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Bücher 4 Min. Lesezeit

Fünf Frauen im wilden Westen

Fünf Frauen, die nichts miteinander verbindet, stehen im Mittelpunkt von „Ladies with Guns“, einem feministischen Western von Anlor und Olivier Bocquet

Erschienen in Ausgabe Januar 2022
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Nach gut einem Jahrhundert männlicher Vorherrschaft, in dem Frauen auf die Rollen von Prostituierten, Mitgliedern von Sittenwächterinnen oder „Wildfängen“ beschränkt blieben, wird der Western-Comic seit einigen Jahren immer weiblicher. Vor drei Jahren veröffentlichte Laurent Astier den ersten Band von „La Venin“. Vor knapp zwei Jahren brachten Clotilde Bruneau und Carole Chaland das sehr interessante „Hippolyte“ heraus, und nun präsentieren Anlor und Olivier Bocquet „Ladies with Guns“.

Während der Titel des erstgenannten Albums nicht allzu viel über das Thema der Geschichte verrät und der Titel des zweiten Albums, gelinde gesagt, rätselhaft ist, lässt der Titel des letzten Albums beim Leser keinen Zweifel offen. Der Autor von „La Colère de Fantômas“, „Frnck“ und „Ailefroide“ – „Altitude 3954“ sowie die Zeichnerin von „Les Innocents coupables“, „Amère Russie“ und „Camp Poutine“, lassen die Kugeln fliegen – was im Western zwar klassisch ist –, aber vor allem, was weitaus ungewöhnlicher ist, legen sie ein ganzes Waffenarsenal in die Hände von Frauen.

Zu diesen Frauen gehört Kathleen, eine junge Londonerin aus gutem Hause, die mit ihrem Mann, einem Arzt, und einem mysteriösen Fass, das angeblich mit Salz gefüllt ist, nach Amerika gekommen ist und an einem einzigen Abend alles verloren hat: ihren Mann bei einem Unfall, ihre wenigen Wertsachen, die von denen gestohlen wurden, die sie eigentlich hätten beschützen sollen, und schließlich alle ihre Begleiter bei dem Überfall der Indianer auf ihre Postkutsche. Es ist auch Chumani, eine Indianerin aus der Gegend, die einzige Überlebende ihres Stammes, für die der Überfall auf Kathleens Postkutsche ihre letzte Heldentat bleiben wird. Es ist auch Abigail, eine schwarze Teenagerin, die ihren Herrn erstochen hat, als er versuchte, sie zu vergewaltigen, und daraufhin zur Bestrafung in einen Metallkäfig gesperrt wurde. Zu diesem, gelinde gesagt, erstaunlichen Trio gesellen sich bald Daisy, eine ehemalige irische Lehrerin im Ruhestand, stark und müde, die nun allein auf ihrem Bauernhof lebt, sowie Cassie, eine junge, schlanke, hochgewachsene und elegante Schwarze, die sich selbst als „Lustversorgerin“ bezeichnet.

Fünf Frauen, die nichts miteinander verbindet, die der Zufall des Lebens zusammengeführt hat und die sich nun gemeinsam gegen Rassismus, Machismo, Dummheit und die Gewalt dieses „Wilden Westens“ zur Wehr setzen müssen, in dem normalerweise nur Männer – weiße, reiche oder solche, die mit einer Waffe umgehen können – das Sagen haben. Zwischen Schwesternschaft und dem gemeinsamen Überlebenswillen bleibt den fünf Frauen, wie der Titel schon andeutet, keine andere Wahl, als zu den Waffen zu greifen. Nicht unbedingt, um Rache zu nehmen, sondern schon allein, um zu überleben. Die Männer ihrer Gegend werden dann schnell feststellen, dass zwar eine einzelne Frau in dieser alles andere als gleichberechtigten Gesellschaft keine Chance hat, fünf Frauen jedoch, die nicht mehr viel zu verlieren haben und beschlossen haben, zusammenzuhalten, äußerst gefährlich werden können!

Mit seinen 64 Seiten lässt sich dieser erste Band von „Ladies with Guns“ mit Vergnügen in einem Rutsch lesen. Zwischen linearer Erzählung, Rückblenden und Auslassungen nehmen sich die Autoren die Zeit, jede Figur und die verschiedenen Ereignisse vorzustellen, die sie dazu gebracht haben, sich zu begegnen, ohne dabei jemals den atemlosen Rhythmus der Geschichte aus den Augen zu verlieren. Sie spielen mit den Klischees des Westerns: die Postkutsche, die weiten Wüstenlandschaften, ein kleines, abgelegenes Dorf mitten im Nirgendwo mit seinem Saloon, seinem Sheriff, seinem Gefängnis, seinen ungehobelten und einfältigen Cowboys … nicht zu vergessen die allgegenwärtige Gewalt in einer Gesellschaft, in der man lieber die Colts und die Smith & Wesson vor Frauen oder Fremden sprechen lassen … Die Autoren vergessen auch nicht die rachsüchtigen Indianer, die den Weißen den Skalp abnehmen wollen. Doch die Genialität von Anlor und Olivier Bocquet besteht darin, all diese Klischees letztendlich zu unterlaufen und sie gegen die Mächtigen und Herrschenden zu wenden. Hier stehen die Frauen im Mittelpunkt, und ganz besonders jene, die diese Gesellschaft ganz besonders nicht will: Witwen, Schwarze, Indianerinnen, freie Frauen… Und umgekehrt bekommen die weißen europäischen Kolonisatoren, insbesondere die Männer, ausnahmsweise einmal nicht wirklich die Glanzrolle zugeteilt!

Angesichts dieser mitreißenden Herangehensweise verzeiht man gerne die wenigen Details, die den Leser vielleicht aufhorchen lassen und die mit einer gewissen Wahrhaftigkeit zu tun haben. Es ist zum Beispiel schwer vorstellbar, dass sich eine Londonerin aus der Oberschicht und eine Indianerin schon bei ihrer ersten Begegnung problemlos und ohne jegliche Sprachbarriere verstehen. Das macht nichts. Man bemerkt es zwar, geht aber einfach darüber hinweg, mitgerissen von der Erzählung, die nicht ohne einen gewissen absurden Humor ist, und von der Präzision und Schönheit der Zeichnungen von Anlor.

Mit diesem ersten Band haben die Autoren die Geschichte in Gang gesetzt und dem Leser erzählt, wie aus diesen fünf zunächst friedlichen Personen eine Bande verführerischer Frauen geworden ist. Nun sind wir gespannt darauf zu erfahren, was sie als „Ladies with Guns“ in der Fortsetzung dieser Abenteuer alles anstellen werden.

„Ladies with Guns“, Band 1, von Anlor und Olivier Bocquet. Dargaud