Ein gelungener Schachzug ist die Ausstellung „Drawing“, die sechs (muss man das noch einmal betonen? luxemburgische) Künstler präsentiert, die von Hans Fellner ausgewählt wurden, um die Vielfalt der Ausdrucksformen der Zeichnung zu veranschaulichen. Der Galerist stellt sie nicht nur aus, sondern hat sie zum Teil auch begleitet und in ihrer Arbeit unterstützt, die nun auf dem Fëschmaart präsentiert wird.
Das gilt auch für Alexandra Uppmann. Die junge Frau, die gerade erst Anfang zwanzig ist, gestaltet mit einem Filzstift auf Holz die Landschaften Skandinaviens (ihre Eltern stammen aus Finnland und Schweden). Der Wald, der aus winzigen Punkten besteht, erhebt sich fast realistisch vor den Augen des Besuchers in dem großen Gemälde, das die Ausstellung eröffnet. Der Waldrand ist perfekt wiedergegeben, mit seinen noch hellen Bereichen und den bereits dichten, weiter entfernten, zwischen dem dunklen Landstreifen am unteren Bildrand und einem gleichmäßig hellen Himmel, in dem die Äste wieder verschwommen wirken. Zwei quadratische Formate von deutlich kleinerer Größe dienen ihr dazu, die Spuren der „Heimat“ (kein Wort drückt dieses Gefühl besser aus als das deutsche „Heimat“) zum Ausdruck zu bringen, die in ihr verankert bleiben: nur ein paar Äste mit punktiert angedeutetem Laub und die Wurzeln.
Die vorherrschenden Farbtöne in „Drawing“ sind Schwarz und Weiß – das versteht sich von selbst, da sie das eigentliche Material der klassischen Zeichenwerkzeuge sind: das Graphit des Bleistifts, die Kohle des Zeichenstifts. Umso überraschender sind die Farben – Rosa und Violett – in Flora Mars Werk, das sie 2017 während eines Künstleraufenthalts in Japan geschaffen hat. Es ist das Ergebnis der Kaltnadelradierung. Ein Werkzeug, das normalerweise mit der Radierung auf hartem Material in Verbindung gebracht wird, das sie hier jedoch auf zartem Kohlepapier eingesetzt hat. In Leuchtkästen ausgestellt, erinnert diese Arbeit an medizinische Röntgenbilder (auf einem der Werke sind deutlich Lungen zu erkennen) und greift die Frage der Radioaktivität auf: Muss man an die noch nicht so lange zurückliegende Katastrophe von Fukushima erinnern und an jene, die für immer in die Geschichte des Endes des Zweiten Weltkriegs eingegangen ist: Hiroshima?
Die Zartheit von Flora Mar geht dabei jedoch trotz der Ernsthaftigkeit der Themen nicht verloren. Die Ausstrahlung ihrer Werke spiegelt zudem eine persönliche und geheimnisvolle Welt wider. Dies gilt auch für Jip Josée Feltes, die das breite Publikum in „Drawing“ entdeckt. Hans Fellner hat diese Dame in den Fünfzigern davon überzeugt, die Arbeiten zu zeigen, die sie zu Hause schafft und die tatsächlich auf eine Arbeit im privaten Umfeld verweisen. Ohne in die Falle einer psychoanalytischen Deutung zu tappen, fällt auf, dass ihre kleinen weiblichen Figuren, deren Gesichtszüge und Körperkonturen zart mit Aquarellfarben gestaltet sind – ganz im Stil der Porzellanpuppen von einst –, aus den mit wilden Strichen in Tusche skizzierten Rahmen heraustreten. Besonders gut gefallen haben uns die nach hinten gekämmten schwarzen Haare einer Dame mit strengem Gesicht, deren schwarzes Plisseekleid das Gegenteil jener Üppigkeit darstellt, die Klimt in seine Porträts der großen Wiener Bourgeoisie einfließen ließ. Die Vorlagen für Jip Josée Feltes sind Fotos von Frauen aus dem einfachen Volk, wie man sie früher in Häusern auf dem Land aufhängte – doch sie haben sich davon gelöst.
Sie ist die einzige realistische Künstlerin, die in der Galerie ausgestellt wird, auch wenn Anne Mélans Arbeit von der räumlichen Realität eines Raumes ausgeht, wie sie dies bereits bei ihrer künstlerischen Intervention im Land am 22.11.2021 gezeigt hatte. Darin hieß es: „Sie hat … eine surrealistische Sichtweise auf Fragen nach dem Ursprung unseres physischen Seins und der uns umgebenden Materie erforscht.“ Man kann diesen Ausflug in das Universum eines Dalí mit seinen weichen Formen schätzen, zu dem sich offenbar immer mehr junge Künstler hinwenden. Man kann aber auch den Realismus anderer Darstellungen, die mit einem transzendentalen Licht verbunden sind, nicht schätzen…
Wir persönlich bevorzugen den Zufall, den Marc Soissons zulässt. Der in Berlin lebende Vierzigjährige präsentiert hier das Ergebnis eines Atemhauchs auf Graphit (Splash !) sowie ein Triptychon mit Disteln, dessen blumige Wirkung durch das Verlaufen des Fixiermittels entsteht. Diese Technik wird anhand einer großen Leinwand verständlich, die hier auf dem Boden präsentiert wird: „Lindwurm-Spirale“. Das Papier im sehr großen Format, das eine körperliche Gestik erfordert, ist kegelförmig angeordnet. Die gleiche dem Zufall überlassene Freiheit prägt das Werk von Robert Hall, dem Ältesten der sechs in der Ausstellung vorgestellten Künstler. Er ist auch derjenige, der auf den ersten Blick am klassischsten wirkt: zufällige, mehr oder weniger dicke Bleistiftstriche. Doch Hall schneidet das Papier zurecht und fügt die Teile zu imaginären Landschaften wieder zusammen.
Die Ausstellung „Drawings“ mit Zeichnungen von Jip Josée Feltes, Robert Hall, Flora Mar, Anne Mélan, Marc Soissons und Alexandra Uppmann ist noch bis zum 15. Januar in der Galerie Fellner Contemporary (2a rue Wiltheim in Luxemburg-Stadt) zu sehen