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Der Name des Vergessens

In einer Welt, die zunehmend dem Zwang zur Geschwindigkeit und dem Diktat der permanenten Vernetzung ausgeliefert ist, in der uns der Wettlauf gegen die Zeit um Produktivität Tag und Nacht von den Handlangern des…

Erschienen in Ausgabe August 2024
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In einer Welt, die zunehmend dem Zwang zur Geschwindigkeit und dem Diktat der permanenten Vernetzung ausgeliefert ist, in der uns der Wettlauf gegen die Zeit um Produktivität Tag und Nacht von den Handlangern des Konsumismus und den wenigen Nutznießern des Spätkapitalismus aufgezwungen wird, bedeutet das Wirken in und für die Langsamkeit, diese Welt, die unausweichlich Gestalt annimmt, mit subversiver Gleichgültigkeit abzulehnen. Es ist jedoch die Aufgabe des Dichters, in der Langsamkeit dessen zu wirken, der die Worte mit Bedacht und Akribie feilt, anstatt sie zu instrumentalisieren oder auf den Status eines bloßen Werkzeugs zur Vermittlung einer Information oder einer Lüge zu reduzieren.

In der Poesie von Jean Portante, wie sie sich in den fünf Gedichtbänden manifestiert, aus denen „Le Travail de l’étrange langue“ besteht, nämlich „L’étrange langue“ (2002), „Le Travail du poumon“ (2007), „En réalité“ (2008), „La réinvention de l’oubli“ (2010) und „Conceptions“ (2012), hängt diese Langsamkeit des Dichters nicht damit zusammen, dass er die Sprache hegen und schützen möchte, als wäre sie ein seltenes Juwel, das in einem Schmuckkästchen aufbewahrt wird. Sie rührt vielmehr daher, dass er sich bewusst ist, dass man in diesem Labyrinth aus Wörtern, das eine Sprache darstellt, mit vorsichtigen Schritten voranschreiten muss, damit die Sprache nicht von der Rolle des Hüters der Geschichten, die man ihr gerne zuschreibt, letztendlich zum Auslöscher von Geschichten wird. Während die Sprache die Illusion vermitteln kann, die Macht zu besitzen, Andersartigkeiten zu überbrücken, indem sie unterschiedlichste Wesen und Schicksale miteinander verbindet, und man ihr etwas voreilig und mit einer gewissen Naivität die Macht zuschreibt, wieder zu vereinen, auf der vor-edemischen Seite des Gedichts die Worte und die Dinge wieder zu vereinen, fragt sich der Dichter: „ Liegt in den ausgesprochenen Worten nicht die Notwendigkeit, sich/zwischen den Spalten dessen hindurchzuschlängeln,/was den Schnee ausmacht/ist weder Schnee noch eine Wolke/eine Wolke […] Gewiss, die Worte und die/Dinge, die vergehen, sind nicht/dazu bestimmt, sich zu verstehen. “

Wenn die Poesie von Jean Portante jener Raum ist, in dem die autofiktionalen Spiele, die er in Romanen wie „Mourir partout sauf à Differdange“ betreibt, aufhören, sich mit Fallstricken, Ausflüchten und anderen fiktionalen Täuschungen zu schmücken, um das lyrische Ich in seiner größten Nacktheit zu offenbaren, so ist sie zugleich ein brüchiger Boden, auf dem die Familiengeschichte – die vom Tod des Vaters, dann vom Tod der Mutter¹ – elliptisch und fragmentarisch, zirkulär und konzentrisch, schwer fassbar und andeutungsreich geschrieben wird.

Denn der Dichter weiß, dass das Schreiben dazu neigt, die Geschichte auszulöschen, anstatt sie unter den Zügen seiner Feder zu verewigen; er weiß, dass Poesie und Schreiben mit Erinnerung und Vergessen unter einer Decke stecken, dass alle drei der Erfindung und der Fiktion entspringen und somit die Erinnerung „&unberührt“ die Erinnerung, jenes kantische Noumenon, das „kein Wort, keine Erzählung berühren kann“ und dessen unaussprechliche Natur dazu führt, dass es schließlich vom Schreiben überdeckt, verschlungen und ausgelöscht wird. So muss der Dichter versuchen, „die so verwendete Sprache zu verdünnen“ wie Aspirin in Wasser, „damit sie, einmal aufgelöst, sich entblößt, wie man es von einem Stromkabel sagt, das, wenn man es berührt, den Tod bringt.“

Das liegt daran, dass Portante weiß, dass man sich nicht auf die Linearität und die scheinbare Einfachheit der Sprache verlassen kann, denn er weiß, dass Erinnerung eine Fiktion ist und dass in der heutigen postfaktischen Welt kaum noch zwischen Fiktion und Lüge unterschieden wird, praktiziert er in seiner Poesie unaufhörlich das, was zunächst wie eine Kunst der Redundanz erscheint, in Wirklichkeit aber eine ständige Suche nach dem treffenden Bild ist, nach dem Begriff, der passen würde, der genau ins Schwarze trifft, wobei der Dichter formuliert und umformuliert, so tut, als würde er zögern, zunächst diesen oder jenen Weg, diese oder jene Metapher erkundet, um dann wie eine Figur von Borges auf einem sich verzweigenden Pfad umzukehren – daher die Wiederholung des „ ich meine “, daher die komplexe Syntax, die Rückziehern, die widerlegten Metaphern – um sich schließlich zu fragen: Wozu genau soll es passen? Daraus entsteht eine bewegliche, nomadische, schwer fassbare Poesie, die sich entzieht, ihre seltsame Sprache in manchmal undurchsichtigen oder redundanten Bildern auflöst und unaufhörlich allegorische Rätsel konstruiert.

In den fünf Gedichtbänden werden somit die Lieblingsthemen des Autors immer wieder aufgegriffen – Einwanderung, die Sprache, die erstickt, die auslöscht, Migration und Krieg – durch ein Wortfeld, dessen Kohärenz von Gedichtband zu Gedichtband so sehr verblüfft, dass bestimmte Metaphern, Analogien, Tiere oder Gegenstände – der Hirsch, die Kirchenglocke, der Tisch, der Wal, der Regenschirm – zu einer Art vertrautem Mobiliar werden, dem man am Ende eines Verses, in der Ecke eines Satzes, in der Wendung einer Metapher begegnet, so wie man einen Stammgast in einer Bar begrüßen würde, der gerade seinen Café Corretto austrinkt, während er mit dem Barkeeper leise plaudert.

So sehr, dass man manchmal den Eindruck gewinnt, die Arbeit des Dichters bestehe auch darin, Sprache und Bilder bis zur Erschöpfung auszuschöpfen, wobei dieihn seine Besessenheit dazu treibt, im lockeren Boden der Sprache zu graben, um die mehr oder weniger fruchtbaren Körner zu ernten, die der Dichter gemeinsam mit seinen Vorgängern gesät hat und deren Werk er sich zu eigen gemacht hat. Daher rührt auch der (relative) Klassizismus in Portantes Lyrik, deren Sprache – ob er nun Haikus, Oktaven, Sonette oder weniger strukturierte Gedichte schreibt, immer wieder von seinen Dichtervorfahren durchdrungen ist, die – mal unmerklich, mal deutlicher – seine Gedichtbände nähren, die bisweilen einer kleinen Liebesgeschichte zur französischen Poesie gleichen. Darin tauchen wie Statisten in einem Film die Geister von Baudelaire („ das riesige Vergessen und die Flügel, die ihn am Vergessen hindern “), von Verlaine (die „inneren Landschaften“ und die Tristesse der Stadt (Esch)), von Rimbaud (die Zerlegung des Mondes in diese Konsonanten und Vokale) und von vielen anderen.

Zwar könnte man argumentieren, dass mit „Le Travail de la baleine“ (2014, Phi), einer Sammlung der Gedichte, die Jean Portante zwischen 1983 und 2014 verfasst hat, bereits eine Gedichtsammlung vorliegt, die das poetische Schaffen des Autors im selben Schaffenszeitraum abdeckt. Doch während „Le Travail de la baleine“ die Gedichte in eine andere Reihenfolge stellte als die, die in den darin enthaltenen Bänden vorgesehen war, um die für den Dichter charakteristischen roten Fäden hervorzuheben, mischt „Le Travail de l’étrange langue“, das auf „Le Travail de l’origine²“ folgt, mischt die Karten nicht neu und lässt die Abfolge der fünf darin enthaltenen Gedichtbände unangetastet, sodass sich die Gedichte in einer Chronologie entfalten können, die nicht nachträglich neu zusammengesetzt wurde, sondern sich an die verschiedenen Schaffensphasen hält – von diesem Familientisch, an dem die Geister einer im Exil lebenden Familie vorbeiziehen, von der noch immer hungrigen und von den Feuern tausender Bilder genährten Poesie bis hin zu diesen kurzen und bewegenden Gedichten über den letzten Krankenhausaufenthalt der Mutter des Dichters – eine Poesie, die ebenso karg und minimalistisch ist wie es die letzten Monate der mütterlichen Gestalt waren.

Dadurch lassen sich Gedichte wie dieses, ein Auszug aus „Conception“, der die eigenartige Sprache Portantes verdeutlicht, umso besser würdigen: „ Deine Wimpern sind Stäbchen aus verkohlter Kohle/Genau wie deine Worte Stäbchen sind/Aus verkohlter Kohle, und das bringt Poesie/in deinen Atem, denn Poesie ist das, was bleibt,/wenn die Worte verbrannt sind/oder das Wasser verdunstet ist/Und auch du bist wie Segel,/wenn das Wasser verdunstet/Und was bedeutet „atmen“ anderes als das Aufblasen/der Segel dessen, was verdunstet. “

* Der Autor ist Kulturkoordinator bei
Radio 100,7

1 Siehe den sehr bewegenden Sammelband