Neu Start der neuen Website des Land Zum Onlineshop →
Bildende Kunst 4 Min. Lesezeit

Ein Spaziergang draußen

Fotografie

Erschienen in Ausgabe August 2022
Artikel teilen auf

Ein ganz anderes Luxemburg präsentiert sich bei der traditionellen Sommerausstellung im Ratskeller. Das ist das Konzept von „Luxemburg 360°“, einem Rundgang, bei dem vor allem die Randbezirke im Mittelpunkt stehen – jene, die sich am stärksten verändert haben.

Die Fotothek der Stadt Luxemburg hat auf ihren Bestand an Fotos zurückgegriffen, die von Privatpersonen vermacht wurden und größtenteils von Laien aufgenommen wurden. Zu sehen sind Cessange und Gasperich, dörfliche Siedlungen mit Feldern, auf denen Schafe weiden. Die Weiden sind von kleinen Mauern gesäumt. Das ist jedoch nicht das zentrale Motiv der Fotos: Ein kleiner Junge posiert in seiner Sonntagsgarderobe neben Ackerpferden, ebenso zwei Radfahrer, die für das Foto mit Matrosenjacke und Sommerstrohhut gekleidet sind. Diese Fotos stammen aus den 1920er- bis 1940er-Jahren. Wenn man sie heute betrachtet, ist man halb amüsiert, halb nostalgisch.

Die Häuser in Pulvermühl und Muhlenbach verfügen über riesige Gemüsegärten. Das Publikum verfolgt eine Flugschau in Belair, von der im Hintergrund nur die Silhouette der Avenue Guillaume und der Rue Albert Ier zu erkennen ist. Man nimmt an, dass man im Stadtteil Giorgetti mit Kohle heizte, da das Lager in Hamm (mit dem Chef und den Mitarbeitern) ein Foto wert ist. Ein Traktor fährt mit seiner Ladung für den Winter die Côte d’Eich hinauf: Die Häuser hatten einen Kartoffelkeller… Die Umgebung von Luxemburg war nicht nur ländlich geprägt. Das Stahlwerk von Dommeldange lag vor den Toren der Stadt. Es war das erste des Landes, noch vor denen im Süden (und stand dem Arbed in nichts nach).

Auch Hollerich ist eine Industriegemeinde. Der erste Bahnhof wurde auf ihrem Gebiet errichtet. Man erinnere sich daran, dass sich die Champagner-Manufaktur Mercier und die Metallindustrie gerade aufgrund dieser Nähe dort ansiedelten. Interessant sind die um 1900 aufgenommenen Aufnahmen des hölzernen Bahnhofs, des Schienennetzes, der Lokomotivrotunden und der Umgebung – eine Mischung aus schlichten Gebäuden, während andere bereits ein stattliches städtisches Erscheinungsbild aufweisen… Der zweite Bahnhof (der heutige) ist aus Stein, allerdings ohne seinen Uhrturm. Dies erfahren wir dank der Sammlung von Marcel Weydert, die im Postkartenformat in Vitrinen ausgestellt ist. Man sieht die Fundamente des Arbed-Hauptsitzes und das Brachgelände des Rosegärtchens, die Zollstelle an der Place de Paris zu Beginn der 1920er Jahre. Dann verlor Hollerich seinen Status als eigenständige Gemeinde.

Diese Sammlung ermöglicht es, die städtebauliche und wirtschaftliche Geschichte nachzuvollziehen. Hier ist eine seltene Aufnahme vom Bau der Sparkasse im Jahr 1911. Im selben Jahr posieren ein Cafébesitzer und seine Kellner auf der Türschwelle hinter einem Daimler-Automobil, das die Tour de France absolviert hatte. Bereits in den 1920er Jahren wurde auf Lieferwagen Werbung angebracht, und an den Straßenuhren hingen Werbeplakate. Die sportlichen Attraktionen sind sensationell: der „Saut de l’ange“ in die Alzette im Grund, Motorradrennen mit Beiwagen am Findel. Ein Radrennen findet auf dem Kopfsteinpflaster der Grand-Rue statt, in Belair gibt es ein Velodrom,..

Die folgenden Jahrzehnte sollten einen echten Bruch markieren: Ab den 1950er Jahren wird das Leben als Arbeiter durch das Büroleben ersetzt (die Fassade des neuen CFL-Hauptsitzes befindet sich im Bau), die Beleuchtung in den Kinos erfolgt mit Neonröhren (die Rotunde und die theatralische Treppe des Eldorado). Das Auto ist ein Grund zum Stolz, und die Citroën-Werkstatt trägt den Namen „de l’Étoile“. Rückblickend könnte man meinen, dass dies ein schlechtes Omen war.

„Luxembourg 360°“ vereint all das in einer bisweilen etwas willkürlichen Zusammenstellung. Dennoch … Batty Fischer fotografierte 1890 die wunderschöne Terrasse der Arquebusiers oberhalb der Pétrusse, die heute ein absolutes Muss wäre. Der Fotokurs mit der Großformatkamera am Ende der Rue Saint-Ulrich um 1910 läutete ein über hundertjähriges Hobby ein. Und die Silhouette dieses Herrn im Anzug und mit schwarzem Hut, der sich im Vordergrund an einen Baum lehnt, vor dem Panorama der Stadt – ist das Camille Aschmann, der Stammvater einer ganzen Reihe professioneller Fotografen?

„Luxembourg 360°“ ist noch bis zum
18. September im Ratskeller des Cercle-Cité zu sehen