BREAKING NEWS Lancement du nouveau site internet du Land S'abonner →
Bücher 4 Min. Lesezeit

Ein atemberaubendes narratives und grafisches Labyrinth

Comic

Erschienen in Ausgabe Oktober 2022
Artikel teilen auf

Im Mittelalter ist Raoul ein Kopist, der sich Tag für Tag in seiner kleinen Zelle abmüht, biblische Texte zu illuminieren. Am Ende des 20. Jahrhunderts ist Max ein Teenager, der sich viel mehr für das Zeichnen begeistert als für die Schule, Mädchen oder irgendein anderes Spiel, dem Jungen seines Alters normalerweise nachgehen. Im Jahr 2070 schließlich ist Suzie eine Zeichnerin, die zwar nicht ohne Talent, aber eindeutig ohne Genie ist und die Figuren sowie das grafische Universum ihres Vaters übernommen hat, um weiterhin unbeschwert von den damit verbundenen Tantiemen leben zu können.

Den drei Figuren ist die Zeichnung gemeinsam, doch abgesehen von dieser gemeinsamen Leidenschaft scheint nichts sie miteinander zu verbinden. Alexandre Clérisse erzählt ihre Geschichten zwar parallel, jedoch in klar voneinander getrennten Kapiteln.

Die Gliederung – sprechen wir doch mal darüber! Das Album beginnt mit einer „Präambel“, gefolgt von einem „Präludium“ und anschließend einem „Prolog“. Danach folgen ein „Erstes Kapitel“ und ein „Kapitel Eins“, auf die ein „Kapitel Zwei“ folgt, einem „Zwischenspiel“ und einem „Zweiten Kapitel“. Danach folgen ein „Letztes Kapitel“, ein „Schluss“, ein „Ausgang“ und schließlich ein „Epilog“. Es ist klar, dass der Autor mit seinem Leser spielt, ihn hin und her schleppt, durchschüttelt, hin und her wirft, hin und her schaukelt…

Was wäre, wenn Clérisse – dem wir bereits die äußerst treffenden Werke „Jazz Club“ und „Trompe la Mort“ sowie die Zeichnungen zu „Souvenirs de l’empire de l’atome“, „L’Été Diabolik“ und „Une année sans Cthulhu“ nach Drehbüchern von Thierry Solderen – mit Worten jongliert, versteht er es auch, mit der Handlung, den Schauplätzen und den Figuren zu spielen. Vor allem dieser erstaunliche Herr mit langen Haaren, rotem Bart und Schnurrbart, der hier als reicher ehemaliger Comic-Verleger auftritt, dort als Drucker und Pionier der Gutenberg-Techniken und wieder anderswo als Autor im Ruhestand, der beschlossen hat, etwas am Rande der Gesellschaft zu leben. Da ist auch diese Abtei, die man in ihrer Blütezeit besucht, während der Restaurierungsarbeiten erkundet und dann leider in einem ruinösen Zustand wieder vorfindet. Eine geheimnisvolle Figur und ein rätselhafter Ort, die somit in allen drei Erzählungen und in allen drei Epochen präsent sind.

Es sind zwar wiedererkennbare Geschichten und Epochen, nicht dank des grafischen Stils – mit seinen originellen Seiten, den überraschend geformten Bildfeldern, diesem innovativen „Ligne claire“-Stil und den extravaganten Farben –, der über die gesamten 140 Seiten des Albums hinweg einheitlich bleibt, sondern durch sorgfältig gewählte chromatische Besonderheiten. „Max und das Ende des 20. Jahrhunderts“ haben einen bläulichen Farbton, „Raoul und das Mittelalter“ einen rosafarbenen – in perfektem Gegensatz zu den sehr düsteren Stimmungen, mit denen diese Epoche üblicherweise dargestellt wird –, während „Suzie und die Zukunft“ eine Vorliebe für gelbliche Farbtöne haben. Eine Art, den Leser durch dieses spannende Labyrinth zu führen, in dem man sich jedoch trotz der Kapitelunterteilung leicht verlieren könnte, da alles so stark miteinander verflochten ist und voneinander abhängt. Eine Verflechtung, die auf den Seiten 102–103 ihren Höhepunkt erreicht, wenn sich die drei Erzählungen diese beiden Seiten teilen, und dann im großen Finale ab Seite 130, über das wir hier nichts verraten wollen.

Trotz der Komplexität der Handlung – und auch wenn es durchaus sinnvoll ist, den gesamten Band zwei- oder mehrmals zu lesen, um sicherzugehen, dass man alle Facetten erfasst – ist dieses labyrinthische, atemberaubende Werk ein großer erzählerischer Erfolg, gepaart mit einer beeindruckenden technischen Leistung. Kein Wunder, dass der Autor ein ganzes Jahrzehnt gebraucht hat, um es zu gestalten.

Trotz der deutlich voneinander getrennten Epochen ist es schwer zu bestimmen, welche davon die erste Erzählebene darstellt, von der alle anderen abhängen, oder welche Figuren die Hauptrollen spielen. So sehr, dass die allerletzten Seiten des Albums mit dem Kreisel am Ende des Films „Inception“ verglichen werden könnten, der demjenigen, der die Geschichte aufnimmt – sei er dort der Zuschauer oder hier der Leser –, die Wahl lässt, das Ganze nach eigenem Belieben zu interpretieren. Das ist ebenso spielerisch wie gewagt!

Also ja, um dieses „Feuilles volantes“ in vollen Zügen genießen zu können, muss man – genau wie bei den Filmen von Christopher Nolan – bereit sein, sich vom Autor mitreißen und gewissermaßen einwickeln zu lassen. Wer das schafft, gelangt so auf eine zweite Leseebene, auf der es um künstlerisches Schaffen geht, darum, was es bedeutet, Künstler zu sein, und um die Gefahren, die damit verbunden sein können, um die Bedeutung, man selbst zu sein, um den Wert der Weitergabe, des Erbes, des Teilens, aber auch – und vielleicht vor allem von der ökologischen Dringlichkeit. Ein echtes grafisches und erzählerisches Erlebnis !

Fußnote