Neu Start der neuen Website des Land Zum Onlineshop →
Kino 4 Min. Lesezeit

Hut ab

Cinémasteak

Erschienen in Ausgabe Oktober 2021
Artikel teilen auf

Im Slang bedeutet „doulos“ „Hut“ und bezeichnet im übertragenen Sinne einen Spitzel in der Geheimsprache von Polizisten und Gesetzlosen. Der Ausdruck „jemandem die Schuld in die Schuhe schieben“ stammt zweifellos von dort. Es ist jedenfalls schwierig, diesen „Informanten“ in dem gleichnamigen Film von Jean-Pierre Melville (Le Doulos, 1962) zu identifizieren, da zu dieser Zeit die meisten Männer eine Kopfbedeckung trugen. Auch der Regenmantel gehörte Anfang der sechziger Jahre zu dieser urbanen und maskulinen Kleiderordnung. Der Vorteil dieser Aufmachung? Man erkennt weder das Gesicht noch die Statur, da diese in einem streng übergroß getragenen Regenmantel untergeht. Das vermittelt den Eindruck, sich inmitten von Klonen in einheitlicher Aufmachung zu befinden. Dies trägt zur allgemeinen Atmosphäre von „Le Doulos“ bei: Dort herrschen in der Tat große Verwirrung und kollektive Anonymität, die es unmöglich machen, einen Polizisten von einem Gangster zu unterscheiden. In der Nacht sind alle Katzen grau. Und die Nacht ist in der Tat die Zeit, die Melville in seinen Filmen über die Unterwelt des Banditentums bevorzugt. „Le Doulos“ bildet den ersten Teil dieser Trilogie; es folgen „Le Samouraï“ (1967) und „Le Cercle rouge“ (1970). Drei Filme, die heute Kultstatus haben und sowohl in Frankreich als auch in den Vereinigten Staaten von Filmemachern wie Tarantino und Scorsese, um nur einige zu nennen, verehrt werden.

Schon im Vorspann folgen die Namen junger Menschen, die im Laufe der Zeit berühmt werden sollten. Darunter findet sich auch der Name von Bertrand Tavernier, der damals für die Promotion des Films zuständig war. Das Drehbuch stammt von Élisabeth Rappeneau, die später zur Regie wechselte. Als erster Regieassistent fungierte Volker Schlöndorff, erst 22 Jahre alt, der 1979 mit „Die Trommel“ die Goldene Palme gewinnen sollte (siehe die Kritik in der Ausgabe vom 9. April 2021) und an dessen Masterclass man sich noch gut erinnert, die er 2018 beim Luxembourg Film Festival gab. Für die Produktion von „Doulos“ waren verantwortlich: Carlo Ponti, der bald darauf Sophia Loren heiraten sollte, und Georges de Beauregard, der die ersten Filme der Nouvelle Vague finanzierte. Und schließlich zwei große Schauspieler: Serge Reggiani in der Rolle des vom Geld getriebenen, rachsüchtigen Häftlings und „Bebel“ als Informant, der entschlossen ist, sich aus dem Staub zu machen – ihm widmet die Cinémathèque de Luxembourg derzeit eine Hommage. Es ist nicht das erste Mal, dass der französische Schauspieler für Melville arbeitet. Als charmanter Ordensbruder in „Léon Morin, Priester“ (1961) wird Jean-Paul Belmondo ein drittes und letztes Mal in „L’Ainé des Ferchaux“ (1963) zu sehen sein, trotz chaotischer Dreharbeiten, bei denen Bebel und Vanel wegen des autoritären Verhaltens des Regisseurs vorzeitig ausstiegen. Dennoch hinterlässt „Le Doulos“ auch heute noch Eindruck. Der Film ist zwar veraltet, aber auf positive Weise: insbesondere in dem, was er vom Mikrokosmos der Pariser Geheimgesellschaften widerspiegelt. Das Netzwerk der Gangster, die wie Vampire nur nachts auftauchen, um ihre Opfer zu erlegen, geprägt von ihren Ehrenkodizes, ihren Ritualen und manchmal auch ihrer Eleganz. Für dieses alternative Leben, das auf Werten basiert, die jegliche Logik des Tageslebens auf den Kopf stellen, werden diese zwielichtigen Helden für den abenteuerlustigen Zuschauer auf der Suche nach Exotik immer verlockend bleiben. Der Reiz des Films liegt vor allem in der strategischen Position, die der Polizeispitzel zwischen den Polizisten und den Banditen einnimmt. Genau in der Mitte: eine Vermittlerfigur, die beide Seiten miteinander verbindet, die gegensätzlichen Kräfte, gegen die er ständig listig vorgehen muss, um seine Freiheit zu bewahren. Es gibt niemanden, der einsamer ist als ein Polizeispitzel.

Schon zu Beginn von „Doulos“ erweist sich Melville als großer Stilist. Minimalistisch, nüchtern, präzise. Unter einer Brücke schreitet ein Mann mit nachdenklichem Gesichtsausdruck dahin, die Hände in den Taschen. Kräftige Hell-Dunkel-Kontraste untermalen seinen Weg. Dann fährt ein Zug vorbei: Weißer Rauch erfüllt mitten in der Nacht die Leinwand. Urbane Poesie, nüchtern, frei von Pathos und Psychologie. Die Geschichte läuft wie ein Uhrwerk ab und entfaltet unweigerlich eine Mechanik des Todes. Viele betreten diese Welt, doch nur wenige kommen lebend wieder heraus. Mehr noch als Bebels Schauspiel verkörpert das unbewegte und kalte Gesicht von Alain Delon in „Le Cercle rouge“ und „Le Samouraï“ am besten das Kino von Melville.

„Le Doulos“ (Frankreich, 1962), Originalfassung, 108’,
wird am Mittwoch, den 27. Oktober, um 18:30 Uhr in der Cinémathèque de Luxembourg gezeigt