Gehorsam ist Verrat, Ungehorsam ist Dienst ! Mit diesem Untertitel starten JD Morvan (Sillage, Naja, HK, Luuna…) und David Evrard (Max et Bouzouki, Will…) nach „Irena“ ihre neue gemeinsame Serie. Eine neue Serie, um erneut einer starken Frau Tribut zu zollen, die sich in den vierziger Jahren gegen die Ungerechtigkeit auflehnte und auf ihre Weise, mit ihren Mitteln und nach ihren Möglichkeiten das Naziregime und insbesondere den Holocaust bekämpfte. Während sich die erste Serie mit dem Lebensweg von Irena Sendlerowa befasste, einer polnischen Sozialarbeiterin, die den Nazis die Stirn bot und fast 2.500 Kinder aus dem Warschauer Ghetto rettete, so widmet sich dieses neue Projekt dem Lebensweg von Simy Kadosche, einer Widerstandskämpferin aus Lyon, die nach Auschwitz deportiert wurde und in den 1980er Jahren als wichtige Zeugin im Prozess gegen Klaus Barbie auftrat.
Die Autoren beginnen ihre Erzählung im Jahr 1972. Genauer gesagt am 2. Februar. An diesem Tag, dem Lichtmessfest, bereitet Simone, wie es die Tradition will, Crêpes für die ganze Familie zu. Neben ihr steht ein junges Mädchen mit zerzausten Haaren und einem verschmitzten Lächeln, das sichtlich Spaß daran zu haben scheint, Simone ins Zweifeln zu bringen. Sie heißt Jeanne. Das Problem ist nur, dass außer Simone niemand sie zu sehen scheint! Ist Simone verrückt? Ganz und gar nicht. Traumatisiert hingegen schon; und die Autoren werden uns zu gegebener Zeit erklären, warum.
In der Zwischenzeit bleibt dieser Tag jedoch ein Meilenstein, weil im Fernsehen eine Reportage über die Gestapo in Lyon ausgestrahlt wird und Simone anhand eines Fotos Simone den Mann wiedererkennt, der sie vor etwa dreißig Jahren, am 6. Juni 1944, am Place Bellecour 33 in Lyon gefoltert hat. Schmerzhafte Erinnerungen, die der Vierzigjährigen sofort wieder in den Sinn kommen. „Wenn jemand diesen Mann als ‚den Schlächter von Lyon‘ erkennt, soll er sich bitte bei uns melden“, fügt die Fernsehmoderatorin hinzu. Doch Simone zögert. Ist er es wirklich? Er ist mittlerweile ein alter Mann – was soll das noch bringen? Das alles wieder aufzurühren, wird allen wehtun … Ob sie es will oder nicht, die Erinnerungskiste ist nun einmal geöffnet. Da ist natürlich dieser Tag, der 6. Juni 1944, aber auch alles, was dazu geführt hat, dass sie dem Chef der Lyoner Gestapo gegenüberstand. Auf persönlicher Ebene natürlich, aber auch aus historischer und politischer Sicht.
Simone erinnert sich nicht nur an den Krieg, den zwischen Hitler und Stalin unterzeichneten Nichtangriffspakt, den Blitzkrieg, das Debakel der Alliierten, die Flucht der Bevölkerung aus dem Norden, die Bombardierungen ziviler Migranten, den von Pétain angestrebten Waffenstillstand, die Besatzung, die „Freie Zone“ … und natürlich das Judengesetz – bereits im Oktober 1940 verabschiedet und im Juni 1941 verschärft –, erinnert sich Simone auch an ihre eigene kleine Geschichte. Da ist ihr Vater, ein gläubiger Jude, der jeden Sonntag von seinem Freund, einem Priester, eingeladen wurde, in der Messe zu singen. Da ist ihre Lehrerin, eine Freundin der Familie, die es so sehr liebte, ihr schokoladenbraunes Haar zu bürsten und sich Geld von ihren Eltern zu leihen, die sich im Juni 1942 in eine antisemitische Harpyie verwandelt, die nicht zögert, die „echten Französinnen“ von den „Israeliten“ zu trennen, diesen „schmutzigen Juden“ „die seit Anbeginn der Zeit übel riechen“, die „eine Gefahr für unsere Gesundheit darstellen“, und die jungen Jüdinnen anschließend mit DDT zu desinfizieren, bevor sie sie in den Unterricht ließ. Da sind ihre wenigen Freunde, die zunächst fest entschlossen sind, Sanitäter zu werden, dann Flugblätter für die Résistance zu verteilen und sich schließlich weigern, den Marschall am Tag der Verleihung ihres Schulabschlusszeugnisses zu grüßen. Und dann ist da noch diese berühmte Jeanne, die Simone auch als Erwachsene noch verfolgt – ein vier Jahre älteres Mädchen, dessen Eltern bei deutschen Bombenangriffen ums Leben kamen und das die Familie Kadosche bei sich aufnahm, das sie aber schließlich auf unverständliche Weise bei der Gestapo verriet.
Morvan und Evrard gelingt es – unterstützt durch Walters Farbgestaltung –, große und kleine Geschichte auf brillante Weise miteinander zu verweben. Die historischen Ereignisse geben den persönlichen Erzählungen von Simone einen wunderbaren Rhythmus, und obwohl sie die Schrecken des Krieges, die Gräueltaten der Nazis und die allgemeine Gewalt dieser traurigen Jahre – insbesondere gegenüber den Juden – schildern, vermeiden die Autoren es, beim Leser ein Gefühl der Beklemmung oder übermäßigen Abscheu hervorzurufen. Im Gegenteil: Sie wählen einen jugendlichen, ja sogar kindlichen Ton, um all diese Schrecken zu schildern. Das Ergebnis: Die Botschaften – gegen Rassismus, Antisemitismus, Revisionismus … – kommen ohne Schwere und ohne traumatisierende Wirkung rüber. Das macht „Simone“ zu einem spannenden Werk für Erwachsene, das aber auch für ein jugendliches Publikum perfekt zugänglich ist. Wir freuen uns schon auf die Fortsetzung.
Simone, Band 1: Gehorchen heißt verraten, ungehorsam sein heißt dienen.
Von Morvan, Evrard und Walter. Glénat