So weit ist es im Kirchberg noch nicht – Sie müssen Ihren Besuch nicht reservieren, und doch wäre das eine gute Gelegenheit, Ihnen zusammen mit Ihrer Bestätigung die hervorragende, etwa vierzigseitige Broschüre zuzusenden, damit Sie Ihren Rundgang vorbereiten können. Es ist schwierig, das Lesen mit der Betrachtung der Kunstwerke zu verbinden. Na gut, dann lesen wir später weiter und kommen wieder. Man weiß, dass sich das für dieses Jahr geplante Triptychon, das im Mai seinen Abschluss findet, damit befasst, was das Museum sein könnte oder sollte – diese gute alte Institution, die in unserer Zeit, in einem sich ständig wandelnden Umfeld, ihrerseits in Frage gestellt wird. Und wenn man auf den Tribünen in der großen Eingangshalle Platz nimmt, neben allerlei Schaufensterpuppen, vor der Leinwand, werden einen zahlreiche Filme mit solchen Überlegungen, Anregungen und Vorschlägen zu diesem Thema konfrontieren. Vorausgesetzt natürlich, man nimmt sich die Zeit dafür.
Und hier zeigt sich ein erster Punkt radikaler Veränderung: Das Museum gleicht einem Kinosaal, in dem nicht mehr a priori der Besucher über sein Verhalten entscheidet. Zudem versteht sich die „Arena“ als sozialer Raum der Geselligkeit, während selbst Filme zu Hause auf dem mehr oder weniger großen Fernsehbildschirm vor dem einsamen Sessel laufen. Und selbst in den Stadien wurden die Stehplätze – die Plätze der echten Fans – zugunsten von Logen und reservierten Bereichen abgeschafft, ganz im Zeichen des Individualismus oder des „Unter-sich-Seins“.
„A Model“ bezieht sich auf ein schwedisches Experiment aus den 1960er Jahren, und eine der aufgeworfenen Fragen betrifft genau diese Abstimmung zwischen Isolation (und Besinnung) und Gemeinschaft (mit ihrer spielerischen Seite). Eine weitere Trennung oder Grenze, die es aufzuheben oder zu überwinden gilt, besteht zwischen Kunstwerken in ihrer traditionellen Ausstellungsform und performativen Praktiken. Vor diesem Hintergrund entfaltet sich (auch zeitlich mit einem Programm von Interventionen) eine Ausstellung, für die es für den wenig versierten Besucher vielleicht hilfreich ist, auf solche roten Fäden, solche Leitfäden zurückzugreifen, um sich darin zurechtzufinden. Einerseits erkennt er im Laufe seines Rundgangs alles, was mit politischen Anliegen (im bürgerlichen Sinne des Wortes) zusammenhängt, andererseits wird er besonders auf die Verbindung und das Zusammenspiel solcher bisher unveröffentlichten Werke der Ausstellung mit den Stücken aus den Sammlungen des Mudam achten.
Das beste Beispiel dafür ist im Skulpturengarten, dessen Boden vorübergehend mit einer Imitation mediterraner Fliesen ausgelegt ist, die Gegenüberstellung von „Many Spoken Words“, dem Brunnen von Su-Mei Tse, und „Become a Sea“ des Pariser Kollektivs Claire Fontaine ; eine etwas weiter entfernte Gegenüberstellung der chinesischen Dichterin Line Zhao und des persischen Mystikers Jalâl ad-Dhîn Rûmî sowie dessen Ermahnung: „Fürchte nicht, dass das Wasser versiegt, denn es ist unendlich.“
Die erste wurde inhaftiert und hingerichtet, und auch in anderen Zusammenhängen mangelte es nie an Kämpfen. Zu den herausragendsten Beispielen in diesem Zusammenhang zählt die Installation von Isaac Julien mit ihren zahlreichen Bildschirmen und afrikanischen Skulpturen, ein wenig wie die Attraktion eines Spiegelsaals, jedoch mit einer erheblichen Bedeutung: der Rückgabe der aus Afrika mitgebrachten Werke, die den Afrikanern zur Zeit der Kolonialisierung geraubt wurden. Und zusätzlich zu den Fragen der Gerechtigkeit stellen sich auch Fragen nach ihrer ursprünglichen Bedeutung (die es in Ländern, die sich ebenfalls gewandelt haben, wiederzufinden gilt) und nach ihrer Erhaltung, die ebenfalls in dem Dokumentarfilm „Dahomey“ von Mati Diop thematisiert werden, der am vergangenen Samstag in Berlin den Goldenen Bären erhielt und von der Rückgabe von 26 Kunstwerken durch Frankreich an Benin handelt.
In beiden Fällen stimmen Aussage und Ausdruck perfekt überein. Lässt sich dasselbe – da bin ich mir nicht sicher – auch von den Blumenbeeten in Töpfen, „Field Trip“, in einer anderen Galerie sagen, die den „Pasta Paintings“ gegenübergestellt sind – ja, aus Muschelnudeln, Pflanzen und Nudeln, die vom Personal und den Restauratoren besonders gepflegt werden müssen? Man denkt darüber nach, während man auf den Bänken von Finnegan Shannon sitzt. Es sei denn, man macht sich gerade daran, das Segel des „Radical Feminist Pirate Ship“ von Andrea Bowers zu hissen, das Teil einer ganz aktuellen Schenkung von Gaby und Wilhelm Schürmann ist.
Kunst als Mittel, das Altes abträgt – auch wenn sich die Richtung dadurch auf nicht minder bissige Weise umkehrt, wie im letzten Brief von Ben (Vautier), dem Fluxus-Künstler, zu lesen ist: „Wo ist die Kunst geblieben, die die Welt verändern sollte? Alles ist nur Dekoration, Komödie, Lüge, Geld und Heuchelei… “ So weit wollen wir nicht gehen, aber wir werden uns auch nicht neben die Mannequins auf den Tribünen stellen, die sich nach hinten lehnen, den Blick nach oben gerichtet, mit benommenem Gesichtsausdruck, und auf einen Gruß warten, von dem man nicht weiß, woher er kommt. Seien wir bescheidener, realistischer, ganz im Sinne von Günther Uecker: „Die Kunst kann den Menschen nicht retten, aber mit den Mitteln der Kunst ist ein Dialog möglich.“