Wie ein riesiger Markt für gebrauchte Bücher, den man komplett mit nach Hause nehmen könnte. Die Nationalbibliothek von Luxemburg (BnL) hat soeben mehr als 4.000 luxemburgische Werke auf eluxemburgensia.lu veröffentlicht. Eine großartige digitale Fülle: Geschichtsbücher, Tätigkeitsberichte, Bankbroschüren, statistische Sammelbände, Veröffentlichungen des SIP, Tarifverträge, Wahlprogramme, Gastronomieführer. Und natürlich eine umfangreiche Sammlung lokaler Monografien über Fußballvereine und Stadtkapellen, Pfarreien und Chöre. (Diese oft unterschätzten Publikationen erweisen sich häufig als wahre Fundgrube an Informationen.) Alles ist mit wenigen Klicks zugänglich und im Volltext durchsuchbar.
Wieder einmal erleichtert die BnL die Arbeit des Historikers. Ihre Datenbank umfasst bereits 13,5 Millionen Presseartikel. Hinzu kommen nun Tausende von Büchern aus den 1980er- und 1990er-Jahren – die „neue Grenze“ der Zeitgeschichte. (Besonders interessant erweisen sich die zahlreichen Bankbroschüren, in denen Holdinggesellschaften und das Steuergeheimnis angepriesen werden.) Es ist alles dabei, wirklich alles: „Groothertogdom Luxemburg: Reisgids“ (1994), „The Directory of Top Banking & Commercial Institutions in Russia“ (1993), „Dictionnaire des carrières et des fonctions dans la fonction publique“ (1989), „Dogexpo ’94“ oder auch „Eist Kand a säi Velo“ (1995), in dem Yuppi Kindern beibringt, wie sie im Straßenverkehr der 90er Jahre nicht überfahren werden. Bestseller sind hingegen eher selten. Man findet den einen oder anderen Klassiker von Gilbert Trausch oder auch „Der antifaschistische Widerstand in Luxemburg“ (1985) von Henri Wehenkel sowie einen Sammelband zu Ehren von Henri Koch-Kent („Der parteilose Einzelgänger“, 1990). Besondere Erwähnung verdient das großartige „Liewen am Minett“ (1986), das erste offizielle Projekt der Sozialfotografie, das den Süden inmitten der Stahlkrise dokumentiert.
Die BnL habe keine Auswahl unter den Werken getroffen, sondern sich strikt an die Reihenfolge des ersten digitalen Katalogs (aus dem Jahr 1987) gehalten, der mit „LB 1“ und endend bei „LB 9999“, erklärt ihr Direktor Claude D. Conter. Jedes dieser Werke, so präzisiert er, sei manuell durchgeblättert worden, um das am wenigsten beschädigte Exemplar auszuwählen. Und wie sieht es mit den Urheberrechten aus? Die BnL hat sich an die europäische Richtlinie gehalten und nur „im Handel nicht mehr erhältliche Werke“ ausgewählt, wobei den Rechteinhabern sechs Monate Zeit eingeräumt wurden, Einspruch einzulegen. Diese können sich jederzeit melden, versichert Conter; ihr Werk werde dann entfernt und eine Entschädigung gezahlt. Dass die großen Bestseller der 1980er- und 1990er-Jahre nicht zu den online gestellten Werken gehören, liegt daran, dass sich die Verlage die Möglichkeit einer Neuauflage offenhalten wollen.
Die BnL bleibt Vorreiterin bei der Digitalisierung und baut ihren Vorsprung gegenüber anderen Institutionen wie dem Nationalarchiv oder dem CNA weiter aus. Bis Juni wird der nächste große Korpus online gestellt: das „Tageblatt“ von 1950 bis 2014, gefolgt von der Gesamtausgabe der gedruckten Ausgabe des „Lëtzebuerger Journal“ (1948 bis 2020). Diese Menge ergänzt die 2,5 Millionen Zeitungsseiten, die bereits online verfügbar sind. (Ein von OpenAI entwickelter Chatbot ist auf eluxemburgensia integriert, auch wenn ChatGPT grundsätzlich nicht berechtigt ist, Daten zu extrahieren.)
All dies schafft eine neue Transparenz in einer kleinen Gesellschaft. Denn neben politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Artikeln kann man auch die Lokalseiten einsehen, Geburtsanzeigen, Prüfungsergebnisse, Heiratsanzeigen und „Doudesannoncen“ durchstöbern.
„Aber diese Geschichten schlummerten in den Zeitungen von vor dreißig Jahren, und niemand wusste mehr von ihnen“, bedauert Proust in *Die wiedergefundene Zeit*. Heute lassen sie sich mit wenigen Klicks wieder zum Leben erwecken. Diese neue Leichtigkeit birgt jedoch auch methodische Tücken, da sie bei Historikern eine Tunnelblick-Mentalität begünstigt, wodurch die Gefahr besteht, dass sie nur das finden, wonach sie gesucht haben.