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Bücher 4 Min. Lesezeit

Die Abenteuer zweier nackter Mädchen

Wie der Zeichner Luz das Schicksal eines Gemäldes von Otto Mueller nachzeichnete – von der Entstehung über die Schande der Nazizeit bis hin zur Rückgabe

Erschienen in Ausgabe Februar 2025
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Erst letzte Woche erfuhren wir auf einer ganzen Seite der Süddeutschen Zeitung, wie zögerlich die deutschen – genauer gesagt: bayerischen – Behörden bei der Suche nach den ehemaligen Eigentümern der von den Nazis geraubten Gemälde vorgehen. Nicht weniger als 200 Werke, die auf einer geheimen und nun veröffentlichten Liste mit einem roten Punkt markiert sind und zu den Staatsgemäldesammlungen gehören, zählen zur sogenannten Raubkunst; etwa 800 weitere Werke gelten weiterhin als verdächtig und sind orange markiert. Es ist wahr, dass München damals, in den 1930er- und 1940er-Jahren, eine Hochburg des Handels mit dieser Beute war; in München wurde auch die Ausstellung „Entartete Kunst“ organisiert, bevor sie durch die großen deutschen Städte tourte.

München nimmt daher – wie es die Umstände nun einmal so wollen – einen besonderen Platz ein und füllt ganze Seiten in dem neuesten Comic von Luz, dem überlebenden Zeichner von „Charlie Hebdo“, der einem Gemälde von Otto Müller gewidmet ist: „Zwei weibliche Halbakte“ aus dem Jahr 1919, das heute im Museum Ludwig in Köln zu sehen ist. Luz, mit bürgerlichem Namen Renald Luzier, hat nach „Catharsis“ – in dem er gestanden hatte, gleichzeitig seiner Kunst und seiner Freunde beraubt worden zu sein – wieder mit dem Zeichnen begonnen wendet er sich nun, ähnlich wie seine Kollegin Catherine Meurisse, der Kunst zu, um wirklich wieder aufzuleben – auch wenn es dabei weiterhin um Unglück und Katastrophen geht.

Luz zeichnet zwar das Schicksal von Muellers Gemälde nach, von seiner Entstehung bis zu seiner Rückgabe und seiner musealen Würdigung, doch meist sehen wir uns mit den schlimmsten Schicksalsschlägen konfrontiert, mit einem erbärmlichen Unglück – für das Werk, für den Künstler, für die Besitzer. Lassen wir dies beiseite, um ein Thema nicht erneut aufzuwärmen, das hier erst vor kurzem behandelt wurde: Was manche – zweifellos zu Unrecht – aus einer kürzlich in Münster gezeigten Mueller-Ausstellung geschlossen haben, die Frauen und Zigeunern (oder sollte man „Sint“ und „Roma“ schreiben?) gegenüber sehr kritisch war. Luz streift dieses Thema mit einem Moment eines gestohlenen Kusses an eine Studentin an der Akademie in Breslau.

Das Wesentliche liegt ganz woanders. Für Otto Mueller in seiner Kunst, und die Nazis haben ihm mit der Bezeichnung „entartet“ gewissermaßen ein Führungszeugnis ausgestellt. Für Luz – und das schon auf den ersten Seiten, mit Bruchstücken und Zeichnungsfetzen – entsteht das Gemälde mitten im Schaffensprozess, unter freiem Himmel; man nimmt den Künstler und Mascha, seine Muse, wahr, die sich übrigens beim Eindringen eines Voyeurs eilig wieder anziehen will. Von diesen ersten Augenblicken an und über die gesamte Geschichte hinweg – abgesehen von seiner Enthüllung ganz am Ende, die von Luz gezeichnet wurde – ist es das Gemälde selbst, das den Blickwinkel der Zeichnungen bestimmt; es ist das Gemälde, das sieht und sein eigenes Schicksal erlebt. Daraus ergeben sich ungewöhnliche, originelle Bildausschnitte, die zur Dynamik der Bilder und Situationen beitragen, die mal tragisch, mal geradezu grotesk sind.

Und die Episoden, von denen eine trostloser oder empörender ist als die andere, alle äußerst fesselnd, folgen aufeinander, auch wenn es zunächst diesen glücklichen Erwerb durch den Anwalt Littmann gibt, der sehr schnell Opfer der antisemitischen Repressionen wird, die ihn im September 1934 zu einem Selbstmordversuch treiben. Danach folgt der Abstieg in die Hölle, die Beschlagnahmung, die von Goebbels und Ziegler, dem Präsidenten der Reichskammer der Bildenden Künste, inszenierte Ausstellung, die Versteigerung in der Schweiz … mit der Rettung durch den Rückkauf durch Josef Haubrich, einen weiteren, in Köln ansässigen Anwalt, der seine Sammlung kurz nach Kriegsende der Stadt schenkte (allerdings erst nach einem weiteren Selbstmord, dem seiner Ehefrau im Jahr 1944).

Und ähnlich wie eine Rehabilitierung Ende der 1940er Jahre und später kam es dazu, dass die beiden nackten Mädchen von Mueller im Rahmen einer internationalen Ausstellungsreise zu sehen waren, wodurch Luxemburg und sein Museum in Luz’ Buch Einzug hielten. Vor der Rückgabe des Gemäldes an die Familie Littmann, an deren Tochter Ruth, verheiratete Haller, und seinem endgültigen Erwerb durch das Museum Ludwig. Am Ende einer schrecklichen Lektion in Zeitgeschichte, betrachtet durch den gar nicht so unschuldigen Blick zweier junger Frauen, eines Gemäldes, das ein Überlebender ist.

Fußnote