Die Shortlist des Servais-Preises sorgt (ein wenig) für Gesprächsstoff, und das ist auch gut so. Denn im Großherzogtum wird selten über Literatur gesprochen. Allerdings geben die Gründe, aus denen darüber gesprochen wird, Anlass zum Nachdenken. Eine stärkere Präsenz von Frauen, heißt es in einigen Medien. Es stimmt, dass es eine historische Premiere für diesen Preis ist, der erst seit 2018 dem Trend der Shortlists folgt, dass auf dieser Liste mehr Frauen als Männer stehen.
Es handelt sich dabei auch um eine äußerst inhaltsleere Feststellung, eine Analyse, die mittlerweile jeder Veröffentlichung von Ranglisten beigefügt wird – unter dem Deckmantel eines billigen Feminismus wird fauler Journalismus plötzlich politisch. Er stellt fest, zieht Bilanz und verteilt dann wie ein Schiedsrichter.
Dabei geht das Interesse am Inhalt verloren, den man weder mehr hinterfragen noch analysieren noch gar einfach nur lesen muss. Ich sage nicht, dass man nicht über die Gleichstellung sprechen sollte. Die Tatsache, dass das vor etwas mehr als einer Woche bekannt gegebene offizielle Wettbewerbsprogramm in Cannes von insgesamt 19 Spielfilmen nur vier Filme von Regisseurinnen enthält, ist ziemlich bestürzend – ein Anachronismus, der glücklicherweise heutzutage immer seltener wird.
Ich sage lediglich, dass eine solche Argumentation, die den Feminismus mit so etwas wie dem Kalkül eines Krämer, der Aufstellung eines Statistikers oder dem Bericht einer Hauptversammlung gleichsetzt, dadurch trocken, redundant und belanglos wird. Ähnlich verhält es sich mit jenen Stimmen, die die Tatsache kritisieren oder lobpreisen, dass nur zwei luxemburgische Verlage auf der Liste stehen: Für die einen ist dies ein eindrucksvoller Beweis – wenn auch paradoxerweise durch die Wahl einer nationalen Jury untermauert –, dass die luxemburgische Literatur endlich den Sprung ins Ausland schafft1, während es für die anderen bedeutet dies eine Geringschätzung der Arbeit der lokalen Verleger – einer Arbeit, die oft ebenso herkulisch wie wenig anerkannt ist2.
Fassen wir zusammen oder wiederholen wir, was für alle klar sein sollte: Literatur hat weder eine Nationalität noch ein Geschlecht. Nur sind die Dinge natürlich etwas komplexer als das. Denn abgesehen davon, dass die Literatur lange Zeit ein dominantes Geschlecht und einige hegemoniale Nationen hatte, die sie auf Kosten anderer repräsentierten, hat man nach der Lektüre der vorausgewählten Werke den Eindruck, dass die Jury die Regeln ihres eigenen Preises nicht selbst angewendet hat. Denn so wie er sich selbst definiert, soll der Servais-Preis das bedeutendste literarische Werk des Jahres krönen, vor allem nach Kriterien des Stils und der Innovation.
Die Regeln des Preises sehen vor, dass die Anzahl der bisherigen Auszeichnungen des Autors nicht berücksichtigt werden darf (was ihn beispielsweise vom Goncourt-Preis unterscheidet). Wie lässt sich dann erklären, dass alle bereits ausgezeichneten Autoren systematisch ausgeschlossen wurden: Weder Nico noch Guy Helminger, Ulrike Bail fehlte gänzlich, Guy Rewenig schied aus, Jean Sorrente wurde übergangen, und ganz zu schweigen vom doch meisterhaften Abschluss der Roman-Trilogie von Jean Portante. Zu behaupten, dass diese Werke, von denen einige (nicht alle) zu den ausgereiftesten der jeweiligen Autoren zählen, es nicht verdienen, auf der Shortlist zu stehen, ist ein Unsinn. Es ist daher unbestreitbar, dass hier mehr auf dem Spiel steht als die „einfache“ literarische Qualität.
Aber was dann ? Der Wille zur Innovation, wie es in den Teilnahmebedingungen heißt ? Dafür fehlt es dieser Liste schmerzlich an einer Vorliebe für das Paragenre, obwohl wir mit „The Idiot of Saint-Benedict“ von Jean-Paul Gomez endlich einen guten luxemburgischen Science-Fiction-Sammelband in den Händen hielten. Er hat – wenn man der schlüpfrigen Rhetorik der Spötter folgt – das Pech, männlich zu sein, oder das Unglück, bei einem luxemburgischen Verlag veröffentlicht zu werden, oder auch das Missgeschick, bereits einen Preis gewonnen zu haben. Unerklärlich ist auch, wenn man von literarischer Innovation spricht, die Tatsache, dass man statt des verschachtelten und hinterhältigen, herrlich metafiktionalen „Kappgras“ von Nico Helminger die sehr konventionellen „Béischten“ von Jhemp Schuster und „Mutterrache“ von Margret Steckel ausgewählt hat. Die beiden Werke sind keineswegs schlechte Texte3, sondern bleiben den Lieblingsthemen ihrer Autoren treu, deren Schreibstil aus narrativer und stilistischer Sicht konventionell bleibt.
Der Wunsch, neuen Stimmen Vorrang einzuräumen ? Zugegeben, mit „Gut verräumte Sternschnuppen“, dem ersten Gedichtband von Chris Lauer, der sehr gekonnt und einfallsreich ist, sobald sie das Vokabular der Natur etwas hinter sich lässt, und mit „Wie die Fliegen“, dem ersten Roman von Samuel Hamen, der gewunden und postmodern wie man es sich nur wünschen kann, wurden bereits prägende Stimmen der jungen Generation ausgewählt (beim Tageblatt schwärmt man etwas voreilig, wenn man Hamen als Vorreiter bezeichnet, obwohl der Autor es oft abgelehnt hat, als luxemburgischer Schriftsteller bezeichnet zu werden). Aber warum wurde dann auch hier wieder Gomez ausgelassen?
Seit einigen Jahren hat man den Eindruck, dass innerhalb einer teilweise erneuerten und somit von frischem Wind geprägten Jury der Wille besteht, sich abzugrenzen und sich von dem Ruf eines Preises zu befreien, der immer wieder nur an dieselben Autoren vergeben wird. Ein Trend zur Diversifizierung oder vielleicht auch dazu, die eigene Aufgeschlossenheit zu feiern – manchmal auf Kosten des Werks, das dabei fast in den Hintergrund rücken würde.
Es gibt nur ein Problem bei diesem mutigen Bestreben, um jeden Preis auf die Vielfalt einer Shortlist zu setzen, die aus textlicher, genrebezogener und sprachlicher Sicht schon immer vielfältig war, und zwar aufgrund des Wesens der „Luxemburgensia“ selbst, dieses bunten und heterogenen Ungetüms, das die Jurymitglieder seit der Gründung des Preises im Jahr 1992 dazu zwingt, Kurzgeschichtensammlungen auf Deutsch mit einem Roman auf Luxemburgisch oder einem mehrsprachigen Gedichtband zu vergleichen.
Denn wenn nun Kinder- und Jugendbücher („Boy Underground“ von Isabelle Marinov ist übrigens ein sehr bewegender Roman für junge Leser) oder andere historiografische Abhandlungen ins Rennen gehen, besteht die Gefahr, dass die Meinungen noch stärker auseinandergehen, ganz gleich, welches Buch ausgewählt wird. Denn damit werden bestimmte problematische Prämissen des Preises – nämlich die Tatsache, dass man Äpfel mit Birnen vergleichen muss – nur noch weiter verstärkt, während man zudem aus den Augen verliert, worauf seine Legitimationskriterien ursprünglich beruhten.
Welche Lösung gibt es also für diesen Preis? Die Teilnahmebedingungen überarbeiten und an die des Goncourt-Preises angleichen (und damit das, was in diesem Jahr bereits geschehen ist, offiziell machen)? Ein Preis pro Gattung? Pro Kategorie? Pro Sprache? Eine ausländische Jury, die mehr Abstand hat ? Eine gemischte Jury, die ebenfalls vielfältiger ist ? Schwer zu sagen. Denn man muss zwar zugeben, dass die literarische Qualität dieser so vielfältigen Shortlist (die allerdings, wie so oft, ein wenig frankophob) gut ist, so ist sie doch auch ein wenig inkohärent und unausgewogen und liegt – da sie manchmal die Qualität auf dem Altar der Vielfalt opfert – etwas unter dem Niveau, zu dem die Luxemburgensia im Jahr 2023 fähig war. In diesem Sinne: Möge der oder die Beste gewinnen. Auch wenn dies mangels Vergleichsgrößen für immer unbestimmbar bleiben wird.
1 Es sei angemerkt, dass die Bücher von Hamen, Lauer
und Marinov in
unseren Buchhandlungen
fast nicht zu finden sind
2 Vor einigen Jahren wollte das Kulturministerium einen Literaturpreis nach dem Vorbild des Theaterpreises einführen, der auch diejenigen auszeichnen sollte, die hinter den Kulissen arbeiten. Davon ist inzwischen keine Rede mehr
3 Ich weiß, dass es in der Literatur nicht auf die Quantität ankommt, aber diesen schönen, aber konventionellen Text von etwa 56 Seiten auf Kosten der 594 Seiten von „Kappgras“ von Nico Helminger in die engere Auswahl zu nehmen
erscheint mir absurd