Vergangenen Dienstag lud das Institut Pierre Werner gemeinsam mit dem Zentrum für politische Bildung (ZpB) auf einen IFEN-zertifizierenden Diskussionsabend zum Thema filmische Darstellung des Holocaust. Der deutsche Filmemacher RP Kahl (bürgerlich Rolf Peter Kahl) war zu Gast und unterhielt sich mit Yves Steichen, Leiter der Filmabteilung am CNA, über die Grenzen filmischer Darstellbarkeit. Im Mittelpunkt stand Kahls Neuinszenierung von Peter Weiss‘ (1916-1982) dokumentarischem Theaterstück Die Ermittlung über die Frankfurter Auschwitz-Prozesse von 1965. In elf „Gesängen“ hatte Weiss anhand authentischer Gerichtsprotokolle Zeugenaussagen, Anklagen und Verteidigungen ohne fiktionale Handlung oder psychologische Ausgestaltung gegenübergestellt.
RP Kahl (*1970) bleibt dem dokumentarischen Text zwar eng verbunden, verschiebt ihn jedoch deutlich in eine fernsehfilmische Form, die stärker auf Reduktion und unmittelbare Wirkung setzt. Während Weiss im Theater durch die chorische Struktur der „Gesänge“ und die kollektive Anordnung der Aussagen eine artifizielle Distanz und zugleich Übersicht über das Gerichtsverfahren herstellt, isoliert Kahl die Zeugnisse im filmischen Raum und macht sie durch lange Einstellungen, minimale Ausstattung und den Verzicht auf theatralische Rahmung stärker als unmittelbare Sprechakte erfahrbar. Dadurch soll die Sprache selbst noch stärker als zentrales Ereignis in den Vordergrund treten, was angesichts der Laufzeit von vier Stunden schnell ermüdend wirkt. Kahl ist sich dessen bewusst und rät den Lehrern im Saal, ihren Klassen die verschiedenen Gesänge einzeln vorzuführen.
Yves Steichen hatte zu diesem Zeitpunkt bereits den Abend mit einer historischen und filmästhetischen Einordnung der Auseinandersetzung mit dem Holocaust eröffnet. Sein Vortrag spannte einen weiten Bogen von den unmittelbaren Nachkriegsaufnahmen der alliierten Streitkräfte über prägende dokumentarische und fiktionale Werke bis hin zu den gegenwärtigen Tendenzen des „Nicht-Zeigens“ im Kino.
Ausgehend von frühen Aufnahmen aus befreiten Konzentrations- und Vernichtungslagern, die zunächst als Beweismaterial dienten und später auch pädagogisch eingesetzt wurden, zeichnete Steichen die allmähliche Entwicklung einer filmischen Erinnerungskultur nach. Zentrale Stationen dieser Entwicklung waren unter anderem Alain Resnais’ Nuit et brouillard, Stanley Kramers Judgment at Nuremberg sowie die Fernsehserie Holocaust, die in den 1970er Jahren eine breite gesellschaftliche Debatte auslöste. Ebenso wurden die gegensätzlichen Positionen von Claude Lanzmanns radikalem Verzicht auf Archivbilder in Shoah und Steven Spielbergs rekonstruktivem Ansatz in Schindler’s List als paradigmatische Gegensätze einer bis heute anhaltenden ästhetischen Kontroverse hervorgehoben.
Steichen zeigte anschließend, wie sich diese Debatte in den folgenden Jahrzehnten weiter ausdifferenzierte – von tragikomischen oder psychologisierenden Annäherungen bis hin zu zeitgenössischen Formen der Andeutung und Perspektivverengung, wie etwa in Son of Saul oder The Zone of Interest. Vor diesem Hintergrund verortete er Die Ermittlung als Werk, das konsequent auf Darstellung im klassischen Sinne verzichtet und stattdessen durch Sprache, Zeugenschaft und Reproduktion der Prozessprotokolle eine Form der „inneren Bilder“ erzeugt. Ganz neu war dieser Ansatz allerdings auch nicht. Gerade im europäischen Nachkriegskino gibt es bereits früh Versuche, das Grauen der Lager nicht direkt zu zeigen, sondern es über Distanz, Bruch oder Andeutung zu vermitteln. Ein klassisches Beispiel ist Pasażerka (The Passenger, 1963) von Andrzej Munk.
Im Gespräch mit Yves Steichen ging RP Kahl auf seine Ablehnung einer erneuten ästhetischen Aneignung des Grauens ein und formulierte deutlich seine Nähe zu Claude Lanzmanns Ansatz: „Wir wollen uns nicht einfühlen.“ Er bezeichnete es als problematisch, wenn Schauspieler sich in Opfer- oder Terrorsituationen hineinversetzen sollen: „Das hat für mich etwas Falsches.“ Demgegenüber kritisiert er eine zu starke Emotionalisierung im Kino, insbesondere am Beispiel von Steven Spielberg. Gleichzeitig würdigt er Schindler’s List ambivalent als wirkungsvolles, aber problematisches Mainstream-Erzählkino. Zwar habe der Film viele Menschen erreicht, doch Kahl hinterfragt dessen Perspektive: „Es ist eigentlich ein Nazi, der dann zum guten Nazi wurde.“ Sein eigener Ansatz verschiebt den Fokus radikal: „Unser Ansatz war die Opfer, die Zeuginnen und Zeugen … denen müssen wir ein Monument bauen, die müssen wir sozusagen anhören.“
Ein wichtiger Ausgangspunkt für seine filmische Form ist seine pädagogische Erfahrung. Er beschreibt die Reaktionen seiner Studierenden auf Nuit et brouillard von Alain Resnais: „Professor Kahl, warum zeigen Sie uns diesen Film?“ – nicht aus Ablehnung des Themas, wie Kahl weiß, sondern wegen der „Art und Weise des Films, die so abgeschreckt hat, dass man nicht einsteigen konnte“. Daraus folgert er die Notwendigkeit einer neuen Vermittlungsform, die Zugang ermöglicht, ohne zu überwältigen. Stattdessen soll der Film Denkprozesse ermöglichen.
RP Kahls Neuinszenierung ist in eine krisenreiche Gegenwart eingebettet. Denn der Holocaust hat nicht an Bedeutung verloren, aber seine Rolle als unangefochtene Chiffre westlicher Selbstdeutung ist seit dem Krieg in Gaza zunehmend instabiler geworden. Er bleibt eine moralische Tiefenschicht in Debatten über Gewalt, Schuld und Verantwortung. Gleichzeitig wird diese Erinnerung zunehmend in unterschiedliche Deutungsrahmen gezogen: etwa, wenn staatliche Verantwortung aus der Vergangenheit mit aktueller Sicherheits- und Außenpolitik verknüpft wird, wenn in Feuilletons Fragen der Vergleichbarkeit historischer und gegenwärtiger Gewaltverbrechen diskutiert werden, oder wenn auf digitalen Plattformen historische und aktuelle Kriegsbilder in unmittelbare Nähe geraten und sich gegenseitig überlagern. Diese Instabilität entsteht auch daraus, dass der Holocaust in unterschiedlichen Kontexten sowohl als historische Singularität als auch als Bezugspunkt gegenwärtiger Gewaltdeutungen fungiert. Die gegenwärtigen globalen Medien- und Konfliktdynamiken bringen Vergleichbarkeit ins Spiel. Dabei werden bestimmte Formen dieser Vergleiche oder Deutungen im öffentlichen Diskurs teils als problematische Instrumentalisierung, teils als antisemitisch zurückgewiesen, wodurch die Grenzen zwischen historischer Analyse, politischer Kritik und moralischer Grenzziehung selbst zum Gegenstand von Konflikten werden.
Den aktuellen Debatten um Erinnerungskultur, Vergleichbarkeit und politische Instrumentalisierung entzieht sich der deutsche Filmemacher RP Kahl jedoch bewusst. Formal wirkt die Entziehung aus der Gegenwart wie ein konservativer Rückgriff auf eine institutionalisierte, in Deutschland stark gerahmte Form der Holocaust-Erinnerung, die eher historisch als gegenwartsbezogen wirkt. Gerade im Kontext eines gleichzeitig zur Filmproduktion eskalierenden Krieges in Gaza wurde jedoch deutlich, dass solche Rückgriffe nicht außerhalb der Gegenwart stehen, sondern in sie hineinwirken. Dennoch fuhr Kahl im Januar 2025 nach Israel, um seinen Film dort anlässlich des 80. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee an der Kinemathek Tel Aviv vorzuführen.
RP Kahl will „den Holocaust nicht nutzbar machen“, wie er dem Land gegenüber erklärt. Außerdem sei das Projekt lange vor den Anschlägen vom 7. Oktober entstanden. Als der fertige Film in Tel Aviv vorgestellt wurde, habe „gerade Waffenstillstand“ geherrscht, „also keine aktuellen Kriegshandlungen“. Für RP Kahl ist jedenfalls klar, auf die Aktualität bezieht er sich nicht: „Dieser Film ist eine klare Erinnerung an das, was war.“
Im anschließenden Publikumsgespräch erwähnt Kahl jedoch den „Rechtsruck“ in Europa sowie „Antisemitismus“ im linken politischen Spektrum. Für viele Jugendliche in Deutschland seien die Verbrechen des Nationalsozialismus mittlerweile zeitlich weit entfernt, argumentiert er in dem zum Film gehörenden Schulmaterial. Zudem hätten viele Schüler „einen Migrationshintergrund“ und „identifizieren sich vielleicht auch mit der Geschichte anderer Länder und Kulturen“. Da wolle sein Film ansetzen.
Der Holocaust fungiert aber nicht nur als Erinnerungsraum, sondern auch als moralischer Referenzpunkt, der Deutungshierarchien erzeugt: Wer ihn heranzieht, spricht oft in einer Sprache historischer Autorität, die sich auf eine besondere Legitimität im Sprechen über Gewalt stützt. Damit verschiebt sich die Frage: Nicht nur, was erinnert wird, sondern wer wen belehrt – und mit welchem Anspruch auf moralische Deutungshoheit historische Erfahrung, von welcher Seite auch immer, in aktuelle Konflikte eingebracht wird.
„Ich hatte schon das Gefühl, dass sich mit dem Fortschreiten des Konflikts und der aktuellen kriegerischen Auseinandersetzung auch die Rezeption des Films verändert hat“, sagt RP Kahl gegenüber dem Land. „Ich kann das aber nicht kontrollieren. Ich denke allerdings, der Film würde einem durchaus etwas an die Hand geben. Trotzdem habe ich versucht, den Holocaust nicht zu instrumentalisieren, ihn nicht als Werkzeug zu nutzen, um aktuelle Entwicklungen zu erklären. Mein Credo ist: Der Holocaust war sinnlos. Man darf ihn nicht für irgendetwas sinnvoll machen.“ Und Peter Weiss? „Ich glaube, er würde eine sehr kritische Haltung gegenüber der aktuellen israelischen Regierung einnehmen, da bin ich mir ziemlich sicher. Gleichzeitig würde er aber auch Antisemitismus benennen, unabhängig davon, welche Regierung gerade in Israel an der Macht ist. Diese Beidseitigkeit – diese differenzierte Beobachtungsgabe – war für ihn typisch: nicht einseitig, nicht ideologisch vereinnahmbar.“