Mit Hugo Pratt – Géographies imaginaires gewährt das Cadran in Lüttich Einblicke in das Universum des herausragenden Zeichners. Die Schau zeigt Einflüsse auf die Entwicklung von Pratts Stil und die Bandbreite seines Schaffens

Bande Dessinée als literarische Kunstform

Zeichnung aus Robert Louis Stevenson à Valaima Apia
Photo: Cong S.A. Suisse
d'Lëtzebuerger Land du 17.04.2026

Ein wenig muss man suchen, aber dann stößt man auf den tunnelartigen Eingang gleich neben dem Bahnhof Liège-Saint Lambert. Der alte U-Bahn-Schacht ist authentisch in seinem einst-igen Charme. Im Untergeschoss kann man eintauchen in einen kurzen Film über Hugo Pratt, „eine immersive Erfahrung“ heißt es bei solchen Installationen dann oft in Werbesprache. Im Fall des belgischen Comic-Zeichners lohnt sich das Anschauen des biografischen Films wunderbar als Einstieg.

Die Retrospektive des Zeichners und Autors Hugo Pratt (1927-1995) umfasst rund 170 Originalzeichnungen und Entwürfe, dazu kommen Siebdrucke, Exponate, Aufkleber, Anspielungen an die Pop-Art in Zeichnungen und Skizzenbüchern; es sind Kollektionen zwischen Wüsten, Ozeanen und den weiten Ebenen Nordamerikas: Der Ausstellungsrundgang gleicht einer Reise auf den Fährten von Pratt.

Die Ausstellung zeigt einen „humanistischen Autor, unermüdlich Reisenden und Schöpfer der mythischen Figur Corto Maltese“, wie es an den Wänden auf Flämisch, Französisch und Englisch heißt. Doch die Schau zeige weit mehr als seinen berühmten BD Corto Maltese; eine Figur, die zumindest in Comic-Kreisen jedem bekannt ist. „Obwohl Corto natürlich Pratts Held par excellence ist“, sagt Toni Voyages, der durch die Ausstellung führt. Pratts zeichnerisches Comic-Universum ist in der Schau gegliedert in seine Reisen in reale und imaginäre Landschaften, literarische und filmische Einflüsse, Geschichte und Geopolitik, Frauen in Pratts Werk sowie den Einfluss anderer Kunst-Genres. Zeit seines Lebens zeichnete er Reiseabenteuer und mythisch-mysteriöse Wesen.

Pratt wurde 1927 in Rimini geboren; er war erst zehn Tage alt, als seine Familie zurück nach Venedig zog, wo er aufwuchs. 1937, nachdem sein Vater zur italienischen Kolonialpolizei PAI eingezogen worden war, sollte seine Familie in der Nähe von Addis Abeba (Kolonie Italienisch-Ostafrika) stationiert werden – hier wird er ganz neue Farben, Märkte und Gerüche entdecken. Dies sollte seine Imagination befeuern und sich in seinem Werk niederschlagen; die erste Frau, in die er sich verliebte, war Äthiopierin. „Das war vielleicht der Zeitpunkt, an dem ich begann, mich vom Rassismus abzugrenzen“, wird er später sagen.

Unvoreingenommene Neugierde

Nach dem italienischen Kriegseintritt und der Niederlage im Ostafrikafeldzug wurden seine Mutter und er 1942 verhaftet (der Vater verstarb 1941 in einem Kriegsgefangenenlager); er ließ sich mit seiner Mutter repatriieren. Seine Weltoffenheit mochte auch daher rühren, dass er aus einer kosmopolitischen Familie kam: „In der Familie, in der das Kind von einer Schar Onkel umgeben war, lebten Juden und Faschisten Seite an Seite im Schatten der Kabbala, einer Obsession der Familie“, liest man im begleitenden Katalog. In der Schau folgt man Schlaglichtern eines Künstlers, der sich ganz und gar der Zeichenkunst und der unvoreingenommenen Neugierde für andere Kulturräume verschrieben hatte.

In Venedig begann er ein Kunststudium. Dort gründete er gemeinsam mit Zeichner-Freunden, darunter Alberto Ongaro und Dino Battaglia, das Comic-Magazin Asso di Picche. Sein Weg als Zeichner war damit begründet. Schon 1949 erkannte der argentinische Verleger Cesare Civita das Talent des Zeichners. Pratt siedelte nach Buenos Aires über, wo er Abenteuerserien wie Junglemen und Sergente Kik zeichnete und die Werke von Octavio Paz und Jorge Luis Borges kennenlernte.

Der Zeichner war fasziniert von Reisen, Abenteuern, amerikanischen Comics, aber auch vom Hollywood-Kino und dem Meer. In Corto Maltese in Sibirien und die Skorpione der Wüste würdigt Pratt die von ihm geschätzten US-amerikanischen Autoren, indem er Cartoons aus Geschichten, die er in seiner Jugend gelesen hatte – wie Terry and the Pirates, Red Barry und Krazy Kat – in die Zeitungen einbaute, die Corto und Koïnsky lesen.

In den 1950er Jahren wird er nach Südamerika reisen, und in Argentinien beginnen für die Revue Hora Cero zu zeichnen, was ihm viel Freiheit gab. Dort wird er seine ersten Comic-Figuren erschaffen – und erstmals auch beim breiten Publikum Erfolg haben. Über zehn Jahre blieb er in Argentinien und kam 1962 nach Italien zurück, wo er an einer BD für Kinder (Il corriere dei piccoli) mitarbeiten wird.

Hier begann seine eigentliche Karriere, und zwar mit dem Zeichnen von Homers Odyssee – es war schließlich Odysseus, der die Welt über die Meere bereiste ... Daran orientiert sollte auch seine berühmte Figur des Corto Maltese entstehen.

„Er war einer der kultiviertesten Männer der Epoche und hat alles gelesen: Proust, die Italiener, vor allem aber auch amerikanische Literatur und alles, was mit dem Meer zusammenhing, von Moby Dick bis zu Der alte Mann und das Meer“, sagt Toni Voyages. Und er betont: „Es war Hugo Pratt, der die Bande Dessinée auf das Niveau einer Kunstform brachte. C’est de la littérature dessinée.“

Durchbruch mit Corto Maltese

Seine Figur des Corto Maltese wurde 1967 in Paris geschaffen, wo er Florenzo Ivaldi, dem späteren Herausgeber der Monatszeitschrift Kirk begegnete: ein Wendepunkt in seiner Karriere. Seine Erzählung Luna Ballata del Mare Salato sollte ihm Erfolg bescheren; es ist eine melancholische Abenteuergeschichte in der Tradition von Joseph Conrad, die als Ausgangspunkt europäischer Graphic Novels gilt. In dieser Geschichte tauchte zum ersten Mal Corto Maltese auf – ein Kapitän ohne Schiff, der zu seiner Hauptfigur werden sollte. Ende der 1980er Jahre verkaufte Pratt pro Jahr fast eine halbe Million seiner Alben.

Der Chefredakteur der Zeitschrift Pif Gadget sollte ihn schließlich anwerben – drei Jahre lang zeichnete er für sie. Ab dem Zeitpunkt gelang ihm nicht nur in Frankreich, sondern weltweit der Durchbruch. Ähnlich wie bei Hergés Tintin wird jede der BDs von Corto Maltese ein Land oder einen Kulturraum zum Schwerpunkt haben. Dass er kein gläubiger Katholik war, sollte es ihm erlauben, diese Kulturen durch eine unideologische Brille zu betrachten – vollkommen frei von religiösen Dogmen.

Insbesondere sein Blick auf Frauen und die Art und Weise, wie er sie zeichnete, sticht in der Ausstellung in Liège hervor, sind sie doch nicht sexualisiert gezeichnet, wie man es aus amerikanischen Comics der 1950er kennt, sondern stark und eigenwillig.

Beim Betrachten einiger dieser Skizzen ist man nicht zuletzt fasziniert von den wenigen Strichen, die der Zeichner brauchte, um nicht nur eine Figur zum Leben zu erwecken, sondern ihr auch charakterhafte Züge zu verleihen.

Am Ende des Rundgangs, vor dem Café und der Bookshop-Ecke, in der man Hugo Pratts Comics sowie den Ausstellungskatalog erwerben kann, stößt man noch auf eine Reihe ausgefallener Werbezeichnungen aus Tusche, darunter etwa für Gauloises bleues. Dreißig Jahre nach dem Tod des Autors würdigt diese kleine, aber feine Ausstellung das künstlerische Schaffen des BD-Pioniers in seiner gesamten Bandbreite.

Die Ausstellung Hugo Pratt – Géographies imaginaires ist noch bis einschließlich 14. Juni
im Cadran (Lüttich, Belgien) zu sehen. Weitere Informationen unter: lecadran-expo.be

Anina Valle Thiele
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