Teresa ist eine junge italienische Archäologin, die sich – wie viele ihrer Kollegen – für das alte Ägypten begeistert. Als in Berlin eine Ausstellung über den Schatz des Tutanchamun vorbereitet wird, ergreift sie die Gelegenheit beim Schopf, bewirbt sich um die Stelle als wissenschaftliche Assistentin und bekommt sie mit Bravour. „Hätte ich es nicht getan, hätte ich es mein ganzes Leben lang bereut“, sagte sich die junge Frau am ersten Morgen ihres Aufenthalts in Berlin. Kurz zuvor hatte sie sich jedoch gefragt: „Was zum Teufel mache ich hier eigentlich noch?“, und hinzugefügt: „Ich hätte besser bei meinen Eltern bleiben sollen.“ Zwar widersprüchliche Gedanken, aber durchaus logische Fragen, wenn man in einer unbekannten Stadt ankommt, in der man niemanden kennt. Dennoch weiß Teresa, was sie will. Sie blickt auf eine glänzende Karriere zurück und hat ihr Leben zu „einer langen, bequemen Geraden“ gemacht. Um die Metapher weiterzuführen, vergleicht sie ihr Leben sogar mit einer: „Autobahn, die immer pünktlich ans Ziel gelangt und damit die Bewunderung aller auf sich zieht“. Mit anderen Worten: Sie ist eine Streberin, eine Prüfungsmaschine, also eine Expertin für Archäologie, aber auch für alles, was mit toten Sprachen und althergebrachten Traditionen zu tun hat.
Sie hat zwar Köpfchen, gilt aber manchen – und manchmal auch sich selbst – als „langweiliges“ Mädchen. Ihr Leben wird sich völlig verändern, nicht nur durch ihren Umzug nach Berlin, sondern auch und vor allem durch ihre Begegnung mit Ruben. Er ist Italiener, genau wie sie, aber vor allem rebellisch, punkig und idealistisch. Seit zwei Jahren schlägt er sich in der deutschen Hauptstadt durch; als herausragender Zeichner lebt er sparsam, dank Photoshop-Arbeiten für Klatschmagazine und dank der finanziellen Unterstützung eines Vaters, den er fürchtet und hasst. Er ist noch ein bisschen kindisch – er hat sich einen alten SS-Mantel geschnappt, den er über alles liebt, weil er ihm einen Hauch von Albator verleiht –, selbstbewusst, selbstsicher, einfallsreich; er nimmt das Leben gerne so, wie es kommt, von Tag zu Tag. Er liebt es, herumzuschlendern und sich treiben zu lassen. Im Gegensatz zu ihr ist „die gerade Linie ein Konzept, das in seiner Geometrie eigentlich nicht existiert“. Kurz gesagt, er ist ihr komplettes Gegenteil. Aber sagt man nicht, dass sich Gegensätze anziehen?
Manuel Fior (Les gens le dimanche, Mademoiselle Else, L’Entrevue, Les variations d’Orsay, Celestia…) verrät uns nur sehr wenig über Rubens Vergangenheit und gar nichts über die von Teresa. Er gibt keinerlei Informationen über ihr Leben, ihre Familie oder ihre Heimatstadt preis… Als Leser lernen wir Teresa bei ihrer Ankunft am Berliner Flughafen kennen. Sie sind da, zusammen, in diesem Raum und dieser Zeit, der Rest spielt keine Rolle. Dennoch wird in der Erzählung ausführlich von der Vergangenheit die Rede sein. Aber von einer weiter zurückliegenden Vergangenheit, weiter südlich als Italien, auf der anderen Seite des Mittelmeers. Im Tal der Könige gegenüber von Luxor, im Herbst 1922.
In diesem anderen Raum-Zeit-Kontinuum beginnt der Autor übrigens sein Album. Dort, an der Seite von Howard Carter, werden wir Leser Schritt für Schritt Zeugen der Entdeckung des unberührten Grabes von Tutanchamun und seiner Schätze, die zu Beginn der Zwischenkriegszeit die ganze Welt zum Träumen brachten. Der Autor lässt uns ständig zwischen diesen beiden Epochen hin- und herreisen – was eine dritte mit einbezieht, da mit der Entdeckung des Grabes das gesamte Neue Reich Ägyptens wieder ans Licht kommt –, zumal Carters „The Tomb of Tut-Ankh-Mane“ Teresas Bettlektüre ist. Ein ebenso dickes wie schweres Werk, das die junge Frau immer wieder liest und das ihr in ihren langen schlaflosen Nächten Gesellschaft leistet. Denn Teresa leidet unter chronischer Schlaflosigkeit, wovon die breiten und tiefen dunklen Ringe unter ihren Augen zeugen, die ständig in ihrem Gesicht zu sehen sind. Die beiden Erzählstränge verflechten sich nach und nach, schon allein durch die zahlreichen Bildunterschriften. Die Höhen und Tiefen zwischen Teresa und Ruben spiegeln sich somit in den Entdeckungen und Momenten der Demotivation von Carter und seinem Team wider.
Der Stil der ägyptischen Bilder, der sowohl vom Expressionismus als auch vom Impressionismus geprägt ist – mit seinem dominanten Gelb, den subtilen Linien und der breiten Farbpalette –, steht im Kontrast zu einem präziseren, detailreicheren und zugleich dynamischeren Stil aus der Berliner Schaffensphase. Die Sanftheit des ersten bereitet somit auf die Sinnlichkeit des zweiten vor.
Dank Teresa, einer wahren Brücke zwischen diesen beiden Zeiten und Welten, wird der Leser beim Lesen von „Hypericon“ Teil einer vielschichtigen Geschichte ; gleichzeitig eine herrliche Reise im Stillstand, eine romantische Erzählung ohne Kitsch und Albernheiten, ein Wirbelwind aus Gefühlen und Empfindungen, der einem schwindelig macht, ohne dabei jemals die Orientierung zu verlieren. Manuele Fior präsentiert uns ein subtiles, ja sogar komplexes Gesamtwerk, das sich mit Abenteuer, Entdeckung, Archäologie, Geschichte, Botanik, Reisen … aber vor allem mit zufälligen Begegnungen und ewiger Liebe befasst. All diese Themen verbindet der Autor meisterhaft rund um das „Hypericon“, den wissenschaftlichen Namen des Johanniskrauts.
„Hypericon“ von Manuele Fior. Dargaud