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Bildende Kunst 4 Min. Lesezeit

Künstlerische Fantasy

Die Ausstellung im ersten Stock des Casino-Luxembourg Forum d’Art contemporain bietet die Möglichkeit, sich mit dem künstlerischen Einsatz von KI vertraut zu machen

Erschienen in Ausgabe März 2024
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Künstlerische Fantasy
„The Clones“ von Mary-Audrey Ramirez – gar nicht so monströs © Lynn Theisen

„Forced Amnesia“… Mit diesem Titel will die luxemburgische Künstlerin Mary-Audrey Ramirez dem Publikum, das den ersten Stock des Casino-Luxembourg besucht, keineswegs sagen, dass es die reale, gegenwärtige Welt vergessen soll. Dass eine Katastrophe den Planeten bedroht, die ihn in die urzeitlichen Tage der Schöpfung zurückversetzen oder in eine Zukunftswelt voller furchterregender Mutanten katapultieren wird. Ganz im Gegenteil: Die Ausstellung bewegt sich im Bereich der zeitgenössischen Kunst und umfasst Skulpturen, Gemälde, Installationen sowie eine Videoprojektion. Kurz gesagt: allesamt klassische Ausdrucksformen.

Mary-Audrey Ramirez, Anfang dreißig, lebt in Berlin und ist in Deutschland auf dem besten Weg zum Ruhm. Die Ausstellung im Casino, die um neue Werke erweitert wurde, ist eine Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Gießen, wo sie erstmals gezeigt wurde. Die Künstlerin wurde von Kevin Muhlen, dem gemeinsam mit Nadia Ismail als Kurator fungierenden, eingeladen. Außerdem war sie 2019 Preisträgerin des Edward-Steichen-Preises, verbunden mit einem sechsmonatigen Aufenthalt in New York.

Die bevorzugten Ausdrucksmittel von Mary-Audrey Ramirez sind die Bildhauerei und – auch wenn man hier davon weit entfernt zu sein glaubt – die Schneiderei. Das gesamte Werk der Künstlerin basiert auf einem Dialog mit der KI mit dem Ziel, ein interaktives Kunstwerk zu schaffen. Der Spieler, der mit einer Playstation ausgestattet ist, begegnet in diesem Universum all den Figuren, die er zuvor in den verschiedenen Stationen der Ausstellung gesehen hat.

Man sollte übrigens eher von Stimmungen sprechen. Es handelt sich um eine Zwischenwelt, die undefiniert ist (die Japaner würden sagen: „schwebend“), perfekt umgesetzt und von einer fließenden Musik von Simon Goff begleitet wird. Dabei darf jedoch die Leistung im technischen Sinne des Wortes nicht außer Acht gelassen werden, nämlich der Dialog von Mary-Audrey Ramirez mit der KI, um eine Umsetzung zu erreichen, die genau ihren Wünschen entspricht. Ein Beweis dafür, dass man Technologie nutzen kann, anstatt ihr „zum Opfer zu fallen“, wie viele befürchten.

„Forced Amnesia“ ist, wie bereits erwähnt, letztlich eine klassische Ausstellung. Zunächst einmal gibt es den Skulpturensaal, in dem die Geschöpfe vom Anbeginn der Welt oder einer neuen Welt auf Sockeln in einer bläulichen Atmosphäre angeordnet sind. Eine Anspielung auf die Unterwasserwelt, denn so hat das Leben auf der Erde begonnen – oder wird es wieder beginnen?

Hier sind die im 3D-Druck hergestellten „Monster“. Sind sie wirklich so furchterregend? Man denkt an Kindermärchen vom 19. Jahrhundert bis heute, in denen es immer wieder furchterregende Wesen gibt. Man ist ihnen übrigens auch schon in der Kunstgeschichte begegnet: bei Hieronymus Bosch, der in der Spätgotik (15. Jahrhundert) „der“ Meister der hybriden Figuren war. Und sind die Kathedralen, die Krönung der gotischen Baukunst, nicht von beunruhigenden Wasserspeiern gekrönt, die das Regenwasser ausspucken, so wie Drachen Feuer speien? Im Mittelalter aus Stein gemeißelt, im 21. Jahrhundert als 3D-Kreation aus verfestigtem und poliertem Sand : Geeks, Nerds und Anhänger der heutigen Gothic-Kultur sind mit der Welt der Fantasy bestens vertraut.

Es folgt eine Galerie von Porträts mit rosafarbener Haut, die an Tierföten erinnern und in denen man genetisch veränderte Wesen zu erkennen glaubt… Nicht nur, dass Mary-Audrey Ramirez’ Fantasie und Poesie hier in einer verblüffenden Beherrschung der KI zum Ausdruck kommen, auch das schimmernde Material der Satin-Drucke und die Samtrahmen erinnern an ihre Vorliebe für die Couture. Auch wenn manche dies vielleicht als Kitsch empfinden mögen, ist man anschließend doch verblüfft am Rand des von weißen Vorhängen umgebenen Rings, wo Monster aufeinanderprallen, die wie prähistorische Dinosaurier und Schlangen aus der griechischen Mythologie aussehen. Diese einzigartigen Kreationen aus Stoff, Kunststoff und weißer Farbe sind wie Puppen mit Kapokfasern gefüllt. Man weiß allerdings nicht so recht, ob man sie als Haustiere haben möchte – ebenso wenig wie die seltsamen Seepferdchen in ihrer Plastikblase, die den Eindruck erwecken, in Formalin zu schweben.

Zweifellos verfügt Mary-Audrey Ramirez über ein unglaubliches Talent, eine blühende Fantasie sowie fundierte Kenntnisse im Bereich des 3D-Drucks und der avantgardistischen KI. „Forced Amnesia“ bietet jedem die Möglichkeit, ihre visuellen Ergebnisse kennenzulernen. Doch nicht jeder beherrscht die Playstation-Controller gut genug, um an der letzten Etappe teilzunehmen: nämlich ein Videospiel, das nicht dem Mainstream, sondern der Kunst gewidmet ist und zweifellos eine Nische für zukünftige Kunstwerke darstellt, so wie es derzeit Dokumentarfilme und früher Videos waren.

Wir hoffen, dass das Casino-Luxembourg ein junges Publikum anzieht, das mit dieser Welt vertraut ist, aber nicht unbedingt aus kultureller Perspektive.

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in der Konschthal Esch zu sehen