„Es ist wie mit einer Verlobung: Zunächst begegnet man jemandem, aber man heiratet nicht sofort“, erklärt Aurelia. In der Osternacht wurde sie in Esch/Alzette getauft. Weiteren 44 Erwachsenen spendete Kardinal Hollerich in der Kathedrale die Taufe, und zehn weitere Neokatholiken wurden übers Land verteilt getauft. Die Begegnung, von der sie spricht, hatte sie ein Jahr zuvor an Ostern gemacht: Mit ihrer jüngsten Tochter war sie in der Escher Kirche Saint-Joseph. Zunächst war die Kirche ins Dunkle getaucht, nur das Kerzenlicht schimmerte über das alte Gemäuer. Dann aber wurde die Kirche hell, das Orgelspiel vibrierte, die Glocken läuteten. Eine äußerliche und innerliche Efferveszenz fielen zusammen; etwas in ihr habe sich erleuchtet, die Gewissheit, dass sie zum Katholizismus übertreten wolle. Die in Frankreich Geborene nennt es eine „gefühlte Evidenz“.
Vor vier Wochen sagte Weihbischof Leo Wagener im RTL-Background, das Bistum habe einen „Trend beobachtet“, und zwar, „datt rëm méi erwuese Leit zu der Kierch fannen“. „Bemerkenswert“ sei, dass 30 Prozent der Neokatholiken angeben würden, innerlich tief berührt zu sein „vun eppes wat se sech net richteg kënnen erklären, a wat se als eng Präsenz vun eppes Iwwernatierlechen gesinn. Si gesinn doran eng Spuer vu Gott, déi sech manifestéiert huet.“ Das habe eine Umfrage aus Frankreich ergeben. Nicht immer führe diese Spur „zum Gott der Christen“, nicht immer führe sie „zum Gott der Katholiken“. Aber in manchen Fällen eben doch. Für diese hat das Bistum 2005 ein Katechumenat eingeführt, ein Programm, das den Taufbewerber auf den Übertritt vorbereiten soll. Bewerber mit Vorkenntnissen müssen hierfür ein Jahr einplanen. Konvertiten aus dem Islam zwei. Vor zwanzig Jahren nahmen nur etwa zehn bis zwölf Personen an diesem Kurs teil, seit fünf Jahren hat sich die Zahl bei etwa 50 eingependelt.
Das Katechumenat beschreibt Aurelia als „tiefgreifenden Prozess“. Man müsse beispielsweise über den Unterschied von „glauben an“ und „glauben dass“ nachdenken. Ersteres führe zu Vertrauen, letzteres habe eine arbiträre Note und öffne die Tür für Aberglauben. Man müsse Symbole, Metaphern, Psalmen meditieren. Sie habe auch viel gelesen während jener Zeit: den Mathematiker und Philosophen Blaise Pascal, der nach einer mystischen Erfahrung 1654 religionsphilosophische Schriften verfasste. Aus ihrer Tasche zieht sie La vie de Jésus von dem Vatikan-Journalisten Andrea Tornielli. Auf dem Klappentext steht: „Wer ist Jesus? Was erzählen uns die Evangelien? Was sagt uns die Geschichtswissenschaft?“ An ihrem Arbeitsplatz bleibt das Buch versteckt. Nur eine Kollegin wisse von ihrer Taufe. „Ich denke, viele würden diesen Schritt missverstehen und als integristisch wahrnehmen, obwohl sie mich wegen meiner linken politischen Haltung eher für atheistisch halten“, erläutert sie. War in ihrer Katechumenat-Gruppe denn das neue christliche Selbstverständnis in der US-Politik und der europäischen Neurechten ein Thema? „Nein, Politik blieb außen vor, es war eher ein persönlich-spiritueller Weg.“
Oktave und Fatima
„La vie a fait que je n’étais pas baptisé“, erklärt Custodio Portasio. Er sei im Süden von Portugal aufgewachsen; der sei nicht dicht bevölkert, man lebe dort isoliert und man sei weniger religiös als im Norden. Durch französische Arbeiter-Priester, die zugleich als Arbeiter (Maurer, Krankenpfleger) tätig waren und missionierten, sei er während seiner Studienzeit bei Caritas Portugal als Leiter einer Jugendtheatergruppe aktiv geworden. „Die soziale Seite meines Glaubens ist seit Jahren verankert. Durch das Katechumenat habe ich aber sozusagen gelernt, Christus zu duzen. Und das innerhalb einer Gemeinschaft von Personen, die sich auf dem gleichen Pfad befinden“, so der kürzlich Getaufte. Vor zwei Wochen war er an der Eröffnungsmesse der Oktave; er nehme auch an der Pilgerschaft nach Fatima in Wiltz teil und sei mit mehreren portugiesischen Pfarrgemeinden im Austausch: „Ich versuche eine Brücke zwischen der luxemburgischen und lusophonen Gemeinde zu bilden. Manchmal übersetze ich Mitteilungen des Bistums ins Portugiesische“, führt der Bankangestellte aus. Er wünsche sich mehr Dialog zwischen den unterschiedlichen christlichen Gemeinden: „In meinem Umfeld gibt es Christen, die denken, dass nur portugiesischsprachige Angebote an sie gerichtet sind, aber es sind alle katholischen Aktivitäten des Großherzogtums.“ Kardinal Jean-Claude Hollerich sei allerdings „d’une ouverture incroyable“; er hoffe, dass durch ihn der Dialog zwischen den unterschiedlichen Gemeinschaften voranschreitet.
Custodio Portasio sei kein Sonderfall, erklärt der Katechet Patrick de Rond, der die erwachsenen Neophyten auf ihre Taufe vorbereitet. Wir sitzen im Nuuk – ehemals Gruppetto, wo der Papst im September 2024 seinen Espresso trank. Vor allem aber bei lusophonen Personen aus Guinea-Bissau und von den Kapverdischen Inseln, komme es gelegentlich durch bestimmte Lebensumstände nicht zu einer Taufe. „Die holen sie dann als Erwachsene nach“, erläutert de Rond. Eine zweite Kategorie bilden Berufseinsteiger aus Frankreich, bei denen „de Wonsch sech deefen ze loossen, scho laang do war“. In ihrem jeweiligen Elternhaus sei das Thema Religion allerdings „Tabu“ gewesen. Die Realität der frankophonen Neukatholiken sei „divers“. Man könne drei große Pole ausmachen: „Als Anziehungspunkt sorgt die Messe auf Französisch sonntags um 12 Uhr in der Kathedrale. Die Jesuiten von Belair und das Centre Spirituel vom Cents sind zwei weitere Orte“. (Von einer Kennerin heißt es, letzteres gelte als besonders konservativ, während die Jesuiten ein weltoffenes Bürgertum anspreche). Unter den 54 Neugetauften seien dieses Jahr zudem zwei luxemburgischsprachige Personen und drei Konvertiten vom Islam. „Allerdings holen mittlerweile einige Luxemburger ihre Firmung an Ostern nach, um ihrem Glauben einen Neustart zu geben. Dieses Jahr waren das 24 Personen“, präzisiert de Rond. In Frankreich gibt es die meisten Neugetauften, insgesamt 21 000 an Ostern. Das waren 28 Prozent mehr als im Vorjahr.
Christfluencer und Jesus Glow
Mit einer bedeutenden Wiederbelebung des Glaubens sollte man allerdings nicht rechnen. Der Soziologe Detlef Pollack führte eine Reihe quantitativer Studien über die Entwicklung der Kirchengemeinschaften durch und erläuterte gegenüber dem Land, Religion sei mittlerweile „zu einer sozialen Option unter vielen“ geworden. Die Individualisierung führe zudem dazu, „dass Menschen zunehmend über sich, ihr Leben und ihre Religion selbst entscheiden“ und sich skeptischer gegenüber Autoritäten zeigen würden. Nicht zu unterschätzen sei auch die religiöse Gleichgültigkeit, gekoppelt an Unkenntnis über die Kirche und das Christentum, so Pollack – in einem solchen Kontext komme es nicht mehr zu einer religiösen Sozialisation. Die gesellschaftliche Sogwirkung bleibe aus (d'Land 13.5.2022). Vor zwei Wochen hakte die Philosophin Barbara Bleisch nochmals in der SRF-Sendung Sternstunde Philosophie bei Pollack nach: Wie steht es mit dem Trend der „Christfluencer“ und dem Versprechen des „Jesus Glow“ unter der Gen Z? Auch deren Einfluss sei begrenzt, antwortete Pollack: Der kulturelle Wandel, der sich in den 1960er-Jahren vollzogen habe, sei zu tiefgreifend; die Moderne voller Freizeitangebote. Der Einfluss junger christlicher Influencer sei marginal. In die Rechnung einbeziehen muss man überdies, dass die Kindstaufen weiterhin im freien Fall sind.
Dass sich der Jugendtrend in Grenzen hält, bestätigt die 15-jährige Französin Thea, die eben aus der Internationalen Schule in Mondorf in schwarzer Daunenjacke und weiter Jogginghose angereist ist, und nun in der Brasserie Bazaar sitzt. Sie habe eine muslimische Freundin, mit der sie über Religion rede, und über TikTok und YouTube sei sie an andere christliche Jugendliche angebunden. Viele in ihrer Schule seien jedoch Atheisten oder Agnostiker: „Sie sagen, es gebe keinen Gottesbeweis.“ Das sehe sie aber anders. Ende März sei sie mit weiteren 700 Jugendlichen in Lourdes gewesen. Dort urteilt ein medizinisches Prüfgremium, ob eine Heilung als „unerklärbar“ gilt. „Also werden hier wissenschaftliche Beweise gesammelt“, argumentiert Thea (dem Vatikan fällt allerdings die Aufgabe zu, über „Wunder“ zu bestimmen). Mit elf Jahren hat sie – die in einer religionsfernen Familie aufgewachsen ist – sich taufen lassen. Der Religionskontakt erfolgte im Grenzgebiet von Frankreich, wo sie in der Grundschule den Religionsunterricht besuchte: „Meine Religionslehrerin hat mich inspiriert. Sie erzählte, wie Gott ihr nach einem Todesfall geholfen hat. Ich wollte wissen, ob auch ich Gott erfahren könne.“ Ihre Taufe beschreibt sie als „émouvant“, sie habe sich „Gott nahe und beschützt gefühlt“. Zu Hause bete sie oft, und sie gehe ein- bis zweimal im Monat in die Kirche, wo sie auch Messdienerin ist. Dennoch spielt die institutionelle Dimension für sie eine untergeordnete Rolle; fragt man, ob es sie nicht störe, dass der Katholizismus einen rein männlichen Klerus hat, muss sie zunächst überlegen. Es wäre verwunderlich, wenn die Kirche sich ändern würde, „aber da Gott alle liebt, müsste er auch Frauen im Priesteramt akzeptiere“, so die Jugendliche.
Der Historiker Charles Mercier von der Universität Bordeaux meint, unter manchen Jugendlichen habe sich ein verspielterer Zugang zum christlichen Erbe etabliert. Es sei zu einer „ressource de sens“ geworden, in einer Welt, in der die Religion nicht mehr als Bedrohung für die eigene Autonomie wirke, zugleich aber viele Unsicherheiten herrschten (Krieg, ökonomische Krisen, Klimawandel, KI). Religiöse Symbole seien auch in der Popkultur ein zu erkundendes Spielfeld geworden: Während die Sängerin Madonna in den 1980er-Jahren mit christlicher Symbolik provozierte, ist das neueste Album der spanischen Sängerin Rosalía „eine Suche nach dem Katholischen“, wie die Süddeutsche erläuterte. Die Titel einiger ihrer Hits lauten denn auch: Reliquia („Reliquie“), Divinize („Vergöttern“) und Mio Cristo Piange Diamanti („Mein Christus weint Diamanten“). Charles Mercier sagt dazu im Le Monde: „Fini l'idée du Versaillais coincé, mais bienvenue à l'image plus agile, plus sympathique.“
Neue Radikalitä
Daneben gewinnen jedoch zugleich problematische Dimensionen des Religiösen an Sichtbarkeit, wie in dem Sammelband Radicalités religieuses analysiert wird. Eine Tendenz, die weniger durch Kirchenkreise verursacht wird, als vielmehr durch eine politische Instrumentalisierung der Religion. Nationalistische Parteien wendeten sich vom Staatsbürgerlichen hin zum Ethnischen, in dem das Primat des – auch religiös – homogenen Volkes gelte. In rechtsextremen Kreisen diene die christliche Referenz in erster Linie als Identitätsmerkmal; man kultiviere den Appell an Traditionen, ohne das christliche Erbe näher zu bestimmen, wie der Soziologe Olivier Roy analysiert. Dabei vermutet Roy, dass der Rückgang des Glaubens und der religiösen Praxis paradoxerweise zur Radikalisierung beitrage: Es sei „nicht die Religion, die sich radikalisiert, sondern die Abwesenheit von Religion, die zur Radikalisierung treibt – oder zumindest die Abwesenheit dessen, was Religion Positives bieten kann: die Hoffnung“.
Das ethnische Identitätsmotiv ist auch in der ADR anzutreffen. In ihrem Buch Mir gi Lëtzebuerg net op geben Tom Weidig und Fred Keup an, keine praktizierenden Christen zu sein, besinnen sich aber zugleich auf Zeiten, in denen man „morgens zur Messe“ ging und abends zur „Vesper, oder zum Fußball“. Gegenüber dem Land bezeichnete sich Fernand Kartheiser als römisch-katholisch, „mee op ech an eng Kierch ginn an a wéi eng, geet keen eppes un“. In ihrem Parteiprogramm schreibt die ADR, der Denkmalschutz von Kirchen und Kapellen sei wichtig, um die „christlichen Wurzeln unserer Zivilisation in Ehren zu halten“. Darüber hinaus müssten „traditionelle christliche Feste respektiert“ werden – insbesondere die Oktave, d’Klibberen und das Te Deum. Zugleich bedauern die ADR-Chefideologen Weidig und Keup in ihrem Buch, dass Bischof Jean-Claude Hollerich kein „nationales Narrativ“ bediene.
Custodio Portasio verfolgt die Stellungnahmen der ADR nicht, sie sei eine unbedeutende Randpartei. Er sei Mitglied der CSV. Repräsentiert diese Partei ihm zufolge die Anliegen von Christen? Er weicht der Antwort aus; er wünsche sich allgemein eine stärkere „conscience civique spirituelle“; also ein soziales Engagement, das an Sinnstiftung und Gemeinsinn gebunden sei. Aurelia kann die Nähe der Neurechten zum Christentum nicht nachvollziehen; „der Gott des neuen Testaments ist der Gott der Barmherzigkeit“, sagt sie. In ihrem Glauben ginge es um Dankbarkeit und Vertrauen, nicht um Spaltung und Dominanz.