Das CNA bewahrt die audiovisuelle Kulturgeschichte des Landes auf. Wegen gravierender interner Probleme geht es schleppend voran

Code of Conduct

Ein analoges Tonbandgerät des CNA
Photo: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land du 06.02.2026

„Wenn kein Angebot da ist, ist auch kein Bedarf da. (...) Wenn hier Zeitzeugen sterben, ist man überrascht, hat sie nicht interviewt.“ (Jean-Marie Reding, Präsident des Verbands der Bibliothekare und Archivare, im Wort, 2006)

„Das Archivbewusstsein ist hierzulande quasi inexistent.“ (Josée Kirps, Präsidentin der Nationalarchive, 2014 im Tageblatt)

Dass das Centre national de l’audiovisuel (CNA) vergangenes Jahr sein Archiv schloss, interessierte die Politik nicht. Niemand stellte eine parlamentarische Anfrage dazu, niemand diskutierte darüber. Grund für die Schließung war die aufwendige Arbeit, drei Archive in ein einziges zusammenzulegen. Die Inventarisierung und systematische Harmonisierung aller Daten seien durch die Schließung „beschleunigt“ worden, jedoch noch nicht abgeschlossen, teilt das CNA mit. (Bisher sind rund 2 200 Archivbestände erfasst, also rund 350 000 Dokumente; insgesamt liegen über eine Million im CNA.) Mittlerweile wird in Luxemburg also systematisch gesammelt – nur kommt man eben eher müßig an das, was man sucht. Auch Medien hatten vergangenes Jahr deutlich eingeschränkten Zugang zu Dokumenten und Daten, ihre Recherchen wurden erschwert. Oft lautete die Antwort auf Anfragen, dass eine Einsichtnahme nicht möglich sei. Jene, die davon betroffen waren, sahen das kritisch – Archivare, Journalisten, Historikerinnen.

Das CNA ist das zentrale Organ, in das die gesamte audiovisuelle Kulturgeschichte einfließt: Ministerien, Medien und Privatpersonen senden ihre Produktionen an das Institut ab. Selbst digital aufgezeichnete Pressekonferenzen schickt der Pressedienst der Regierung ans CNA. 2025 wurden 3 441 Dokumente ans dépôt légal übermittelt. 2024 erreichten das dépôt volontaire, an das Privatpersonen ihre Fotos und Dokumente abgeben können, 535 094 Einsendungen. Eine historische Fundgrube also, für die eine einjährige Schließung hätte vermieden werden müssen.

Seit mehreren Jahren ist das Institut außerdem von Personalproblemen geplagt (d’Land, 06.12.2024). Der Exodus an Mitarbeiter/innen, der unter dem vorigen Direktor Paul Lesch begann, dauert unter dem neuen Direktor Gilles Zeimet an. Nach mehreren längeren Krankheitsfällen und Abgängen hat Ende vergangenen Jahres schließlich eine wichtige Führungskraft des Archivs gekündigt. Insgesamt haben fünf Personen das CNA verlassen, seitdem Gilles Zeimet seit knapp zweieinhalb Jahren im Amt ist. „Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich Mitarbeiter sehe, die Besprechungen in Tränen verlassen“, erklärt ein Teammitglied im Gespräch mit dem Land. Die Atmosphäre sei toxisch, das Mikromanagement konstant. Der Direktor mauert derweilen. Anfragen werden lediglich schriftlich beantwortet, Archivar/innen seien „extrem eingenommen“ von der Wiedereröffnung des Archivs und der Digitalisierung der Family of Man-Ausstellung, um mit der Presse sprechen zu können, heißt es. Dass das CNA auch extern wenig und spät kommuniziert, was wichtige Elemente von Projekten betrifft, wird aus Gesprächen, die das Land führen konnte, ebenfalls ersichtlich. Das Personal sei schlichtweg überfordert, es gebe äußerst viele Besprechungen der Teams, die es unmöglich machten, die eigentliche Arbeit zu meistern, heißt es aus dem Umfeld des Hauses. Die Direktion unterstreicht mehrere Initiativen, die das Haus ergriffen habe, um der „Stimmung im Team“ entgegenzukommen: die „gestion par objectifs“, eine neue zielführende Arbeitsweise; kooperative Workshops mit dem Personal, die gut angenommen würden; Weiterbildungen und die enge Arbeit mit einem „externen Coach“, um interne Prozesse den „Bedürfnissen des Hauses“ anzupassen. Es werde außerdem an einem „Code of Conduct“ und einer Werte-Charta gearbeitet. Die Direktion lobt das „Engagement und die große Motivation“ seines Teams.

In den vergangenen zwei Jahren hat das Kulturministerium dem CNA Budgeterhöhungen gewährt, aufgrund „gezielter struktureller Investitionen“, die unter anderem die Infrastruktur betreffen. Über 13 Millionen Euro bekommt das Institut, 4,5 Prozent des Gesamtbudgets des Ministeriums; davon 7,2 Millionen für Gehälter. Doch das Ministerium gibt sich schmallippig über die Zustände in seinem Institut. „Mir ist nichts über Unzufriedenheit oder Nervosität des Personals bekannt“, sagt Carl Adalsteinsson, Erster Regierungsrat im Kulturministerium, im Gespräch mit dem Land. Das Kulturinstitut sei seit mehreren Jahren in einer Periode des „change“, in der „sehr viele historische Themen diskutiert werden“. Man sei in regelmäßigem Kontakt mit dem CNA, kenne jedoch nicht jedes „Detail“.

Ein besorgniserregender Vorfall ereignete sich vergangenes Jahr im Rahmen der Ausstellung der Lutz Teutloff-Sammlung. Lutz Teutloff war ein bedeutender deutscher Sammler und Galerist. Die Ausstellung der Fotografien Facets of Humanity: Works from the Teutloff Collection musste zwei Monate vor eigentlicher Finissage geschlossen werden, weil die Klimaanlage im Ausstellungsraum Display01 ausgefallen war und hohe Feuchtigkeit die Exponate beschädigt hatte. Gilles Zeimet, der zu diesem Zeitpunkt in Arles war, beschloss, die Ausstellung zu schließen, um die Werke restaurieren zu lassen. Über den Zustand der Fotografien hat das CNA seit sechs Monaten nicht kommuniziert – Land-Informationen nach gibt es wohl keine irreparablen Schäden. 20 Kunstwerke befinden sich im Moment noch im Atelier, die anderen 51 sind zurück im CNA. Es sei soviel Zeit nötig, weil die Werke einen kontrollierten Trocknungsprozess durchlaufen müssten, erklärt die Pressestelle des Kulturinstituts.

Sabine Weichel-Kickert ist Kuratorin und Expertin zur Teutloff-Sammlung. Sie übergab die Kollektion nach dem Tod von Lutz Teutloff 2017 an das CNA. Im Gespräch mit dem Land kann sie nicht nachvollziehen, weshalb nicht angedacht ist, die bedeutenden Werke noch einmal zu zeigen. Denn das Agenda des CNA sieht eine nächste Ausstellung im Raum erst für den Herbst 2026 vor. Gilles Zeimet hatte dem Wort jedoch vergangenes Jahr erklärt, eine erneute Ausstellung der Teutloff-Werke sei derzeit nicht geplant. Sabine Weichel-Kickert wurde erst neun Tage nach dem Vorfall darüber informiert. Sie kann nicht verstehen, weshalb es so lange dauert, um eine Klimaanlage zu reparieren. Nach langer Recherche habe man nun ein Planungsbüro gefunden, um das „Projekt des Ausstellungssaals“ zu begleiten, so die Direktion des CNA. Dann könne man den finanziellen Impakt besser einschätzen und „Maßnahmen ergreifen“. Ein Bericht soll zum 2. März vorliegen.

Still ging das Archiv Anfang dieses Jahres dann wieder auf. Das CNA Search-Tool ging seinerseits vergangenes Jahr mit einem ersten Datensatz online, derzeit sind 2 000 Dokumente dort aufrufbar. Es müssten extrem detaillierte Metadaten definiert werden, damit eine effiziente Recherche möglich sei; die komplexen Nutzungsrechte und aufwendige Klärungsprozeduren würden die Arbeit verlangsamen, erklärt das CNA. Ästhetisch interessant aufgewertetes Archivmaterial findet man überdies in einem Projekt namens „La boîte à archives“ auf RTL – vorausgesetzt, man ist gewillt, sich den anfänglichen Werbungen auszusetzen. Die Themen dieser Rückblenden, so berichtet das CNA, seien von RTL festgelegt worden. Liichtmëssdag in den 60ern, Werbungen aus vergangenen Jahrzehnten samt ihren damaligen Wertevorstellungen, Großherzogin Charlotte und Erbgroßherzogin Maria Teresa, wie sie über den Internationalen Bazar flanieren. Was an lebendiger Archivarbeit möglich wäre, dafür gibt es im direkten Ausland unzählige Beispiele: Etwa wie das Institut national des archives (INA) in Frankreich in seinem Format L’Ina éclaire l’actu täglich medienwirksam Archivmaterial heraussucht, das die Gegenwart spiegelt und erklärt.

Sarah Pepin
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