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Bücher 3 Min. Lesezeit

Fünfzehn Liebesgeschichten mit Schleifpapier

Luxemburgensia

Erschienen in Ausgabe November 2022
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Diese fünfzehn Geschichten von Clara Lucarelli erinnern an Stilübungen. Man begegnet darin Figuren, die uns vertraut erscheinen, ohne dass wir genau sagen könnten, woher. Szenen, Orte und Konstellationen, die ein Déjà-vu hervorrufen. Und doch liegt in diesen fünfzehn Geschichten über die Liebe oder das Ende der Liebe aus dem Band „Chantiers du désir“ die Neuheit der neu kombinierten, beweglichen Kulissen. Im Hintergrund werden mit authentischem Ton und einer gewissen Feinfühligkeit die Sprachweisen und das Innenleben komplexer und interessanter Figuren (wieder)gegeben. „Chantiers du désir“ nimmt das Bekannte als Ausgangsmaterial, hebt jedoch durch seine Sprache und seine Figuren Details und Beobachtungen von besonderer Feinheit hervor.

Jede der Kurzgeschichten ist einer Figur gewidmet – ihren Gedanken, den Problemen, die sie dringend lösen muss, oder einer Bestandsaufnahme ihrer Vergangenheit bzw. ihres Liebeslebens. Dabei drehen sich alle stets um Fragen der Liebe. Da ist Jacques, der sich in seinem eigenen Leben verfolgt und seiner Frau unterworfen fühlt, aber nie Herr seines eigenen Lebens war; unglücklich angesichts dieser scheinbar ausweglosen Situation. Oder Geneviève, die zwischen Erinnerungen und Selbstanalyse zur ersten Beerdigung in ihrem Freundeskreis aus Jugendtagen geht. Da ist die alte Marie-Hélène, die in einem Pflegeheim festsitzt, die ihr ganzes Leben lang in den Hintergrund der Ereignisse gedrängt wurde, die sich einem Journalisten anvertraut und offenbart, wie sehr sie die ganze Zeit über von ihrer Ehe bestimmt wurde. Und da ist Juliette, die aus einer bürgerlichen Familie stammt, sich in einen Musiker verliebt und die Höhen und Tiefen der ersten Liebe erlebt, während sie erwachsen wird. Das Spektrum der Gefühle reicht von Eifersucht, Rache, Traurigkeit, Bedauern, Sehnsucht oder Glück bis hin zur Ekstase. Vom erwachenden Verlangen bis zur einschlafenden Liebe. Und obwohl „Chantiers du désir“ von Carla Lucarelli gewissermaßen vertraute Schauplätze in Szene setzt, rücken die Figuren, die alle wie gute Freunde mit ihrem Vornamen vorgestellt werden, einem unendlich nahe.

Diese fünfzehn Geschichten wirken so authentisch, weil sie so nah am Innenleben der Protagonisten sind. Manchmal wirken die Situationen real, mit bekannten räumlichen und zeitlichen Bezugspunkten, als könnte man den Figuren im wirklichen Leben zufällig begegnen. Nehmen wir Stéphane, der mit pointierten Kommentaren am Großherzoglichen Palast vorbeigeht (und dabei sofort seinen Charakter erkennen lässt). Manchmal, wenn auch seltener, lassen die Geschichten das Absurde einfließen, spielen mit den Grenzen der Fiktion und lassen unerwartete, unerklärte Elemente auftauchen, zum Beispiel einen schwarzen Panther, der ohne Vorwarnung in einem Schlafzimmer auftaucht, ähnlich wie die berühmte Kakerlake von Gregor Samsa. Manche Ereignisse sind flüchtiger, wie die unerwartete Begegnung mit Marianne auf ihrer Türschwelle, die ihre jahrzehntelange Routine durcheinanderbringt – und in diesem Wechsel zwischen dem Plausiblen und dem, was real sein könnte, gepaart mit den Funken der literarischen Fiktion, liegt die Stärke der fünfzehn Geschichten, die alle unbedingt lesenswert sind. Kurze, prägnante, aber stets abgerundete Geschichten mit sensiblen, aufrichtigen Figuren, in die man sich hineinversetzen kann – und will.

Carla Lucarelli: Chantiers du désir. Aux spectres glissants. Erzählungen. Französisch. Éditions Phi, 2022