Wenn Sie in den letzten Jahren ein Konzert in Luxemburg besucht haben, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass Sie unserem heutigen Gast im Bereich für Pressefotografen begegnet sind – mit dem Presseausweis um den Hals und den Kameras jederzeit bereit, eine Geste, eine Haltung oder eine Mimik einzufangen.
Wir haben uns in der Kulturfabrik verabredet, einem Ort, den er gut kennt. Als ich ankomme, hat er es sich bereits gemütlich gemacht, seine Ray-Ban-Brille auf der Nase und ein Aloe-Vera-Getränk in der Hand. Carl Neyroud stammt aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Dijon und ist ein sehr umgänglicher, lustiger und liebenswerter Mensch. Man glaubt zwar, ihn zu kennen, weil man ihn so oft mit seinen Objektiven vor zahlreichen Konzertsälen herumlungern sieht, doch wenn man sich neben ihn setzt, entdeckt man, dass der Junge ein sehr rock’n’rolliges, ja manchmal sogar filmreifes Leben geführt hat.
Er wäre gerne Sänger geworden und erinnert sich, dass er als Kind, sobald er ein bisschen Taschengeld hatte, sofort in den Laden rannte, um sich Schallplatten zu kaufen. „In den Sendungen von Bernard Lenoir auf France Inter habe ich den englischen Pop und die New Wave entdeckt. Von da an stand fest: Ich wollte Sänger werden … nur war ich grottenschlecht, und selbst der Versuch, in einer Band mitzuspielen, hat nichts gebracht (lacht). Im Grunde blieb mir also nur noch die Fotografie… “ Kurz vor Erreichen der Volljährigkeit kam dann alles ins Rollen: „ Zur Fotografie bin ich eher zufällig gekommen. Tatsächlich entwickelte ich mit etwa 18 Jahren eine echte Leidenschaft für Online-Spiele. Ich spielte sie am Wochenende rund um die Uhr. Natürlich wurde mir nach einer Weile klar, dass das nicht nur zeitraubend war, sondern dass ich letztendlich nichts aus meinem Leben machte. Und da kam der Zufall in Form einer Partnerschaft bei der Arbeit mit der Firma Nikon ins Spiel. Ich habe mir eine Kamera gekauft und mir gesagt: „Wenn es mir gefällt, mache ich weiter; wenn es mir nicht gefällt, ist das auch nicht schlimm, denn die Kamera hat nicht viel gekostet.“
Ich werde niemals Fotos von Konzerten machen
„Damals wohnte ich im Großraum Paris, im Departement Yvelines, gegenüber dem Schloss von Rambouillet. Jeden Tag übte ich mich darin, das Schloss, Enten im Flug, Vögel zu fotografieren … und die Leute, denen ich meine Abzüge zeigte (wir waren noch nicht in der Zeit von Facebook und den sozialen Netzwerken), fanden das allmählich gar nicht so schlecht. Später habe ich dann auch Models fotografiert, für Vereine, oft im LGBT-Milieu. “ Ein Freund rät ihm, Konzertfotos zu machen. Darauf gibt er diese denkwürdige Antwort: „ Niemals, niemals im Leben werde ich Konzertfotos machen ! Ich riskiere, das Konzert nicht genießen zu können, und dafür liebe ich die Musik viel zu sehr. “ Dann kam das Indochine-Konzert, die „Paradise +10“-Tour im Zénith, wo es Carl gelang, ohne Akkreditierung mit seiner Kamera hineinzukommen. „ Ich mache Fotos. Ich zeige sie anschließend einer Freundin, die Fan der Band ist, und sie fragt mich, ob ich sie ihr ausleihen kann. Am nächsten Morgen ruft mich Nicola Sirkis an und kauft sie mir ab. Von da an habe ich ein wenig mit der Band auf der „Black City Tour“ zusammengearbeitet, dann für das Plattenlabel Pias, für das ich Fotos von Editors und Interpol gemacht habe. “ Zu diesem Zeitpunkt hatte er den Fuß in der Tür, sein Netzwerk in der Musikszene erweiterte sich … Und er wurde Fotograf. Er erklärt: „Jeder kann natürlich Fotos machen, aber nicht jeder kann Fotograf werden. Es ist immerhin ein Beruf, und das vergessen die Leute manchmal. Es ist ein Job, bei dem man viel, wirklich viel unterwegs sein muss. Und wie bei vielen Dingen muss man auch ständig üben und durchhalten. Die wichtigste Eigenschaft ist der Umgang mit Menschen und Bescheidenheit. “
Im ehemaligen Jugoslawien eine Kugel abbekommen
Dann kommt das Gespräch auf seine ersten Jobs und sein Leben „von früher“. Und da entdeckt man eine Seite an ihm, von der man bisher keine Ahnung hatte, da Carl Neyroud in dieser Hinsicht eher zurückhaltend ist. „ Die Leute wissen das nicht unbedingt, aber ich habe ein extrem seltsames Leben. Zum Beispiel wurde ich bei einem bewaffneten Konflikt angeschossen. “ Er erzählt : „ Wir fuhren oft mit meiner Familie in den Urlaub nach Südfrankreich, nach Fréjus. Und direkt daneben war das 21. Marineinfanterieregiment stationiert. In meiner Familie sind ziemlich viele beim Militär. Als es also nach dem Abitur an den Wehrdienst ging, habe ich mich gemeldet und bin fünf Jahre lang dort geblieben. Und 1994 wurde ich während des Konflikts ins ehemalige Jugoslawien entsandt. Eines Tages gerieten wir unter Beschuss, und ich wurde an der Hand getroffen. Ich musste mich anschließend einer Operation unterziehen, um die Sehnen meiner drei Finger wiederherzustellen.“
Carl Neyroud ist zweifellos ein sympathischer Mensch. Seine Bescheidenheit wird nur noch von der Anzahl der Stunden übertroffen, die er damit verbringt, seine Aufnahmen so lange zu bearbeiten, bis sie perfekt sind. Man könnte ihm stundenlang zuhören, wenn er Anekdoten erzählt, wie zum Beispiel von jenem Mal beim Festival „Les Vieilles Charrues“, als er Lana del Rey in ihrer Garderobe einen Heiratsantrag machte. Oder als er die Sängerin Selah Sue interviewte und es nicht lassen konnte, sie Sheila zu nennen. Man merkt, dass jede Begegnung ihn prägt, und versteht besser, warum manche Künstler mit ihm befreundet geblieben sind. Er betrachtet sie nicht als Stars, sondern als ganz normale Menschen – wie er selbst, wie Sie.
Playlist
Die erste Platte, die du gekauft oder geschenkt bekommen hast?
(Er bricht in Gelächter aus) Als Geschenk bekam ich „Der gestiefelte Kater“ von Chantal Goya oder so etwas in der Art. Gekauft habe ich „Fantastic“, das erste Album von Wham! aus dem Jahr 1983, und das von Duran Duran.
Welches Lied erinnert dich an deine Kindheit?
„Love is all“ von Roger Glover mit dem animierten Musikvideo aus jener Zeit und dem Frosch, der Gitarre spielt.
Das Lied, das dich zum Weinen bringt ?
„Faith“ von The Cure.
Welcher Song gibt dir richtig Energie ?
„Groove is in the heart“ von Deee-Lite.
Welches Lied kannst du nicht mehr hören?
„Born to be alive“ von Patrick Hernandez. Das kommt daher, dass ich früher mal als DJ aufgelegt habe und mich an einen Abend erinnere, an dem mich ein ziemlich angeheiterter Typ im Laufe des Abends bestimmt vierzig Mal danach gefragt hat. Das wäre fast böse ausgegangen, denn es hat ihm überhaupt nicht gefallen, dass ich mich geweigert habe, den Song ein 41. Mal aufzulegen (lacht).
Welches Lied hörst du dir nicht gerne an?
Auch wenn ich mich für nichts schäme, würde ich „Womanizer“ von Britney Spears sagen (eine versteckte Botschaft an Pamela).