Gegensätze ziehen sich an, das ist allgemein bekannt. Und das gilt sowohl in der Wissenschaft als auch in der Literatur. Pascal Ruter hat dies mit seinem 2012 erschienenen Jugendroman „Le Cœur en braille“ erneut unter Beweis gestellt.
Seine Geschichte wurde bereits einmal für die Leinwand adaptiert – ein eher mittelmäßiger Film unter der Regie von Michel Boujenah, der 2016 erschien –, bevor sie dieses Jahr in Form eines großartigen Comics in die Regale kam, der gemeinsam vom Drehbuchautor der „Carnets de Cerise“, „Les Souris du Louvre“, „Sorcières Sorcières…“, Joris Chamblain, und der Zeichnerin von „Premières vendanges“ und „Journal d’un enfant de lune“, Anne-Lise Nalin, gemeinsam gestaltet wurde.
Egal in welcher Version, die Handlung bleibt dieselbe. Victor kommt in die 8. Klasse und gehört zu den schlechtesten Schülern seiner Klasse. Ganz einfach: Die Schule interessiert ihn nicht und er behält kaum etwas davon im Kopf. Seine Leidenschaft gilt der Musik, dem Rock mit fetten Gitarrenriffs und kraftvollen Schlagzeugbeats. Er hat übrigens seine eigene Band, „La Chignole“, die in der Garage seines Vaters probt. Seine andere Leidenschaft, die er mit seinem Vater teilt, sind die Panhard & Levassor, diese alten Autos, deren Produktion 1967 eingestellt wurde. Der Junge ist nicht böse, im Gegenteil, er interessiert sich für andere und dafür, was sie mögen, aber er ist nicht für das Lernen, eine Ausbildung, Mathe oder gar das Lesen geschaffen. Er ist ein Träumer, ein Clown, ein Jugendlicher, der hinter einer Rebellenmaske eine gewisse Zerbrechlichkeit verbirgt.
Zu Beginn des neuen Schuljahres ist er von seinen besten Freunden getrennt. So kommt es eher zufällig, dass er schließlich neben Marie-Josée sitzt, einem schüchternen Mädchen, einer hochbegabten Schülerin, die in allen Fächern Klassenbeste ist und außerhalb der Schule eine hervorragende Cellistin. Ein kluges Köpfchen, das ihn freundlich von oben herab behandelt und sich über die falschen Antworten amüsiert, die ihr neuer Banknachbar sowohl in Französisch als auch in Geografie, Chemie oder Mathematik gibt. Victor schafft es, sich vom ersten Schultag an in allen Fächern bemerkbar zu machen – natürlich auf negative Weise. Sogar im Sport, als der Teenager es nicht lassen kann, vor dem Lehrer zu rufen: „Na, was soll’s! Gehen wir jetzt in die Halle oder fummeln wir rum?!“
Kurz gesagt: Es fängt schon mal schlecht an. Doch die theatralische Art des Jungen und die Freundlichkeit des Mädchens bringen die beiden schließlich einander näher. Es beginnt mit einer Mathearbeit, bei der Marie-Josée Victor abschreiben lässt und sogar einen Fehler in ihre Arbeit einbaut, um jeden Verdacht auf Schummeln auszuräumen, es geht weiter, als sie ihn einlädt, während der Herbstferien bei ihr zu Hause zu lernen, und zwar fast täglich, bis die beiden schließlich fast unzertrennlich werden.
Victor freut sich, dass sich seine Noten wieder verbessern. Und Marie-Josée, die sich mittlerweile in seltsamen Farbkombinationen kleidet und aus medizinischen Gründen wochenlang den Unterricht versäumt, hat etwas im Schilde. Das junge Mädchen hat ein Geheimnis, und schon bald wird sie Hilfe brauchen. Sie dachte, dass Victor, in den sie sich schließlich verliebt hat, ihr genau diese Hilfe leisten könnte. Es kommt nicht in Frage, dieses Geheimnis hier zu verraten, das die Autoren erst gegen Mitte der Geschichte preisgeben, aber hier und da im Buch wurden einige Hinweise verstreut.
Also ja, zwei Menschen, die sich in allem unterscheiden, die sich zunächst, wenn schon nicht hassen, so doch zumindest nicht ausstehen können und die sich schließlich ineinander verlieben – das ist ein großer Klassiker. Ja, Geschichten über die schwierige Zeit in der Mittelstufe gibt es in den Jugendabteilungen der Buchhandlungen wie Sand am Meer. Ja, Geschichten über die Anziehung zwischen einem hübschen jungen Mann und einem hübschen jungen Mädchen gibt es wie Sand am Meer. Doch „Le Cœur en Braille“ interpretiert all das nicht nur auf wunderschöne Weise neu, sondern bereichert das Ganze zudem um zahlreiche treffende Details – über klassische Musik, die Kraft des Cellos, über Rockmusik, über Literatur, über den Radsport, über die Geschichte des Schachspiels, über Vater-Sohn-Beziehungen oder auch über Krankheit, Resilienz und die Bedeutung, für seine Träume zu kämpfen …
Dieses Buch „Cœur en braille“ richtet sich an Leser jeden Alters, ist jedoch insbesondere für Jugendliche gedacht; dennoch gelingt es ihm, auch erwachsene Leser anzusprechen und zu fesseln. In dieser Erzählung finden sich Anklänge an „Romeo und Julia“, „König Ödipus“, die „Ilias“ und auch an „Die Familie Bélier“ ; sowie Anklänge an „Ducobu“ oder „Boulard“ in der Figur des Victor, und um das Ganze abzurunden, gibt es auch viel Humor, Zärtlichkeit und Poesie. Es bleibt natürlich eine äußerst naive, politisch korrekte Liebesgeschichte voller guter Absichten, aber sie schafft es so gut, den Leser mitzureißen und zu berühren, dass man ihr ihre kleinen Macken, ihre etwas abrupten Sprünge, ihre Nebenthemen, die man sich ausführlicher gewünscht hätte, oder auch ihr etwas schlampiges Happy End gerne verzeiht.
Wie so oft bei den Texten von Pascal Ruter ist „Le Cœur en braille“ eine unbeschwerte Geschichte, die sich mit den Launen des Schicksals befasst. Das Drehbuch von Joris Chamblain wird hier durch den realistischen und äußerst ausdrucksstarken Zeichenstil von Anne-Lise Nalin getragen. Ein Zeichenstil und eine Kolorierung – lebhaft und sanft zugleich –, die je nach den Erfordernissen der Erzählung Stil- oder Farbwechsel wagen und wunderbar zu den Erlebnissen und Emotionen der Figuren passen.
Ein sehr schönes Buch, das man gerne liest und immer wieder zur Hand nimmt und das man der ganzen Familie ausleihen kann.
„Le Cœur en braille“ von Joris Chamblain und Anne-lise Nalin. Dargaud