keine Nostalgie nach der Vergangenheit, sondern ruft ein Gefühl hervor, das die Worte des anderen besser zum Ausdruck bringen als die eigenen.

Jeff Schinker, Mein Leben in den Zelten.
Hydre éditions, 312 Seiten, 22 Euro.
ISBN 978-99987-883-0-5