Der Künstler verwandelt die Galerie Valerius in einen wahren Palast der Genüsse, in dem allerlei Leckereien aus Keramik im XXL-Format zu finden sind. Ihre Formen – ob weich (ach, die berühmten Haribo-Krokodile) oder grafisch (die perfekt geformten Linien der sauren Lutscher) – verbinden sich mit Texturen und Geschmäckern, die uns vertraut sind. Diese Vertrautheit ist bezeichnend: Sie zeugt von der beständigen Präsenz einer Industrie, von der wir alle schon gekostet haben – der Süßwarenindustrie, also der Industrie für Zucker und seine wenig appetitlichen Derivate wie Glukosesirup, Farbstoffe, Gelatine … Der Inhalt und seine Zutaten stehen im Widerspruch zu dem verspielten und farbenfrohen Erscheinungsbild der Süßigkeiten. Das erinnert uns im weiteren Sinne daran, dass das Kind zynischerweise die Kernzielgruppe von Strategien in alle Richtungen ist, seien sie kommerzieller, politischer oder religiöser Natur… Jeder träumt davon, es für sich zu gewinnen.
Indem er sich eines so unscheinbaren und alltäglichen Gegenstands wie eines Bonbons bedient, führt Leo Luccioni, ein 1994 geborener korsischer Künstler, einen Entfremdungsprozess durch. Zwar behält er das allgemeine Erscheinungsbild der Zuckerbonbons bei, hat sie jedoch so stark vergrößert, dass jeglicher Appetit verfliegt. Größer als gewöhnlich und nicht zum Verzehr geeignet, sind die Keramikbonbons ausschließlich ein Genuss für das Auge. Die Naschlust ist also rein visuell. Der bildende Künstler vollzieht eine kuriose Umkehrung, indem er Bonbons ausstellt und sie unserem Blick präsentiert. Diese Geste widerspricht ihrem kommerziellen Verwendungszweck, bei dem Bonbons letztendlich immer in uns verschwinden. Von dieser körperlichen Aufnahme, zu der sie bestimmt sind, bleiben dann seltsame Abbilder zurück: ein Kreaturenkopf auf der Spitze eines riesigen Lutschers (Frankenstein Avocado, 2025), ein Candy Kebab: Baby Rainbow (2025), bei dem eine Handvoll Figuren, die den „kleinen Jesus“ darstellen, aufgereiht sind, sowie andere essbare Lebensmittel, die als Vorlagen dienten (Eier, Bananen).
Hier findet sich derselbe Prozess der Veräußerlichung wieder, der auch im Christentum eine Rolle spielt, das zweifellos eine der wichtigsten Inspirationsquellen des Künstlers ist. Die christliche Religion fordert dazu auf, die eigene Gottheit zu essen („Esst, das ist mein Leib“; „Trinkt, das ist mein Blut“). Es handelt sich dabei übrigens um eine Form spiritueller Kannibalismus, die dem Ritus der Eucharistie zugrunde liegt, da man durch den Akt des Essens das Erbe und die Erinnerung an Christus in sich aufnimmt. So wird der Leib des Gekreuzigten während der Messe durch das Teilen der Hostie (etymologisch bedeutet „Hostie“ „Opfer“) gegenwärtig gemacht. Diese Hypothese scheint durch die Häufung religiöser Motive unter den in der Ausstellung versammelten Werken bestätigt zu werden. Dazu gehören eine Reihe von Krippenfiguren, eine mit der Jungfrau verzierte und mit Blumen gefüllte Vase (Multicolor Marie, 2025) sowie zahlreiche mit einer Hostie geformte Untertassen, die direkt auf dem Boden angeordnet sind und alle unter dem gemeinsamen Titel „Communion UFO“ (2025) zusammengefasst sind. Das sakrale Motiv tritt deutlich zutage, wenn der Künstler dem Jesuskind eine Hostie als Heiligenschein auf den Kopf legt (Meeting Point, 2025). Außerdem fällt eine deutliche Dominanz kugelförmiger Formen innerhalb der Ausstellung auf: Spiegeleier, Lakritzknollen, die jeweils auf ihre Weise die Idee eines unendlichen Kreislaufs andeuten.
All dies fügt sich nahtlos in die Reihe der bisherigen, sehr poppigen Werke von Leo Luccioni ein, der es liebt, das Heilige und das Profane anhand alltäglicher Elemente zu verbinden. Der Künstler, Absolvent der Kunsthochschule La Cambre (Brüssel), hat bereits andere Ikonen des Konsums einbezogen, wie beispielsweise Mr. Clean, den er für seine Installation „Chakra Disco Bouddha“ mit sakralen Gesängen verband. An anderer Stelle, in „Gala Royal“ – in Anlehnung an die Apfelsorte –, entwirft er einen Garten Eden, der mit kommerziellen Gegenständen und sich in den Schwanz beißenden Schlangen überfüllt ist – eine Allegorie auf einen ununterbrochenen Kreislauf aus Produktion und Konsum… Dies ist in der Tat eines der Hauptmerkmale des neoliberalen Systems: die absolute Fähigkeit, alles zu assimilieren, alles zu verdauen, wie ein unersättlicher und sich ständig wandelnder Oger.
Abgesehen von ihren mehr oder weniger expliziten Bezügen zur christlichen Religion lässt sich die Veranstaltung als eine Sammlung von Eitelkeiten verstehen, als Symptome einer infantilisierenden und inkonsequenten Gesellschaft, die Schund und gesundheitsschädliche Abhängigkeiten hervorbringt. Hier wird also die kritische Kehrseite der Süßigkeit offenbart, die sich in der endlosen Wiederholung eines synthetischen Geschmacks mit standardisiertem Erscheinungsbild manifestiert. In einer Überflussgesellschaft, die von überflüssigen Gütern besessen ist, stellen Süßigkeiten eine gemeinsame Sprache dar, eine globalisierte Religion, die sowohl von Kindern als auch von Erwachsenen weitergegeben wird. Leo Luccioni gebührt das Verdienst, einem solchen Vorhaben jegliche Unschuld und Naivität zu entziehen. Man darf sich daher zu Recht fragen, ob die mittels Süßigkeiten dargestellten Abbilder nicht einer Form der Alltagspropaganda gleichkommen, ob sie nicht ein Mittel sind, um neue Apostel des Konsums zu gewinnen und an sich zu binden.
Ausstellung