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Bücher 4 Min. Lesezeit

Abrechnung unter Gaullisten

Die Vereinigten Staaten hatten ihren Watergate-Skandal, Frankreich seine Markovic-Affäre. Diese ist zwar nicht im kollektiven Gedächtnis haften geblieben, hätte aber beinahe die Fünfte Republik ins Wanken gebracht. Eine Staatsaffäre, die von Jean-Yves le Naour und Manu Cassier meisterhaft erzählt wird.

Erschienen in Ausgabe Oktober 2022
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1. Oktober 1968. Auf der Mülldeponie von La Cavée-du-Roi, in der Nähe von Élancourt, direkt hinter Versailles, wird eine verweste Leiche entdeckt. Der Mann wurde ermordet. Es handelt sich um die Leiche von Stevan Marković, einem kleinen jugoslawischen Gangster, der sich im Großraum Paris niedergelassen hatte. Ein Fall, der sich eigentlich auf eine kurze Meldung in einer Lokalzeitung und eine schnell abgehandelte polizeiliche Ermittlung hätte beschränken können. Doch dazu sollte es nicht kommen.

Zum einen, weil der Verstorbene kurz vor seinem Tod Alain Delons Allrounder war. Der Schauspieler war damals noch nicht die Filmlegende, zu der er später wurde, aber er hatte bereits einige seiner ganz großen Rollen gespielt: „Rocco und seine Brüder“, „Die Finsternis“, „Der Leopard“, „Die Raubkatzen“, „Brennt Paris?“, „Der Samurai“ … Sein Name in den Akten verlieh der Angelegenheit sofort etwas Würze und zog die ohnehin schon skandalhungrige Presse an. In diesem Frankreich, das sich kaum von den Ereignissen des Mai ’68, der diskreten Flucht von General de Gaulle nach Baden-Baden und den politischen Unruhen erholt hatte, die Maurice Couve de Murville anstelle von Georges Pompidou ins Amt des Premierministers trieben, sahen manche in diesem Attentat die Gelegenheit, Pompidou endgültig aus dem Weg zu räumen – nicht nur aus dem Matignon, sondern auch aus seiner mehr oder weniger selbstverständlichen Position als Mehrheitsführer und damit als designierter Nachfolger von Präsident de Gaulle.

Man könnte sagen, dass die Markovic-Affäre für die französische Politik der 1960er Jahre in etwa das ist, was die Clearstream-2-Affäre für die Politik der 2000er Jahre war. Ein Fall, der strafrechtliche Ermittlungen – mit Verflechtungen bis hin in korsische Kreise –, Promi-Skandale und politische Intrigen miteinander vermischt und durch das Duo Jean-Yves le Naour (Charles de Gaulle, Les Compagnons de la Libération, Verdun, „Les Taxis de la Marne“…) am Drehbuch und Manu Cassier (Facteur pour femmes, Toulouse, Esclaves de l’île de Pâques…) an Zeichnung und Kolorierung erneut ins Rampenlicht gerückt wird.

Um genauer darauf einzugehen: Markovic wurde mit einem Schuss in den Kopf ermordet aufgefunden. Der Mann war der Polizei als „kleiner Gauner“ bekannt, der auf „schnelles Geld“ aus war. Die Ermittler richteten ihr Augenmerk schnell auf seine „ausgelassenen Partys“ mit Prominenten sowohl in Paris als auch in Saint-Tropez. Vor allem auf eine der letzten, bei der Markovic Fotos gemacht hatte. Hat er versucht, den einen oder anderen Teilnehmer zu erpressen? Wie dem auch sei: In einem Brief, den er kurz vor seiner Ermordung an seinen Bruder in Jugoslawien schickte, beschuldigt der Tote Delon und einen gewissen Antony, eine bekannte Persönlichkeit aus dem korsischen Milieu. Ein weiterer in Fresnes inhaftierter jugoslawischer Staatsangehöriger machte eine Enthüllung, die den Fall aus dem rein juristischen Bereich in den politischen Bereich rückte: Eine der Teilnehmerinnen an einer dieser Orgien sei „Madame Premier ministre“, also Claude Pompidou. Es kursieren sogar schon bald Fotos in den Geheimdiensten, Redaktionen und Ministerkabinetten. Zwar handelte es sich um plumpe Fälschungen, doch der Schaden war bereits angerichtet! Mehrere Monate lang konnte nichts diese teuflische Maschinerie aufhalten, die zu einer Abrechnung unter den Gaullisten wurde. Dies hinderte Georges Pompidou jedoch nicht daran, im folgenden Jahr zum Präsidenten der Republik gewählt zu werden.

Der Mord gilt bis heute als „ungeklärt“, und die Verantwortlichen für die politische Intrige sind nach wie vor unbekannt. Die Autoren hüten sich daher sorgfältig davor, irgendwelche Schlussfolgerungen zu ziehen, dokumentieren diesen seltsamen Fall jedoch so genau wie möglich. Cassiers Zeichnungen geben das Paris der späten 1960er Jahre äußerst realistisch wieder, während sich das Drehbuch eng an die Akten und audiovisuellen Archive zu diesem Fall hält. Lediglich die Figur des Journalisten, die eigens geschaffen wurde, um als Außenperspektive auf den gesamten Fall zu dienen, ist fiktiv.

Eine historische Genauigkeit, an die uns Jean-Yves le Naour in seinen früheren Alben gewöhnt hat. Das ist nur natürlich für einen Comic-Autor, der zugleich Historiker und Spezialist für das 20. Jahrhundert ist. Wie das Sprichwort schon sagt: Die Wahrheit übertrifft die Fiktion bei weitem, und diese Mischung aus politischen Schwergewichten, Medienstars und Persönlichkeiten „aus dem Milieu“ – mit allem, was dazugehört: Drama, Sex, Macht, Manipulationen … ist weitaus spannender als so manches Krimi-Szenario. Trotz der Komplexität der Erzählung, ihrer äußerst ernsten Aspekte, ihrer zahlreichen Figuren und ihrer langen Dialoge lassen sich die 88 Seiten des Albums mit Begeisterung lesen. Den Autoren gelingt es, ins Detail zu gehen, ohne dabei jemals den Faden oder den Rhythmus der Erzählung zu verlieren. Man muss diesen Fall nicht kennen oder ein Experte für französische Politik sein, um mit Vergnügen in diese „Affäre Markovic“ einzutauchen.

„Der Fall Marković“ von Jean-Yves le Naour und Manu Cassier. Grand Angle