Die Software von Mistral ist im öffentlichen Dienst gelandet. Die politische Debatte über den Arbeitsmarktwandel hinkt der technologischen Entwicklung hinterher

Vom Fortschrittsnarrativ zur Risikoanalyse

CTIE-Chef Patrick Houtsch
Photo: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land du 01.05.2026

Dass mit KI in der Verwaltung gearbeitet wird, ist laut Patrick Houtsch, Direktor des staatlichen Informatikdienstes (CTIE), nicht ganz neu: „Anfang 2024 hatten wir entschieden, Staatsbeamten den Zugang zu Copilot zu gewähren, sozusagen dem ChatGPT von Microsoft.“ In dem Vertrag mit Microsoft wurde dem luxemburgischen Staat zugesichert, dass die Daten, die auf den Microsoft-Servern in Amsterdam und Frankfurt aufbewahrt werden, nicht zweckentfremdet werden und Europa nicht verlassen. „Das reicht uns aber nicht mehr“, so Houtsch. Unter anderem wegen der aktuellen geopolitischen Lage sei es „wichteg ginn, op eegene Féis ze stoen“ und die Abhängigkeit von externen Akteuren zu minimieren. US-Software wird zunehmend als Sicherheitsrisiko wahrgenommen. Im Blick hat das CTIE wohl auch den unlängst verabschiedete Cloud Act, der US-Behörden den Zugriff auf sämtliche Daten erlaubt, die von amerikanischen Unternehmen weltweit gespeichert werden.

Im Juni 2025 konkretisierte sich die Wende. Bei der Nexus-Konferenz wurde laut geklatscht, als CSV-Premier Luc Frieden gemeinsam mit Mistral-CEO Arthur Mensch auf der Hauptbühne verkündete, der luxemburgische Staat und das französische Unternehmen hätten ein strategisches Papier unterzeichnet. Premier Frieden schnitt seine Botschaft damals noch nicht auf Souveränitätsbedenken zu, sondern auf ein Fortschrittsnarrativ: Wer sich als „modern“ verstehen wolle, müsse KI bejahen, so das Selbstverständnis seiner Regierung.

Die Mistral-Kooperation berge viele Vorteile, meint Patrick Houtsch: „Das Unternehmen erlaubt uns, alle seine Modelle zu nutzen – auch die es in Zukunft entwickelt.“ Und die Daten der Verwaltungen werden lokal auf der Infrastruktur des Staates aufbewahrt. „Das ermöglicht es uns, mit sensiblen Daten zu arbeiten, ohne befürchten zu müssen, dass sie abgeschöpft werden.“ Das CTIE hat die Mistral-Plattformen in ihren Datenzentren implementiert und angepasst. An der Umsetzung waren nur fünf Mistral-Arbeiter beteiligt. Viele Projekte hat das CTIE ausgelagert; um den Transfer für das CTIE zu gewährleisten, stehen Informatiker aus privaten IT-Firmen kurzzeitig unter Vertrag. Mittlerweile arbeiten 900 Beamte mit der Technologie – querbeet aus allen Verwaltungen. Aber vor allem Mitarbeiter mit Schlüsselrollen, wie Informatiker. Seit dieser Woche aber findet ein Rollout statt; die Software kommt nun erstmals bei alltäglichen Verwaltungsarbeiten zum Einsatz.

Softwareunternehmen werden häufig übernommen oder beabsichtigen, ihr Unternehmen nach einer Skalierung zu veräußern. Ist das ein Szenario, das in Zukunft Probleme bereiten könnte? „Do gëtt et keng absolut Garantien“, gesteht Houtsch. Aber das Geschäftsmodell von Mistral bestehe darin, sich auf eine europäische Kundschaft zu konzentrieren, und im aktuellen geopolitischen Kontext mit dieser Strategie zu werben. „Mit dem Verlust ihres Unternehmenssitzes in Europa würden sie sich nicht mehr abheben von ihren Konkurrenten. Deshalb erscheint mir das Risiko bislang eher gering“, analysiert der ausgebildete Ingenieur. Tatsächlich hob Arthur Mensch vor zwei Monaten beim AI Action Summit in New Delhi hervor: „KI sollte ein Instrument zur Ermächtigung sein, nicht zur Dominanz“, wie Forbes berichtete.“ Er warnte laut dem French Tech Journal zudem vor „einer unkontrollierten Konzentration der KI-Macht“, die die „wirtschaftliche Souveränität und Demokratie“ bedrohe. Und forderte die Staaten auf, eine Infrastruktur zu betreiben, die „der Mehrheit dient und nicht nur einer mächtigen Minderheit“. Mistral verspricht seinen Kunden Unabhängigkeit, Eigenkontrolle und weitgehend Open-Source-Modelle (die Trainingsdaten werden allerdings unter Verschluss gehalten). In Zeiten, in denen Bücher die Regale füllen, die vor einer amerikanischen Tech-Oligarchie warnen, die dem Präsidenten Donald Trump nahesteht und somit leicht Teil eines Handelskriegs werden kann, kann das eine Botschaft sein, die auf Gehör fällt.

In Europa zählt Mistral mittlerweile unter seinen Kunden die in London ansässige Bank HSBC, das britische Supermarktunternehmen Tesco, die Schifffahrtsgesellschaft CMA sowie den französischen und griechischen Staat – insofern stimmt es nicht ganz, wenn Luc Frieden seine Partnerschaft mit Mistral als „weltwäit eenzegarteg“ beschreibt, wie er es vor zwei Monaten während einer Pressekonferenz tat. 40 Millionen Euro zahlt die Regierung auf drei Jahre verteilt an Mistral. Im vergangenen Jahr zahlte das CTIE 47,5 Millionen Euro für Software-Lizenzen. Der Löwenanteil dürfte an Microsoft geflossen sein, denn das CTIE arbeitet mit M365-Diensten, Teams und Microsoft Outlook. Demgegenüber scheinen die Preise für Mistral-Dienste akzeptabel. Arthur Mensch zeigte sich vor zwei Monaten auf Belval offen für Verträge mit Banken. Aus dem Luxembourg House of Financial Technology (LHoFT) heißt es allerdings, dass Mistral im hiesigen Bankensektor bisher noch nicht im Geschäft sei.

Neben den großen Erzählungen lebt die Mistral-Realität vom Klein-Klein der Alltagsanwendungen. Für den öffentlichen Dienst in Luxemburg heißt das, dass Le Chat dabei behilflich sein soll, Texte zu übersetzen – in einem Land mit drei Amtssprachen und einer zunehmenden Bedeutung des Englischen. „Die Software soll aber auch nach Sitzungen Notizen, die quick and dirty hingekritzelt wurden, in eine saubere Form bringen“, so Houtsch. Und im CTIE soll sie bei der internen Softwareentwicklung behilflich sein. Le Chat von Mistral bleibt im Performanz-Ranking stets weit hinter den KI-Modellen von OpenAI und Anthropic zurück. Ist das CTIE mit dem Einkauf der Regierung zufrieden? Der Leiter des CTIE ist von der Software nicht enttäuscht, findet sie gar „sehr gut“. Vor allem das Sicherheitsniveau überzeuge ihn: „Die Mistral-Software ist so einstellbar, dass sie keine Internetrecherchen im Hintergrund tätigt. Das verhindert, dass Informationen während der Suchanfrage ins Internet geraten.“

Seit einem Jahr betont Luc Frieden, er möchte seine KI-Revolution „am Dingscht vum Mënsch“ verstanden wissen. In der April-Ausgabe des Paperjam weiß er, wohin die Reise geht: „La technologie est là pour aider les gens, donc elle va avoir un impact positif sur la façon dont nous travaillons.“ Arbeitsplätze sollten keine abgeschafft werden. Die von der Regierung lancierte Kampagne Ai4Lux schmückt der Roboter Lumi – sein niedliches Teletubbie-Erscheinungsbild soll Vertrauen schaffen. Im Dezember 2025 veröffentlichte das Statec jedoch eine Berechnung, laut der 14 Prozent der Angestellten damit rechnen könnten, dass ihre Arbeit automatisiert wird – das sind insgesamt 64 000 Arbeitsplätze, die in Luxemburg potenziell durch KI bedroht sind. Vor allem Personen, die administrative Arbeiten im unteren Dienstleistungsbereich erledigen müssten, seien betroffen. Anfang März ließ CSV-Finanzminister Gilles Roth überdies in einem internen Schreiben verlautbaren, dass er Neueinstellungen beim Staat „auf ein absolutes Minimum“ beschränken möchte, und rief zur „Verbesserung der Effizienz“ durch KI-Lösungen auf. In seinem Budget von 2026 schreibt er, die „masse salariale“ des Zentralstaates sei von 2,3 Milliarden Euro im Jahr 2016 auf fast fünf Milliarden im Jahr 2025 gestiegen – sich also mehr als verdoppelt hat.Die Zahl an Mitarbeitern beim Luxemburger Staat sei mit jährlich mehr als 1 500 Personen in den vergangenen Jahren „stark gewachsen“, antwortete Serge Wilmes, CSV-Minister für den öffentlichen Dienst, Ende 2024 auf eine parlamentarischen Anfrage.

Neben der Gefahr von Arbeitsplatzstreichungen, betont der Statec-Bericht die Möglichkeit einer Produktivitätssteigerung für Wissensarbeiter – also für etwa 55 Prozent der Angestellten oder Freischaffenden. Demnach komme es zu einem „Produktivitätsparadoxon“ oder einer „Effizienzfalle“. Das ist kein neues Muster. Im kollektiven Gedächtnis ist die Erfindung der E-Mail noch präsent – sie ermöglicht eine beschleunigte Aufgabenbewältigung, aber zugleich eine veränderte Kommunikation: Man kommuniziert nun mehr und schneller – und das wird gesellschaftlich erwartet. Arbeit produziert Arbeit, das Ergebnis: Man arbeitet mehr, nicht weniger. Denkbar ist also, dass die Jobangebote für Geringqualifizierte schrumpfen und es bei Hochqualifizierten zu mehr Druck bei der Arbeit kommt.

Wenn Premier Frieden nicht gerade auf einer Bühne vor einem Mikrofon steht, wird sein Techno-Optimismus jedoch gelegentlich leiser. Anfang März schrieb er Nora Back, der Präsidentin der Arbeitnehmerkammer: Die künstliche Intelligenz „birgt große Chancen – und, das ist wahr, auch gewisse Risiken – und erfordert daher eine gemeinsame Reflexion“, wie das Wort berichtete. Im Anschluss wurde ein KI-Dësch mit den Gewerkschaften und dem Patronat einberufen – nach dem allerdings keine konkreten Maßnahmen verkündet wurden. Man war sich lediglich einig, dass man noch mehr Informationen über den technologischen Wandel benötige; eine Studie soll nun klären, was KI für einzelne Arbeitssektoren bedeutet, so das Tageblatt. Entspannt blickt hingegen UEL-Präsident Michel Reckinger auf KI in der Arbeitswelt. Dem Wort teilte er mit, die Debatte über mögliche Arbeitsplatzverluste betrachte er als „Panikmache“.

Welche Gedanken macht sich die CGFP über die derzeitigen technischen Entwicklungen in den Verwaltungen? „Wir haben stets betont, dass der Mensch im Mittelpunkt bleiben soll, und werden das auch weiterhin tun“, antwortet CGFP-Präsident Romain Wolff auf Land-Nachfrage. Konkrete Rückmeldungen, welche Auswirkungen der Wandel auf die Arbeit der Beamten hat, lägen der CGFP jedoch noch nicht vor. Der Einfluss der KI werde künftig „enorm“ sein, schätzt Wolff, und meint, dass manche Stellen wahrscheinlich nicht mehr ausgeschrieben werden dürften. Während des Gesprächs zeigt sich Romain Wolff leicht überwältigt von der digitalen Transformation.

Das CTIE kann den Produktivitätsgewinn jedenfalls messen – und könnte somit Hinweise für einen möglichen Stellenabbau liefern, sollte die von Gilles Roth vorgegebene Richtung forciert werden. Bei Dokumenten, die regelmäßig von Bürgern eingesendet und von einer KI sortiert werden, „können wir Vergleichswerte erheben und berechnen, inwiefern der Prozess schneller abläuft“, erläutert Houtsch. Für spezifische, einmalige Arbeiten ist das aber nicht möglich. Die Qualitätskontrolle wiederrum soll über das Quapital-Modell erfolgen (eine Abkürzung des sperrigen Titels „Qualité des Projets d’Implémentation des Technologies de l’Information et de la Communication dans l’Administration Luxembourgeoise“). „Bei wichtigen Dossiers müssen konsequent Stichproben durchgeführt werden“, meint Patrick Houtsch.

In einer Guideline, die am Freitag an Verwaltungsmitarbeiter verschickt wurde, steht, Le Chat solle auch bei Zusammenfassungen und der Analyse von Dokumenten behilflich sein. Doch gerade KI-generierte Zusammenfassungen sind zumeist fehlerhaft. Hierbei dürfte die Zeiteinsparung geringer ausfallen, denn man kommt nicht an der Durchsicht des Originaldokuments vorbei – und auch nicht an der Haftungsfrage. „Ohne Kontrolle geht es nicht“, konzediert Patrick Houtsch; denn letztlich haftet ein Mensch für die Aussagen der KI. „Die KI darf auch keine Entscheidungen treffen“, sagt der CTIE-Leiter.

Stéphanie Majerus
© 2026 d’Lëtzebuerger Land