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Bücher 4 Min. Lesezeit

Die Bedeutung des Künstlerbuchs

Ein ungewöhnlicher Ansatz im Cercle Cité

Erschienen in Ausgabe Mai 2026
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Eine Ausstellung über Künstlerbücher zu zeigen, hat etwas Besonderes und Verwirrendes an sich. Virtuelle Medien und Bilder sind in unserem Leben so allgegenwärtig, dass wir uns durch ihren ständigen Gebrauch mit dem abfinden, was vielleicht bald eintreten wird: dem Verschwinden des Papierdrucks und damit des Buches im Allgemeinen. Mit ΙΣΤΟΣ / WEB – Contemporary Artists’ Books will Maria Bourbou, die Kuratorin, unterstützt vom Kunsthistoriker Aias Christofis, das Gegenteil beweisen. Das Künstlerbuch hat nach wie vor seinen Platz in der Papierproduktion, es zeichnet sich sogar dadurch aus, dass es ein Unikat ist.

Der Besucher des Ratskellers wird somit dazu angeregt, sich für eine „Nischenform“ zu interessieren. Doch das zeitgenössische Künstlerbuch ist der Erbe einer der ältesten Ausdrucksformen der Menschheit. Ohne Bücher, ob illustriert oder nicht – angefangen bei denTontafeln in der Antike über die Kodizes auf Schafshaut im Mittelalter bis hin zum Massendruck seit Gutenberg – hätten wir keine Erinnerung an die Geschichte der Menschheit. Als Beweis dafür wird in der Ausstellung kein Werk auf Papier gezeigt, sondern ein Video, in dem Fabio Godinho Homers „Odyssee“ vorliest („Left to Their Own Fate (Odyssey)“, 2019). Die Erzählung, Blatt für Blatt herausgerissen und vom Mittelmeer an genau jene Orte getragen, an denen sich die Abenteuer des Odysseus abspielten, verweist auf das Vergessen und auf die Gefährdung der Kultur und insbesondere der Kunst als Ausdrucksmittel.

ΙΣΤΟΣ / WEB – Contemporary Artists’ Books umfasst sehr unterschiedliche Kategorien. Künstler, die einen Text illustrieren, wie Robert Brandy mit den „Geheime Gedichte“ von Giôrgos Sephéris (Editions Phi, 1988), oder eine Zusammenarbeit aus Text und Zeichnungen zwischen Fernando Arrabal und Alecos Fassianos, „Sa corolle noire“ (André Biren, 1988). Es handelt sich um Werke, die noch der klassischen Ausdrucksform ähneln, die in den 1960er Jahren entstand und vor allem in Frankreich in Mode war. Bemerkenswert ist das Werk von Anneke Walch mit dem Titel „Grenzen“ (2015), eine gezeichnete Reise, die sich dank der Leporello-Form (Akkordeonbuch) entlang der Mosel und zu den historischen Schauplätzen der Konflikte in unserer Region entfaltet.

Je weiter man durch die Ausstellung schreitet, desto deutlicher wird einem der gesellschaftliche und politische Wert des zeitgenössischen Künstlerbuchs bewusst. So zum Beispiel bei der Mappe „10 little refugees“ (2016) von Désirée Winckler, deren Umschlagschrift die Künstlerin mit derselben Liebe gestickt hat, die sie in ihren Radierungen über die Not der vertriebenen Kinder zum Ausdruck bringt. Und wie könnte man angesichts ihres Vitrinennachbarn Claude Gérard nicht an das vollständige Verschwinden eines ganzen Kulturbereichs in den 1930er Jahren in Deutschland denken? Heute tendieren die scheinbar unendlichen Inhalte des Internets de facto zu einem Einheitsdenken. Dies wird durch zwei Werke von Maria Kompatsari veranschaulicht: BOOK-ANTROPIC (2019) und Open book #10 (2025). Die Seiten sind fragmentiert, Archivdokumente, die durch den Aktenvernichter gelaufen sind.

Wir persönlich bevorzugen den Begriff „Objektbuch“. Durch seine visuelle Gestaltung ging Ed Ruschas legendäres Werk „Every Building on the Sunset Strip“ (1966) in die Kunstgeschichte ein; es stellt methodisch die zweieinhalb Kilometer langen Fassaden auf beiden Seiten der berühmten Hollywood-Straße nach. Die Leporello-Form ist zu einem typischen Ausdruck des Künstlerbuchs geworden: Sie ermöglicht die visuelle Erzählung. Dies ist auch das Konzept des Albums „Happenstance“ (2024–2026) von Robert Hall, einer Zusammenstellung von fünfundzwanzig Landschaften, die auf Postkarten basieren, die auf Flohmärkten gesammelt und auf fast unmerkliche Weise überarbeitet wurden. Handgefertigte Fiktion, die der digitalen Fiktion die Stirn bietet.

Das Gleiche gilt für „Web-based visual poem, digital multimedia work on laptop“ (2014–2018), bei dem die Künstlerin Maria Bourbou „den Feind“ selbst als Medium nutzt: einen Computer. Ihre visuelle Darstellung ist aussagekräftiger als die Worte von Maria Bourbou, der Kuratorin, im Begleittext zu ΙΣΤΟΣ / WEB – Contemporary Artists’ Books: Die präsentierten Werke würden ein Anti-Netz/Web bilden. Da ΙΣΤΟΣ „Netz“ bedeutet, wäre der rote Faden „ein anderes relationales und kreatives Netzwerk“. Doch in ΙΣΤΟΣ / WEB – Contemporary Artists’ Books gibt es verschiedene Arten von Schöpfung.

Die beiden konzeptionellsten Werke „untitled combination_stockage“ und „walls origins/replacements_library“ (2024) von Julien Hübsch fassen das Thema meisterhaft zusammen. Die Bücher lehnen aneinander, als würden sie sich gegenseitig stützen, und werden durch einen Gurt zusammengehalten. In einem Wandregal, das wie ein Käfig umgedreht ist oder mit einem Stück Wand verschmilzt, das vielleicht einst Teil eines Regals war ?