Am 3. Dezember 2025 hat das Parlament mit großer Mehrheit das Projekt „Alpha – Zesumme wuessen” verabschiedet und damit der seit einem halben Jahrhundert andauernden Diskussion um die Einführung zweier paralleler Alphabetisierungsstränge ein vorläufiges Ende gesetzt. Flächendeckend sollen alle Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit erhalten, wahlweise Lesen, Schreiben und Rechnen auf Deutsch oder Französisch zu lernen. Die deutsche und die französische Gruppe bleiben jedoch in einer Klasse zusammen, in der Luxemburgisch die gemeinsame Sprache für alle übrigen Fächer ist.
Das Projekt Alpha will das Bildungssystem gerechter gestalten, indem es die sprachliche Realität des Landes berücksichtigt: Zwei von drei Schülern sprechen mittlerweile zu Hause weder Luxemburgisch noch Deutsch. Dies wurde durch die Debatte selbst illustriert, in der vier der sieben Hauptredner aus einem Elternhaus stammen, in dem kein Luxemburgisch gesprochen wurde. Barbara Agostino (DP) und Ricardo Marques (CSV) betonten die Schwierigkeiten, die sie bei der Alphabetisierung auf Deutsch hatten. David Wagner (Déi Lénk) sprach in diesem Zusammenhang von einer „Zwangsalphabetisierung auf Deutsch”. Die Diskussion konzentrierte sich auf die Umsetzung der Reform, insbesondere in Bezug auf die erforderlichen Ressourcen (Personal, Klassenzimmer), sowie auf die Sorge, dass diese auf Kosten des Förderunterrichts und der Inklusion gehen könnte. Tatsächlich stellt sich die Frage, wo die über einen Zeitraum von sechs Jahren einzustellenden 150 Lehrkräfte herkommen sollen. Zudem ist fraglich, ob die Modellrechnung, die auf Grund der mittlerweile von den vier Pilotschulen gemachten Erfahrungen von einem starken Rückgang der Klassenwiederholer ausgeht, realistisch ist. Diese Rechnung scheint im Ansatz sehr optimistisch und im Detail nicht nachvollziehbar, worauf nicht nur die Chambre de Commerce in ihrem Avis hinweist.
Die Piraten versuchten, sich mit ihrer Enthaltung zum Sprachrohr der ohnehin schon „am Limit“ arbeitenden Lehrerschaft zu machen, während die ADR als einzige Partei gegen das Gesetzesvorhaben stimmte und der Regierung vorwarf, die luxemburgische Identität zu bedrohen und die „Frankophonisierung“ der Gesellschaft weiter vorantreiben zu wollen. Noch im April 2017 hatte der Erziehungsminister Claude Meisch (DP) in einem bis heute auf der Regierungswebseite abrufbaren Communiqué vom 4. März 2017 abgestritten, eine französische Alphabetisierung einführen zu wollen, woran Fred Keup (ADR) in seiner Rede genüsslich erinnerte und man darf befürchten, dass die erwartbaren Umsetzungsprobleme der Reform in den nächsten Jahren ein Kristallisationspunkt für die Identitätspolitik aller Populisten darstellen werden. Die Gegner der französischen Alphabetisierung und die Verfechter des Status quo finden nicht nur in den sozialen Netzwerken, sondern auch in klassischen Medien wie dem Luxemburger Wort großes Echo. Dort wurde das Gesetz als „Atombombe” für das Bildungssystem und als „zentrale Weichenstellung, die das Luxemburger Bildungssystem ins Wanken bringen wird” bezeichnet. Laut dem zeitgleich zur Debatte veröffentlichten Politmonitor sind 54 Prozent der befragten Wahlbevölkerung der Meinung, dass das Pilotprojekt einer wahlweisen Alphabetisierung auf Französisch das Schulsystem gefährdet. Die Sorge ist besonders groß in der Stammwählerschaft von ADR und CSV (81% bzw. 54%) und besonders gering in der Stammwählerschaft der Grünen (32%). Auch unter den Luxemburger*innen mit Migrationshintergrund sehen nur ein Drittel (32%) das Schulsystem gefährdet.
Dass das Gesetz eine weitreichende Weichenstellung für die Zukunft des Bildungssystems und darüber hinaus, die weitere Entwicklung des ganzen Gemeinwesens darstellt, kann niemand abstreiten. Eine Diabolisierung des Unterrichtsministers, der angeblich auf machiavellistische Art sowohl den Koalitionspartner als auch alle Akteure – inklusive der Lehrergewerkschaften – austricksen würde, greift jedoch zu kurz. Das Projekt wird vom fast gesamten Parlament, der Zivilgesellschaft sowie dem Mainstream der Bildungsforschung unterstützt. Angesichts einer komplexen, ungeplanten und unverstandenen Sprachensituation stellt die Reform einen unbeholfenen Versuch dar, sich am gesunden Menschenverstand zu orientieren und das Machbare zu tun. Und – wie ein geflügeltes Wort sagt – ist das Gegenteil von gut nicht böse, sondern gut gemeint.
Der ignorierte sprachhistorische Kontext
Der ADR-Behauptung einer Frankophonisierung der luxemburgischen Gesellschaft stellte ein DP-Abgeordneter die Feststellung „Lëtzebuerg ass frankophon” entgegen und versuchte, dies mit einer Reaktion der Bevölkerung auf den Ersten und Zweiten Weltkrieg zu erklären. Doch diese Aussage wird weder der komplexen Sprachgeschichte noch der augenblicklichen Sprachensituation gerecht.1
Das luxemburgische Staatswesen begann im Jahr 1839 mit dem Verlust der frankophonen Bevölkerung, während die Eliten am Französischen als Staats- und Justizsprache festhielten. Für die nächsten hundert Jahre verstand sich Luxemburg als zweisprachiger deutsch-französischer Staat. Im Laufe der Jahrzehnte geschah ein doppeltes sprachpolitisches Wunder: Die Zweisprachigkeit wurde von der breiten Bevölkerung akzeptiert und es entstand zusätzlich eine neue Sprache, die 1984 in einem Sprachengesetz anerkannt wurde. Seitdem entwickelt sich das Luxemburgische als Schrift- und Kultursprache stetig weiter – nicht zuletzt dank der neuen informationstechnischen Mittel. Gleichzeitig hat die Zunahme des Anteils der frankophonen Muttersprachler innerhalb der Wohn- und Erwerbsbevölkerung einen paradoxen Effekt. Französisch wird zur Hauptverkehrssprache in Luxemburg, verliert aber gleichzeitig seinen Status als Prestigesprache. Diese Funktion wird zunehmend vom Englischen übernommen, dessen Anerkennung als vierte Verwaltungssprache die Chambre de Commerce kurz vor der Parlamentsdebatte gefordert hat.
In einem kurz vor dieser Debatte veröffentlichten Memorandum bedauert die Asti den Rückgang des Französischen, beispielsweise in der schriftlichen administrativen Kommunikation, zugunsten des Luxemburgischen. Ebenso beklagt sie den Verlust seiner dominierenden Stellung in der Hochschulbildung sowie die negative Wahrnehmung des Französischen und insbesondere seines Unterrichts durch Jugendliche. Diese Stellungnahme hat viel Verwunderung, Widerspruch und Kommentare hervorgerufen, die vor allem zeigen, dass die Wahrnehmung des Sprachgebrauchs von verschiedenen Lebensrealitäten geprägt ist.
Der emeritierte Pariser Philosoph „des arts du langage“ mit luxemburgischen Wurzeln, Jean-Marie Schaeffer, erklärt den von der Asti festgestellten „désamour“ der Jugend für die Sprache Molières anhand seiner eigenen Sprachenbiografie. Als er aus einem Öslingerstädtchen an das Gymnasium in der Hauptstadt kam, musste er im damaligen Nachkriegsluxemburg nicht nur seinen Dialekt ablegen, sondern auch ein distinguiertes Luxemburgisch lernen und sich das Französisch aneignen, das für manche seiner Mitschüler Alltag war, im Gymnasium jedoch die Selektionssprache darstellte: „L’enseignement du français dans le premier cycle du secondaire n’était pas fait pour amener les élèves à aimer la langue française, mais pour faire le tri entre le bon grain et l’ivraie.“2 Wenn die Asti heute über die Ablehnung des Französischen unter Schülerinnen und Schülern klagt, kommt der Verdacht auf, dass sich seit damals vielleicht doch nicht so viel geändert hat und das Lernen von französischer Rechtschreibung und Grammatik noch immer als Notenfalle („pièges à points“) funktioniert.
Die Idee der Alphabetisierung in französischer Sprache kam Ende der 1970er Jahre auf und war damals sprachpolitisch plausibel, da Luxemburg sich noch immer als zweisprachiges Land verstand, obwohl es diesen Status nach hundert Jahren 1948 aus seiner Verfassung getilgt hatte. Luxemburgisch wurde allgemein, insbesondere aber unter Gebildeten und Jugendlichen, nicht als Sprache angesehen. Bis auf das eigentliche Fach, das seit 1912 eine Wochenstunde in allen Klassen umfasste, war seine Verwendung bis auf wenige weitere Ausnahmen (z. B. Turnen oder Malen) im Unterricht verboten. Obwohl die Formulierung „langue officielle” im Gesetz bewusst umschifft wurde, blieb Französisch die eigentliche Staatssprache. Dem Luxemburgischen, das sich jetzt mit dem Label „Nationalsprache” schmücken durfte, hing hingegen ein folkloristisches Odium an. Den Arbeitsmigranten der damals beginnenden portugiesischen Einwanderungswelle wurde Französisch als Integrationssprache empfohlen, da es ohnehin die Hauptwirtschaftssprache war.
Im Februar 1983, als der Ausländeranteil in der Grundschule auf über ein Drittel angestiegen ist, kommt es zu der ersten parlamentarischen Grundsatzdebatte zum Thema „Unterricht und Migration“. Aus heutiger Perspektive ist es erstaunlich, dass Luxemburgisch als Sprache sowohl bei den Gegnern als auch bei den Befürwortern der doppelten Alphabetisierung kaum eine Rolle spielte und lediglich die Zweisprachigkeit erwähnt wurde, die trotz ihrer „unbarmherzigen Selektionsfunktion“ zum konstitutiven Element der nationalen Identität hochstilisiert wurde. Im unverwechselbaren O-Ton der damaligen Parlamentssprache: „D’Châmberkommissioun […] gesäit de Bilinguismus op där enger Säit als e Critère de sélection impitoyable un an op där anerer Säit als en incontestabelt an noutwendegt Element vun eiser nationaler Identitéit.“3
Die Drei-Sprachen-Barriere wird nicht in Frage gestellt
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts erlebt Luxemburg eine Zeit intensiver Sprachdebatten. Diese wurden einerseits durch Überfremdungsängste im Kontext der „700 000-Einwohner“-Debatte und andererseits durch reale sprachliche Änderungen, beispielsweise in der Gastronomie und im Handel, wo luxemburgisch sprechendes Personal knapp wurde, befeuert. Erstmals werden in dem im Jahr 2001 reformierten Nationalitätsgesetz zertifizierte Grundkenntnisse der luxemburgischen Sprache als Voraussetzung für die Einbürgerung gefordert. Zudem erklärte CSV-Premier Jean-Claude Juncker Luxemburgisch zur Integrationssprache. Ab 2004, unter der neuen Erziehungsministerin Mady Delvaux-Stehres (LSAP), wird die Reform des Sprachenunterrichts endlich angegangen. Das Erziehungsministerium kapituliert vor der zunehmenden Präsenz des Luxemburgischen und verzichtet auf die wiederkehrenden Ermahnungen, in der Grundschule die vorgeschriebene Unterrichtssprache zu benutzen. In ihrer Doktorarbeit über die Schulreform von 2009 interpretiert Sabrina Sattler diese offizielle Lockerung eher als „sprachenpolitischer” Akt bzw. als „bildungspolitischen Ablenkungsmechanismus“ denn als „curriculare Stärkung des Luxemburgischen als Sprache”, da die Unterrichtsmaterialien und Prüfungsmodalitäten weiterhin in der jeweiligen Instruktionssprache verfasst sind.4
Im Rahmen dieser Reformbestrebungen hatte ich mich 2007 in der Zeitschrift Forum einer französischen Alphabetisierung gegenüber skeptisch geäußert und dazu Folgendes geschrieben: „Vielleicht liegt die Hauptschwierigkeit nicht in dem Erlernen der deutschen Sprache als solcher, sondern nur in der angewandten Methode bzw. in der Tatsache drei neue Sprachen auf einmal lernen zu müssen, wobei die Nähe zwischen Deutsch und Luxemburgisch für nicht Muttersprachler in einer der beiden eher hinderlich sein dürfte.“5 Erschwerend kommt hinzu, dass Luxemburgisch nicht Gegenstand des Unterrichts ist, sondern die Kenntnis dieser Sprache vorausgesetzt wird, sei es aus der Vorschule oder durch den Kontakt mit Mitschülern in der Klasse und auf dem Schulhof. Eine Alphabetisierung auf Luxemburgisch schien damals undenkbar und ist es bis heute weitgehend geblieben. Davon zeugt auch die Parlamentsdebatte, in der sie vom Sprecher der Linken nur am Rande und ohne viel Nachdruck als Teil ihres Programms erwähnt wurde. Sven Clement, der sich auf Facebook für diese Alphabetisierung stark macht6, war bei der Debatte nicht zugegen.
Seit 2010 ist Luxemburgisch als „langue de médiation“ und „moyen de communication facilitateur“ im Gymnasium erlaubt.7 Es heißt, dass es vermehrt zum Einsatz kommt nach dem Wechsel der Unterrichtssprache von Deutsch auf Französisch in den höheren Klassen. Die symbolische und kulturelle Position des Luxemburgischen hat sich weiter gefestigt und es steht im Zentrum einer komplexen Mehrsprachigkeit, die ein nationales Sprachenkapital definiert und den Zugang zu einem privilegierten Sektor des Arbeitsmarktes rund um die Fonction publique regelt, während es nur sehr bedingt in der Privatwirtschaft verlangt wird.8 Aus deren Perspektive ist die traditionelle Mehrsprachigkeit, die von den Schulreformern im Jahr 2009 als „véritable langue maternelle des Luxembourgeois“ deklariert wurde9, eine überholte protektionistische „Drei-Sprachen-Barriere”, die sich nicht mehr als Zielvorgabe für den Sprachenunterricht eignet.
Doch anders als durch die neuen öffentlichen Schulen mit europäischem Curriculum wird diese „Drei-Sprachen-Barriere” durch die Alpha-Reform nicht infrage gestellt. Die Rolle des Luxemburgischen wird sogar noch verstärkt, indem es nun zur Unterrichtssprache in sämtlichen „Nebenfächern” wird und die allgemein als unrealistisch hoch angesehenen Spracherwartungen am Ende des Fondamental unangetastet bleiben sollen: „Les objectifs linguistiques visés à la fin du cycle 4 demeurent alignés sur ceux du curriculum actuel. La réforme n’en modifie pas les attentes.“10
Ein Grund, weshalb die deutsche Sprache für frankophone Schülerinnen und Schüler eine große Hürde darstellt, liegt in ihrem Status in der luxemburgischen Sprachenlandschaft. Dies kann durch die in der Fremdsprachendidaktik getroffene Unterscheidung zwischen Zweitsprache und Fremdsprache erklärt werden. Eine Zweitsprache ist eine Sprache, die in der Umwelt der Lernenden alltäglich gesprochen wird, für Kommunikation, Bildung und Teilhabe benötigt wird und im Alltag präsent ist. Deshalb ist ihre Erlernung die Voraussetzung für gesellschaftliche Integration. Eine Fremdsprache wird dagegen typischerweise in einem institutionellen Rahmen (Schule, Kurs) gelernt und spielt im Alltag der Lernenden keine oder nur eine begrenzte Rolle.
Für die Schülerinnen und Schüler der französischen Alphabetisierungsgruppe ist Deutsch eine Fremdsprache, da es in Luxemburg vorwiegend als Mediensprache präsent ist und sie kaum Gelegenheit haben, es in authentischen Kommunikationssituationen zu erleben. In der nun homogeneren französischen Alphabetisierungsgruppe besteht jetzt die Möglichkeit, Deutsch mit einer adäquaten Methode als Fremdsprache zu unterrichten, was den Lernerfolg verbessern sollte. Gleichzeitig wird die Bedeutung des Deutschen als gesprochene Unterrichtssprache sinken, da sie sich in den im Klassenverbund unterrichteten Fächern in einer seltsamen medialen Diglossie-Situation wiederfinden werden. So werden sie z. B. im Fach Éveil aux sciences über einen Gegenstand auf Luxemburgisch diskutieren und ihre Beobachtungen auf Französisch niederschreiben. Sie werden noch weniger Gelegenheit haben Deutsch zu reden und ihre Lernmotivation wird vermutlich dadurch geringer und ihre Kompetenz auf einem niedrigen Niveau stagnieren.
Der angekündigte Konflikt
In der Parlamentsdebatte wurde die Befürchtung geäußert, dass nach dem Durchlaufen einer Grundschulkohorte durch sechs komplette Jahrgänge der Druck entsteht, das Gymnasium seinerseits vollständig umzugestalten, um den Übergang der Schülerinnen und Schüler des neuen zweigleisigen Alpha-Curriculums in die Sekundarstufe zu gewährleisten. Prinzipielle Anpassungen der Unterstufe wurden im Koalitionsvertrag bereits angekündigt, doch bislang weigert sich das Ministerium konkrete Vorschläge zur Diskussion zu stellen.
Eine mögliche Richtung für eine Reform wurde von der grünen Abgeordneten Djuna Bernard mit einer parlamentarischen Anfrage zur Einführung eines deutschen Ausbildungszweigs am Gymnasium aufgezeigt: „une filière dans laquelle l’allemand conserverait le rôle de langue véhiculaire principale tout au long de l’enseignement secondaire“.11 Die Sprengkraft dieser Forderung zeigt sich in der Begründung mit einem typisch populistischen Argument, wenn auch in einer behutsameren Formulierung als man es bei der ADR gewohnt ist: Der deutsche Studiengang wird als Ausgleich für die Vorteile dargestellt, welche die frankophone Sprachgemeinschaft erfährt – als da wären „l’introduction de l’option d’alphabétisation en langue française, des classes Allemand langue étrangère (ALLET) et d’autres initiatives“ – und der Schritt hin zur diskursiven Figur, die die Einheimischen – die „élèves provenant de familles non francophones” –, als die eigentlichen Opfer eines angeblich migrationsfreundlichen Staates darstellt, ist nicht weit.
Für eine erfolgversprechende Sprachenpolitik in Luxemburg kann es nur einen sinnvollen Bezugsrahmen und Denkhorizont geben: die europäische Sprachenpolitik mit dem expliziten Ziel „Muttersprache plus zwei Fremdsprachen“ und der impliziten Praxis, Englisch als Lingua franca Europas zu fördern. Innerhalb dieses Rahmens muss ein neues Gleichgewicht zwischen den drei Landessprachen und Englisch geschaffen werden. Was „richtiges Sprechen” in der multilingualen luxemburgischen Gesellschaft bedeutet, wird täglich neu ausgehandelt. Dabei verändert sich nicht nur der Sprachgebrauch, sondern auch das Sprachdenken. Die erforderlichen institutionellen Anpassungen erfolgen jedoch nur mit großer Verzögerung, da die verschiedenen Akteure ihr im Laufe ihres Lebens erworbenes Sprachkapital schützen möchten. Vor allem die Sprachlehrer werden sich dagegen wehren, wenn erst einmal deutlich wird, welche Auswirkungen die Alpha-Reform auf die gymnasiale Unterstufe haben wird.
Dies erklärt die Halbherzigkeit der Alpha-Reform, die weiterhin in dem engen Korsett luxemburgischer Alltagsvorstellungen gefangen bleibt. Eine Abkehr von der traditionellen Dreisprachigkeit ist für sie undenkbar. Deshalb finden die Erfahrungen, die in den neuen öffentlichen Schulen mit europäischem Curriculum gemacht wurden, genauso wenig Beachtung wie die seit 25 Jahren diskutierte Alphabetisierung in luxemburgischer Sprache.
Abschließend möchte ich mich Jean-Marie Schaeffer anschließen, der der Meinung der Asti widerspricht, das Luxemburgische sei zu arm, um als Kultursprache zu bestehen. „En réalité, toute langue est capable de devenir le vecteur d’une culture écrite complexe: Il faut simplement commencer à s’en servir. Je ne dis pas qu’un tel développement serait souhaitable ou non souhaitable: Cette question, seule la communauté de celles et ceux qui parlent et écrivent le luxembourgeois pourra la trancher – dans un sens ou dans l’autre.“
Während der Ausbau des Luxemburgischen durch die Sprechergemeinschaft und die neuen Möglichkeiten der Sprachverarbeitung und -übersetzung durch künstliche Intelligenz vorangetrieben wird, hat das Parlament ein Gesetz verabschiedet, das im Geist der 1980er Jahre verhaftet bleibt und der heutigen pluralen und superdiversen Gesellschaft keineswegs gerecht wird.