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Bücher 4 Min. Lesezeit

In Gedanken bei den afghanischen Frauen

Es gab einmal eine Zeit, noch vor den Russen oder den Amerikanern, noch vor den Taliban – die Zeit der Stickerinnen von „Mappe“ und „Ricami“

Erschienen in Ausgabe Januar 2022
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Beginnen wir mit einer Karikatur am Rand einer Innenseite des „Canard enchaîné“ vom vergangenen Mittwoch: Ein bewaffneter Bärtiger steht vor einer enthaupteten Schaufensterpuppe einer Frau, „und jetzt tragt einen Schleier“. So sieht die Lage derzeit in Afghanistan aus, einem Land, das zudem von einer Hungersnot heimgesucht wird und die internationale Gemeinschaft um Hilfe bittet – was „ohne jegliche politische Voreingenommenheit“ geschehen sollte. Zumindest wenn man dem Vizepremierminister Glauben schenkt.

Natürlich ohne auch nur einen Gedanken an das Schicksal der afghanischen Frauen zu verschwenden. Sie leiden am meisten unter den Vorschriften und den Entscheidungen darüber, was islamisch korrekt ist und was nicht. Dabei sind die Bewegungsbeschränkungen noch das geringste Übel. Ihnen ist der Besuch öffentlicher Bäder untersagt. Die Männer hingegen dürfen weiterhin dorthin gehen, sofern sie ihre Geschlechtsteile bedecken. In Afghanistan gibt es kein Frauenministerium mehr, es wurde abgeschafft. An seine Stelle ist ein Ministerium für die Förderung der Tugend und die Verhinderung des Lasters getreten – mit seiner eigenen Religionspolizei.

Am ergreifendsten und schrecklichsten ist die Situation, wenn eine Frau zudem das Unglück hat, sich einer Kunstform zu widmen, welcher Art auch immer. Poesie, Musik, bildende Kunst – all das gehört der Vergangenheit an, ist verboten, verwerflich, und es ist das Schlimmste zu befürchten. Vorbei ist auch die Arbeit (die einst ganze Familien ernährte) der Stickerinnen aus Kabul und Peshawar, afghanischer Frauen, die damals bei Einmarsch der Russen aus ihrem Land geflohen waren. „Spinnt, spinnt … fleißiges Mädchen / Brumm, summ … gutes Rädchen“, heißt es in dem Lied aus dem „Flugschiff der Phantome“; dort, ebenso fleißig, eifrig und geschickt, stickten sie für Alighiero Boetti, seine „Mappe“, „Ricami“ und „Tutti“. Vielleicht sollte die Konjunktion, die der Künstler in seinen Namen einfügte, auch auf diese Trennung zwischen Konzept und Umsetzung hinweisen.

Alighiero e Boetti, 1940 in Turin geboren, hatte Anfang der 70er Jahre Afghanistan für sich entdeckt – für ihn eine Möglichkeit, mit Italien, der Arte Povera und den „bleiernen Jahren“ abzuschließen; er ging sogar so weit, ein Hotel in Kabul zu übernehmen, wohin er regelmäßig reiste. Seine Zeichnungen ließ er von afghanischen Frauen sticken, wobei ihm sein Vertrauter zur Seite stand. Anfangs beauftragte beispielsweise ein gewisser Dastaghir Fatima und Abiba mit den ersten „Mappe“ – herrlichen Darstellungen der Welt (mit dem einzigen Makel, dass Luxemburg, da es zu klein ist, nicht darauf zu sehen ist) – „ sie hatten zwei Schneiderateliers, nur zwanzig Meter vom Hotel entfernt “.

Mehr über Kabul und Boetti erfahren wir aus den Erzählungen von Ali Salman, einem jungen Afghanen, der schon sehr früh im Dienst – nein, als Freund – des Künstlers stand und ihn nach Rom brachte, wo Ali nach Boettis Tod im Jahr 1994 blieb und sich mit seiner Familie endgültig niederließ. Doch in der Zwischenzeit gibt es ein ständiges Hin und Her: Werke von Boetti, immer wieder die „Mappe“, die „Tutti“, Stickereien mit den unterschiedlichsten Motiven in einer hübschen Tragetasche, vor allem die „Ricami“.

Zum Jahreswechsel hatte die Galerie Tornabuoni – zunächst in Mailand, dann in Paris – gemeinsam Boetti und Ali Salman gewürdigt, mit wunderschönen Werken aus dessen Sammlung sowie der Veröffentlichung seines Berichts, seiner Erinnerungen, ergänzt durch zahlreiche Fotografien. Und die darin abgebildeten Stickereien waren nicht zuletzt eine Hommage an die afghanischen Frauen, an ihr Handwerk und ihre Inspiration, denn Boetti überließ ihnen die Wahl der Farben für die „Ricami“ (sogar für die „Mappe“, bei denen die Ozeane manchmal ins Rosa übergingen).

Die „Ricami“ sind mosaikartige Gitter aus Buchstaben, die zu Wörtern und Sätzen kombiniert sind; es ist dem Betrachter überlassen, sie zu entziffern, wobei die Leserichtung von Werk zu Werk variieren kann. Sprichwörter, Zitate, Schlüsselbegriffe für Boetti wie „ordine/disordine“. In farbenfrohen Kompositionen, in erhabener weißer Monochromie, in allen Größen, bis zu 170 Zentimetern. Afghanistan war Anfang der 70er Jahre ein offenes Land, ein Knotenpunkt des Hippie-Trails. Boetti hatte es gewählt, „fasziniert von der Wüste … der Kargheit, der Zivilisation der Wüste“.

Salman AliGhiero Boetti, Forma Edizioni 2021