Der oben gewählte Titel trifft gleichzeitig zu und ist falsch. Ja, die Ausstellung von Louis Cane gleicht einer Retrospektive, die sich über fast sechzig Jahre erstreckt – die ältesten Werke stammen aus der Mitte der sechziger Jahre –, und man erkennt sofort die Nähe des Künstlers zu „Supports/ Surfaces. Doch nein, sie hat nichts Reduzierendes an sich, ganz im Gegenteil: Es sind Werke von beachtlicher Größe in Räumen, deren Weite man gar nicht mehr extra erwähnen muss. „Reise durch die Malerei“, so lautet der Titel der Ausstellung, was das Kommen und Gehen der Künstlerin unterstreicht, ihr unaufhörliches Wandern in alle Richtungen. Die allerneuesten Werke – mit Harz beschichtete Gemälde auf Drahtgeflecht, die auf Metallrahmen gespannt sind – knüpfen in gewisser Weise, in der intellektuellen Auseinandersetzung mit den Bestandteilen, an die Anfänge an. „Wirklich abstrakte Gemälde“, bezeichnet Louis Cane sie; andere wurden lediglich als traditionelle abstrakte Gemälde bezeichnet. Und der Besucher stößt von Anfang bis Ende auf ein Hin und Her zwischen eben dieser Abstraktion und der Figuration, wobei jede Grenze ständig aufgehoben wird.
Das kann daher zunächst einmal jeden, der Louis Canes Werdegang nicht verfolgt hat, in Verwirrung stürzen. Daraus muss man sich jedoch sehr schnell befreien. Und sich beispielsweise an ein solches Bekenntnis von Cane klammern: Der Künstler malt, wie er fühlt; es ist der Triumph des Ichs und der Freude. Umso besser, dass letztere sich durchaus vermittelt.
Ob Abstraktion oder Figuration – Louis Cane fesselt uns durch die Farbe, sei sie nun das eigentliche Thema des Werks oder verleihe sie diesem seine Intensität, ja sogar seine Leuchtkraft. In den unterschiedlichsten Serien – um es mit den Worten der Musik zu sagen – finden sich im Laufe der Jahre ebenso viele Themen und Variationen. Im Wandhaff sind zahlreiche davon zu sehen, und in diesem Rückblick spielt eine chronologische Reihenfolge keine Rolle: Landschaften, Frauen, Blumen, Kardinäle schleichen sich schwebend ein, um die Leichtigkeit des Schaffens zu unterstreichen und gleichzeitig einen Augenzwinkern an bestimmte Meister zu richten, sei es in Anlehnung an van Gogh oder Paolo Uccello. Nicht zu vergessen, weit in die Vergangenheit zurückzugehen, um zu anderen ästhetischen Anliegen zurückzukehren.
Louis Cane deckt ein breites Spektrum ab und erkundet mit seinen Pinseln methodisch die Bereiche der Malerei. Und nicht zuletzt auch der Bildhauerei. Zu den Beispielen in der Ausstellung gehört eine relativ neue Bronze aus dem Jahr 2022, „Eve“, eine Frau in ihrer ganz und gar hieratischen Nacktheit, die Arme am Körper entlang; eine erstarrte, zweifellos steife Haltung, gepaart mit der Würde und Feierlichkeit, die man aus den Klassikern kennt. Und im Gegensatz dazu oder als Kontrapunkt dazu Objekte voller Witz und Humor: bunte Frauen, Ballerinas auf einer Schaukel, aus Bronze und bemaltem Eisen oder Stahl – man könnte sie auch für Trapezkünstler halten, bereit für die wirbelndsten Kunststücke. Was die Skulptur (oder das Objekt) betrifft, so findet sich dieselbe dynamische Kraft auch im „Véhicule libello-tracté“ aus dem Jahr 2001 wieder, und der Titel fügt hinzu: „Picasso trägt seine Farben ins Paradies, wie ein Sonnengott in seinem Lauf.“ So viel zu einer bezaubernden Fantasie, einer schöpferischen Kraft mit ihrer launischen, malerischen Seite.
Am Ende der Ausstellung, in einem separaten Raum, ist es genau das Gegenteil, das uns die Kehle zuschnürt. Schon die „Sols/Murs“ und die „Peintures sur chasuble“ hätten uns warnen können oder müssen – auf den außergewöhnlichen Charakter dieses Raums. An der Rückwand, auf einer Fläche von vier mal über neun Metern, ist ein schreckliches Gemetzel zu sehen, das in Anlehnung an den Naturforscher René-Primevère Lesson aus der Mitte des 19e mit dem lateinischen Begriff „Carnifex“ betitelt ist. Alles, was Henker und Mörder sich an Folter und Qualen ausdenken konnten, ist hier dargestellt – das Grauen, das sie nach wie vor in die Tat umsetzen, vom Pranger bis zur Elektrischen Folterbank, und die Enthauptung nimmt mit der herabfallenden Axt einen Ehrenplatz ein. Ein Hubschrauber fliegt über das Ganze hinweg, in seinem Netz Leichen – ob lebendig oder tot, wer weiß das schon –, das Gemälde stammt aus dem Jahr 1984, man erinnert sich an die Luft- und Seeoperationen in Argentinien. Eines wissen wir: Es wird also niemals aufhören. Noch etwas: Louis Cane prangert dies mit großer Wucht an, vielleicht mit einem Funken Hoffnung durch die beiden Figuren unten in der Mitte, die wie Überlebende wirken, vor dem Schlimmsten gerettet. Und „Carnifex“ – betrachten wir dieses Gemälde als Hommage an alle Opfer.