Am 26. Januar wurde öffentlich, dass Philippe Wilmes jener Chirurg ist, der unnötige Kreuzband-Operationen vorgenommen haben soll. Wilmes und sein Anwalt François Prum begannen ihre Kampagne zur Verteidigung. Sie teilten sich die Ansätze: Prum stellte die Prozedur in Frage, das Vorgehen des Collège médical und der Ministerin, das zu Wilmes’ Suspendierung von Operationen für zunächst drei Monate führte. Wilmes veröffentlichte am Abend des 26. Januar einen Brief an seine Patient/innen: Wie er selber seien sie Opfer einer politischen Intrige. „Mon engagement politique en faveur d’un meilleur système de santé, d’un accès équitable à des soins modernes et innovants pour tous, ont manifestement dérangé.“ Es werde versucht, „d’écarter un adversaire politique“. Proteste bitte an den Premier. Es gebe keine „Kreuzband-Affäre“, sondern eine „Affäre Deprez“.
Das brachte er in den Wochen danach immer wieder auf. Mit diversen Appellen an Luc Frieden, sich einzuschalten und die Gesundheitsministerin zur Ordnung zu rufen. Man konnte meinen, dabei sei es ihm ebenfalls um die Prozedur gegangen, die Martine Deprez nicht richtig gehandhabt habe. Der Aspekt „politische Intrige“ trat in den Hintergrund.
Seit Freitag vergangener Woche kann man das nicht mehr meinen. Da gab Wilmes eine Pressekonferenz und konstruierte eine Affäre Deprez 2.0. Berichtete, dass er mit ihr seit Anfang 2024 eine Arbeitsbeziehung hatte und in ihrem Auftrag ein Brainstorming mit Akteuren aus dem Gesundheitsbereich für eine Strategie zur Umsetzung der Vorhaben im Koalitionsvertrag der Regierung führte. Er las aus Textnachrichten vor. Erzählte, dass er im Frühjahr 2025 den Eindruck gewann, die Ministerin wolle nicht umsetzen, was im Koalitionsvertrag steht. Dass er im Oktober 2025 an Luc Frieden schrieb, „hatt kann et net an hatt wëll et net“. Und dass es „méi wéi just Gerüchter“ gewesen seien, sie als Gesundheitsministerin zu entlassen. Auch weil die DP, für die Wilmes 2023 bei den Koalitionsgesprächen in der Arbeitsgruppe Santé & Sécu saß, „net frou war“, dass es nicht voranging mit der Erfüllung der Versprechen aus Wahlkampf und Koalitionsvertrag.
Genaugenommen widersprach er damit seinem Bruder, dem Umweltminister. Serge Wilmes hatte am 10. November im RTL-Radio versichert, er habe „nichts gehört von einer Regierungsumbildung“. Unter dem Strich aber suggerierte Philippe Wilmes, die „Intrige“ gehe von Martine Deprez aus. Als habe die Gesundheitsministerin beschlossen, einen Arzt fertigzumachen, der auch politisch tätig war und andere Positionen vertrat als sie.
Anzunehmen ist, dass Philippe Wilmes an diesen Politkrimi selber nicht glaubt. Doch es ist erstaunlich, zu welchen Mitteln er greift. In seiner beruflichen Existenz gefährdet ist er. Nach den Expertisen, die zu seinen Ungunsten ausfielen; durch das um 21 Monate verlängerte Operationsverbot; nach der endgültigen Kündigung seines Vertrags durch die Hôpitaux Schuman. Und vor allem, weil die Anschuldigungen gegenüber „einem Chirurgen“ im kleinen Land an die Öffentlichkeit geraten waren. Dass sein Name fallen würde, war nur eine Frage der Zeit.
Doch Wilmes schreibt den Politkrimi auf bizarre Weise fort. Provoziert in Erwartung, dass jemand Fehler macht. Bringt sogar den Premier in Bedrängnis, weil er so tut, als habe er mit ihm über das politische Schicksal der Gesundheitsministerin konferiert. Und liest öffentlich SMS anderer Leute vor. Ist das für einen Arzt deontologisch einwandfrei? Wer weiß. Ist Wilmes für die DP eine Last geworden? Parteipräsidentin Carole Hartmann antwortet, sie konzentriere sich als gesundheitspolitische Sprecherin der DP-Fraktion auf die Umsetzung des Koalitionsvertrags. Dazu hätten CSV, DP und Martine Deprez im Herbst die „Marschroute“ bestimmt. Wie Philippe Wilmes sich verteidigt, sei seine Sache. Deprez’ Entscheidung auf die Expertise hin sei richtig. „Das habe ich schon im Kammerausschuss gesagt.“
Luc Frieden versicherte Deprez seines „vollen Vertrauens“, wie das Wort am Dienstag schrieb. Er verstehe, dass Wilmes’ weitere Suspendierung auf eine einstimmige Analyse dreier Experten zurückgehe, von denen einer von ihm selber berufen wurde. Martine Deprez sagte dem Tageblatt am Mittwoch, zwischen sie und Carole Hartmann passe kein „Blatt Papier“. Die Politik will nichts hören von Philippe Wilmes’ Politkrimi.