Mathieu Sapin ist einer dieser vielseitigen Comic-Autoren, die je nach Projekt gerne ihren Stil, ihr Format und ihren Verlag wechseln. Kinderbücher, humoristische Serien, Heroic-Fantasy, pseudo-autobiografische Alben… Insgesamt hat er – mal als Zeichner, mal als Autor, oft aber als alleiniger Schöpfer – an rund vierzig Alben oder Serien mitgewirkt, seit „L’Oreille gauche“, seiner ersten Veröffentlichung, die im Jahr 2000 erschien.
Zu seinen zahlreichen Werken zählen auch umfangreiche Sachbücher, in denen er sein Zeichenstudio und seine Komfortzone verlässt, um sich in einen Künstler-Reporter zu verwandeln. Alben, in denen der Autor zwischen ernsthaftem und informativem Ton einerseits und einer guten Portion Humor, Ironie und (Selbst-)Spott andererseits pendelt. Ein sehr persönlicher Stil, mit dem der aus Dijon stammende Künstler bereits zahlreiche Werke zu politischen Themen veröffentlicht hat: „Campagne présidentielle“ (2012), für das er 200 Tage lang dem Kandidaten und späteren französischen Präsidenten François Hollande auf den Fersen war; „Le Château“ (2015), in dem er ein Jahr lang hinter den Kulissen des Élysée-Palasts verbrachte; „Comédie française“ aus dem Jahr 2020, das ihn zu zahlreichen Reisen in die Vorzimmer der Macht führte, ganz nah an die Verantwortlichen der Präsidentenpartei „En Marche“ heran; oder auch im vergangenen Jahr „Douze Voyages présidentiels“, in dem er sich – da es ihm nicht gelang, an Emmanuel Macron heranzukommen – mit den Medien und den Kommunikationsfachleuten befasst, die ihn begleiten; sowie 2017 ein Bildband mit dem Titel „Gérard, fünf Jahre auf den Fersen von Depardieu“, der von der extravaganten Persönlichkeit des berühmten Schauspielers getragen wird.
Für dieses neue Projekt hat Mathieu Sapin schließlich sein Interesse am politischen Geschehen mit seinem Interesse an liebenswerten, exzentrischen und außergewöhnlichen Persönlichkeiten vereint. Und um sein neues Ziel zu finden, muss man wohl sagen, dass er nicht lange suchen musste, da er sich hier mit seinem Schwiegervater Edgar beschäftigt hat. Der Untertitel des Albums, „Von Lissabon nach Paris – auf den Spuren meines revolutionären Schwiegervaters“, gibt Aufschluss darüber. Edgar ist ein skurriler Mann – ein Mann, der seinen Schwiegersohn gleich zu Beginn auffordert: „Keine Herabwürdigung, keine Verunglimpfung, keine Übertreibung – die Wahrheit, nichts als die Wahrheit“, bevor er hinzufügt: „obwohl es im Portugiesischen einen Ausdruck gibt, der lautet: ‚com a verdade me enganas‘“, mit anderen Worten: „Indem ich dir die Wahrheit sage, täusche ich dich.“ Eine ideale Maxime, um diese Erzählung einzuleiten, in der der Siebzigjährige von sich erzählt – und sich zweifellos auch etwas vormacht.
Zum einen, weil Edgar nicht sein richtiger Vorname ist, sondern „ein Deckname, den er für seine autobiografischen Schriften verwendet“, und zum anderen, weil er behauptet, tausend Leben gelebt zu haben: Als überzeugter Marxist soll er am Widerstand gegen die portugiesische Diktatur teilgenommen haben, bevor er nach Frankreich floh, sich dort in der extremen Linken engagierte und dann nach Portugal zurückkehrte, um 1974 eine wichtige Rolle in der Nelkenrevolution zu spielen. Ihm zufolge soll er Widerstand geleistet, desertiert, das Land allein zu Fuß durchquert, mit Geheimagenten zusammengearbeitet und im Besitz streng geheimer Informationen gewesen sein … ganz zu schweigen davon, dass er behauptet, ein direkter Nachfahre des Herzogs von Wellington zu sein – jenem, der Napoleon bei Waterloo besiegte.
Kaum zu glauben. Mathieu Sapin erklärt übrigens in seinem Comic: „Na ja, er ist auch ein bisschen paranoid, und man muss das, was er erzählt, mit Vorsicht genießen.“ Eine Unterscheidung, die er selbst nicht treffen will. Geschichtenerzähler oder fantastischer politischer Abenteurer? Der Leser neigt vielleicht drei Viertel dieses Comicromans lang dazu, sich für die erste Option zu entscheiden, um sich schließlich zu sagen, dass in seinen Erzählungen vielleicht doch ein Körnchen Wahrheit steckt. Schließlich hat der Autor in der französischen Nationalbibliothek tatsächlich einen 52-minütigen Dokumentarfilm aus dem Jahr 1968 über die Ankunft junger portugiesischer Arbeiter in Frankreich gefunden, in dem Edgar die Hauptrolle spielt. Jeder Leser muss sich hier seine eigene Meinung bilden, denn der Autor zieht keinerlei Schlussfolgerungen.
Und letztendlich spielt es keine Rolle, ob sie wahr, übertrieben, aus der Fantasie entsprungen oder erfunden sind – Edgars Geschichten sind einfach großartig erzählt. Warum sollte man sich das also entgehen lassen? Zumal Edgars Erzählungen und die Recherchen von Mathieu Sapin vor allem gute Gründe sind, wieder in die jüngere Geschichte Portugals, in seine Kultur, in seine historischen Stätten, aber auch in seine abgelegenen Winkel einzutauchen.
Auch wenn Edgar weder mitten im Präsidentschaftswahlkampf steht noch Präsident der Republik ist, auch wenn er kein weltberühmter Schauspieler ist, ist das Album doch durchaus interessant. Sapin, der seinen gewohnten Humor beibehält und nach wie vor viel Selbstironie an den Tag legt, lädt hier zu einer herrlichen Reise in die Erinnerungen seines Schwiegervaters ein, sondern auch in zahlreiche touristische oder wenig bekannte Ecken des heutigen Portugals und gönnt sich den Luxus, seinen Lesern zahlreiche relevante historische Exkurse zu bieten. Der Comic ist unterhaltsam, dynamisch, überraschend und lehrreich, sowohl was die Geschichte als auch die portugiesische Kultur betrifft. Nicht schlecht für ein einziges Buch !
Edgar von Mathieu Sapin. Dargaud