Bereits im Sommer 2021 verriet Tuys einigen ausgewählten Medien, dass die Vorproduktion eines Albums im Gange sei und dessen Veröffentlichung für 2022 angestrebt werde. Die damalige Zeit war, wie sie war, und schließlich ist es Berlin, von wo aus das neue Quartett – vor zwei Jahren stieß Schlagzeuger Tom Zuang zur Band – dieses neue Werk mit dem Titel „Reality Management Ltd.“ entwickelt und aufnimmt. Letztendlich erscheint dieses zweite Album nun in diesem Jahr und zeigt eine sensiblere Seite der Band, die ihr Leben beleuchtet und tief in die Intimität der vier Musiker eintaucht. Nach den Live-Stream-Konzerten, den Showcases vor einer Handvoll Zuschauern und der Frustration über den Mangel an kreativer Entfaltung hat Tuys schließlich das Komponieren wieder in den Mittelpunkt ihrer Projekte gerückt, ohne dabei ihre interdisziplinäre Stärke aufzugeben, um ihre duale Identität – visuell ebenso wie musikalisch – voll und ganz zu bekräftigen.
Zunächst einmal gibt es vier Freunde aus Kindertagen: Sam Tritz, Tun Biever, Yann Gengler und Kay Gianni. Eine Clique von Kumpels, die schon seit ihrer Schulzeit Spaß daran hat, mit allem, was ihnen gerade in die Hände fällt, Musik zu machen – ganz nach Lust und Laune, wenn sie Zeit miteinander verbringen. Im Jahr 2007 geben sie ihrem gemeinsamen Hobby einen Namen: Sie nennen sich fortan „Tuys“ und gehen ihr Musikprojekt professioneller an. Von Konzert zu Konzert gewinnen sie an Selbstvertrauen und ihre Musik entwickelt sich weiter. Ihre 2012 erschienene erste Single „People“ wurde im Großherzogtum zum Hit, erreichte Platz vier in den Top 50 und ebnete den Weg für eine erste EP.
Danach folgte die Erfolgsgeschichte: Sie gewannen den „Screaming Fields 2013“ und veröffentlichten unter der wohlwollenden Betreuung des Ressourcenzentrums der Rockhal eine zweite EP mit dem Titel „Carrousel“ (2015). Überzeugt vom Talent der jungen Luxemburger – die damals gerade einmal Anfang zwanzig waren –, nimmt der Produzent Jan Kerscher sie unter seine Fittiche, und unter seiner Anleitung nehmen sie „Swimming Youth“ (2018) auf, ein erstes Mini-Album, das mehr als zehn Jahre nach ihren Anfängen erscheint und sich wie eine Platte mit Live-Energie anhört, mit einer Musik zwischen Post-Rock, Experimentalmusik und Pop.
Doch Tuys wird nicht lange an einem Ort verweilen: Mit „A Curtain Call For Dreamers“ (2020), einer Serie aus fünf Stücken und fünf dazugehörigen Kurzfilmen – oder umgekehrt – verankert das Quartett sein Projekt fest zwischen Musik und Kino und verleiht seinem künstlerischen Schaffen einen „kritischen“ Charakter. Von da an schlägt Tuys eine neue Richtung ein – zwar keine so scharfe Kurve, aber mit 200 pro Stunde –, und legt großen Wert darauf, seine Songs wie kleine Filme zu gestalten. Mit zahlreichen Auftritten in Luxemburg, um ihr Publikum, das zu einer regelrechten Fangemeinde geworden ist, an sich zu binden, hat sich Tuys in einer Musikindustrie etabliert, die sie unaufhörlich auf den Kopf stellen, neu definieren und vor allem ignorieren, denn ihr oberstes Ziel ist es, von Jahr zu Jahr ehrgeiziger zu werden, unabhängig vom Medium – und das schon seit mehr als fünfzehn Jahren.
Ihr Publikum zu überraschen und dabei eine gewisse künstlerische Kohärenz zu wahren, stand schon immer ganz oben auf ihrer To-Do-Liste – und mit diesem zweiten Album geben die Jungs von Tuys nicht mehr nur vor, dies zu tun, sondern haben es tatsächlich geschafft. „Reality Management Ltd“, das am 28. April dieses Jahres erschien, ist das Ergebnis eines Jahrzehnts harter Arbeit und künstlerischer Experimente der Band, die sich endgültig als jene Art von Künstlern etabliert hat, die man als „nationales Kulturgut“ bezeichnen könnte, während sie gleichzeitig auch in anderen Bereichen glänzt.
Als Auftakt erschien am 14. Oktober „Open Ears On A Straitjacket Party“, eine erste Single, die das Album ankündigte, das Tuys wirklich gelungen ist. In den letzten Monaten folgten vier weitere Singles, die die Zuhörer auf dieses neue Projekt vorbereitet haben, das von einem hervorragenden, rein filmischen Kurzfilm begleitet wird – eine zweite Lesart dieses Projekts, das als Geschichte, ja sogar als Odyssee für den Zuschauer/Zuhörer konzipiert ist. Erzählerisch in unserer heutigen Zeit angesiedelt, in der gesellschaftliche Probleme sich im Zentrum dessen polarisieren, was immer mehr den einst von den Meistern der Literatur erfundenen Dystopien ähnelt, inszeniert „Reality Management Ltd“ ein Unternehmen, das maßgeschneiderte Realitäten an Menschen verkauft, die ihrem tränenreichen Dasein entfliehen wollen. So ist jeder Titel das Pamphlet eines von Grund auf inszenierten Lebens, „eine maßgeschneiderte Realität“, wie die luxemburgische Band erklärt.
In diesem Sinne beginnt alles mit einem ersten Track von epischer Dimension, einer Art symphonischem Titelsong zu dieser Science-Fiction-Geschichte. Danach hört man erneut den ersten Promo-Titel, der angenehme Erinnerungen an diesen energiegeladenen Pop weckt. Und dann, nach „Historic Lies“, einem dritten Stück, das uns nicht besonders begeistert hat, ist es „Yellow Ether“, das uns aufhorchen lässt. Hier zeigt sich die große Raffinesse von Tuys. Ein paar Infra-Bass-Riffs hallen wider und führen die Stimme von Tun Biever in dunklere Gefilde. Der von ihnen propagierte Art-Rock-Charakter, gepaart mit Psychedelic-Pop, kommt hier voll zur Geltung, und „Reality Management Ltd“ klingt nun wie ein Album, das man immer wieder hören wird. „Yes, I’m Right“ knüpft an die vorherigen Klänge an und wird logischerweise von „The Romantic Role“ gefolgt, einer gefühlvollen und liebevollen Ballade im eher traditionellen Rock-Stil. „Look Alive“ lässt unsere Lautsprecher knistern, um nahtlos Platz zu machen für „Everyday Soleil“, das deutlich farbenfroher und sonniger ist und auf einem ätherischen elektronischen Gerüst basiert. „Out of The Blue“, an neunter Stelle, bringt Wärme in das Album und bietet eine sinnliche Klangwelt, untermalt von sanften Rhythmen, die sich vom bisherigen Verlauf des Albums abheben. „How To Breathe Underwater“ weckt uns zärtlich aus unserem unausgesprochenen Traum, um in den letzten Takten meisterhaft zu explodieren. Das Album endet mit „Halcyon Days“, einem Titel, der wie ein Aufschwung aufgebaut ist, als würde nichts enden, sondern sich vielmehr dem Unendlichen öffnen…
Das Album ist also zweifellos gut, doch es bleibt abzuwarten, wie sich Tuys 2023 live präsentieren, um die hohe künstlerische Wertschätzung, die man ihnen entgegenbringt, zu bestätigen. Übrigens: In der nächsten Zeit haben sie hierzulande eine ganze Reihe von Auftritten… Am 11. Juni treten sie bei den Francofolies in Esch-sur-Alzette auf, am 17. Juni beim Musikfest in Dudelange und später im Sommer, am 4. Juli, als Vorband der Arctic Monkeys vor fast 15.000 Zuschauern…