Seit Montag senden die Radios digital, während in Junglinster auch das letzte Stück Radiogeschichte einem neuen Viertel weichen soll

Der Luxemburgeffekt

d'Lëtzebuerger Land du 05.12.2025

Beim sogenannten „Luxemburgeffekt“ hört man im Hintergrund schwach das Programm eines anderen Radiosenders: ein akustisches Echo, das sich unfreiwillig als treffende Metapher für die aktuelle Entwicklung rund um das ehemalige RTL-Senderareal in Junglinster anbietet. Während im Vordergrund glänzende Neubauprojekte und Millionenwerte dominieren, bleibt die Erinnerung an ein zentrales Kapitel Luxemburger Mediengeschichte im Hintergrund nur noch leise hörbar.

Am Montag startete Luxemburg offiziell sein nationales DAB+-Netz, während gleichzeitig in Junglinster die letzten sichtbaren Zeitzeugen der Radiogeschichte einem neuen Wohnviertel weichen sollen. Das RTL-Mutterhaus CLT-Ufa erwartet aus der Verwertung des riesigen Areals einen erheblichen Profit. Dass die Denkmalbehörde Inpa das aus den 1930er Jahren stammende Betriebsgebäude unter Schutz gestellt hat, focht CLT-Ufa umgehend beim Verwaltungsgericht an. Die drei rot-weißen Stahlgittertürme, jahrzehntelang das inoffizielle Wahrzeichen der Region, sind ohnehin schon zum Abriss vorgesehen.

Während Digital Audio Broadcasting ebenfalls hohe Antennen benötigt, sind die historischen Masten für die DAB+-Infrastruktur irrelevant geworden. Das neue nationale Netz stützt sich auf die Standorte Ginsterberg, Napoleonsgaart und Banert. Medienministerin Elisabeth Margue (CSV) sprach beim Start von einem „neuen Schwung für Luxemburgs radiophone Vielfalt“. In der Tat bietet DAB+ mehr Sender auf derselben Frequenz, stabileren Empfang, digitale Zusatzdienste sowie eine Zukunft ohne UKW, dessen Abschaltung spätestens 2030 geplant ist. Doch der Fortschritt hat seinen Preis. DAB+ ermöglicht zwar neue Programme wie den Klassiksender Opus von 100,7 oder das englischsprachige RTL Today, unterstützt durch Kampagnen und die Plattform dabplus.lu. Ein zweites Multiplex soll künftig lokalen Radios helfen, den digitalen Übergang zu meistern. Doch während das Land nach vorne blickt, geht in Junglinster stillschweigend ein Stück Vergangenheit verloren.

Für die Gemeinde birgt die Umwandlung des Sendergeländes große städtebauliche Chancen, aber auch den Verlust eines identitätsstiftenden historischen Ortes. Bürgermeister Ben Ries (DP) betont die Bedeutung einer Vereinbarung mit dem Wohnungsbauministerium, das die Gemeinde organisatorisch unterstützt: „Ohne diese Hilfe wäre dieses Vorhaben für unsere Gemeinde personell unmöglich zu stemmen“, sagte er dem Wort. Ein Masterplan soll die künftige Nutzung festlegen. Doch ein modernes Wohnviertel ersetzt kein kulturelles Gedächtnis. Die gigantischen Antennentürme, die über Generationen hinweg eine Skyline prägten, verschwinden (obwohl sie auch digitales Radio übertragen). Das einzig sichtbare Relikt könnte ein einzelnes, denkmalgeschütztes Gebäude bleiben, als museale Kulisse inmitten anonymer Neubauten.

Dass CLT-Ufa das Gelände nicht als Erbe bewahren, sondern primär kapitalisieren will, ist offensichtlich. Historische Immobilien oder Liegenschaften werden veräußert, um Liquidität zu schaffen; der kulturelle Wert, die historische Bedeutung oder das öffentliche Interesse treten in den Hintergrund. Alternative Konzepte, etwa die Integration der Antennen als Landmarken oder Denkmalelemente, die Umwandlung des Geländes in ein Museums- und Bildungszentrum scheinen nie ernsthaft in Betracht gezogen worden zu sein.

Die Sendestation Junglinster auf dem Hügel Um Bichel war jahrzehntelang eines der wichtigsten technischen Bauwerke des Landes. Das Ensemble umfasst drei Sendetürme mit ursprünglich 315 Metern Höhe sowie Wohnhäuser für das Personal. Das Hauptgebäude aus den frühen 1930-er Jahren trägt deutliche Art-déco-Merkmale und orientiert sich an europäischen Sendeanlagen aus dieser Zeit, wie der schwedischen Radiostation Grimeton. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Station erst von der Wehrmacht genutzt, später vom amerikanischen Geheimdienst OSS unter dem Codenamen „Radio Annie“. Eine Gedenktafel erinnert an den Schutz durch Pattons Truppen während der Ardennenoffensive.

Architektonisch ist der historische Kern nahezu unverändert erhalten: Risalit, Kupferdach, Wasserbecken sowie originale Innen- und Außendetails wie Fenster, Lampen, Türen oder Bodenbeläge zeugen vom Stil der 1920-er und 1930-er Jahre. Die Commission pour le patrimoine culturel (Copac) empfahl einstimmig den nationalen Denkmalschutz und riet, auch die Wohnhäuser zu prüfen. Die Station erfüllt alle Kriterien eines Erinnerungsortes, sowohl technisch als auch historisch, architektonisch und kulturpolitisch. „Es ist ein funktionales Gebäude, aber mit repräsentativem Charakter“, wie Christine Klein vom Inpa unterstreicht. Selbst die Wasserbecken im Außenbereich folgten noch diesem Anspruch. Den Eingang ziert ein eiserner Erdball, über den sich Radiowellen ausbreiten. Die Seitenflügel stammen aus späteren Jahren, wurden dem zentralen Bau jedoch „stilistisch angepasst“, wie Christine Klein weiß.

Der Fall Junglinster zeigt exemplarisch, wie wirtschaftliche Interessen historische Räume gefährden. CLT-Ufa ist ein privates Unternehmen und handelt entsprechend ökonomisch. Doch die Verantwortung für den Schutz nationaler Erinnerungsorte liegt nicht allein bei einem Konzern, sondern ebenso bei jenen politischen Instanzen, die Genehmigungen erteilen, Bebauungspläne anpassen und Subventionen gewähren. Das geplante Neubauprojekt reiht sich ein in eine Serie historischer Vorgänge, bei denen RTL beziehungsweise die frühere CLT erheblich von staatlichen Entscheidungen profitierte, etwa durch günstige Grundstücksverkäufe oder Planungserleichterungen (siehe „Aide d’État cachée“, d’Land, 28.4.2017). Medienförderung, steuerliche Anreize und die etablierte Praxis des sale-and-leaseback führen dazu, dass RTL wirtschaftlich entlastet wird, während Gewinne durch Immobilienverkäufe privatisiert werden. Der kulturelle Verlust hingegen bleibt öffentlich. Als dominanter Akteur kann der Konzern zudem durch politische Nähe die Rahmenbedingungen der Medienförderung sowie die städtebauliche Entwicklung beeinflussen, während kleinere Anbieter keine vergleichbaren Chancen erhalten.

Der Standort Junglinster verfügte ursprünglich über mehrere 180 Meter hohe Masten der Firma Barblé. Die noch bestehenden Langwellenantennen stammen aus den Jahren 1954 bis 1959. Die drei Gittertürme mit dreieckiger Basis und waren bis Anfang der 1980-er Jahre 250 Meter hoch; seit einem Umbau 1983 sind es noch 217 Meter. Seit den 1970-er Jahren dient Junglinster als Reservesender, während Beidweiler die Hauptfunktion übernahm. Bereits seit den 1930er Jahren wurden Kurzwellensender betrieben; seit 2003 sendet man dort im DRM-Modus. Ab den 1950-er Jahren wurde in Junglinster auch UKW ausgestrahlt, bis zur Verlegung nach Hosingen. Damit repräsentiert Junglinster die komplette Entwicklung der Luxemburger Rundfunkgeschichte – von der Langwelle über Mittelwelle, Kurzwelle und UKW bis hin zur digitalen DRM-Technik. Ursprünglich als schützenswert eingestuft, fielen die Sendetürme schließlich einer politischen Entscheidung des Kulturministeriums zum Opfer.

Der Abriss der Junglinster Türme und die Umwandlung des Areals gehören zu den gravierendsten Eingriffen in das luxemburgische Mediengedächtnis seit Jahrzehnten. Während Luxemburg mit DAB+ digital aufbricht, droht zugleich ein symbolischer Bruch mit der eigenen Geschichte. Wenn Kultur, Technikgeschichte und kollektive Erinnerung einem maximalen Grundstückswert geopfert werden, entsteht eine Gesellschaft, die ihre eigenen Wurzeln nur noch als Hintergrundrauschen wahrnimmt: ein Luxemburgeffekt der besonderen Art.

Die Entwicklungen in Junglinster erinnern nicht zufällig an ein anderes Kapitel der Luxemburger Rundfunkgeschichte: die Villa Louvigny im Stadtpark, jahrzehntelang das Herz des RTL-Rundfunks und eine der wichtigsten Kulturadressen des Landes. Von hier aus sendete Radio Luxemburg seine europaweiten Programme. Hier spielten Sinfonieorchester, versuchte James Joyce die Opernkarriere seines Sohns Giovanni zu lancieren, gingen die Beach Boys und Jimi Hendrix live, hier entstanden die Formate, die Luxemburg zur Radiomacht machten – auch im Gedächtnis der früheren Ostblockstaaten. Die Bedeutung des Gebäudes für das nationale Selbstverständnis stand außer Frage. Dennoch wurde es nach dem Auszug von RTL lange Zeit wie ein überdimensionierter Restposten behandelt. Die jüngste Entscheidung, das Gebäude zu renovieren und künftig als tiers-lieux zu betreiben, sowie den wegen seiner Akustik hochgeschätzten Konzertsaal zugänglich zu machen, ist zweifellos ein positiver Schritt. Die Villa Louvigny wird damit wieder zu einem kulturell und gesellschaftlich relevanten Ort, anstatt, wie so viele historische Medienstandorte anderswo, im Schatten von Investitionsdebatten still zu verfallen.

Dennoch: Luxemburg tut sich schwer damit, Medienarchitektur nicht nur als Immobilie, sondern als Träger kultureller Identität wahrzunehmen. In einem Land, dessen internationale Ausstrahlung eng mit Radio und Fernsehen verknüpft ist, wäre eine kohärente Strategie zur Bewahrung dieses Erbes eigentlich selbstverständlich. Während die Villa Louvigny am Ende doch noch gerettet wurde, droht in Junglinster ein Ort, der technologisch und historisch mindestens ebenso bedeutend ist, zwischen Grundstücksspekulationen und städtebaulichen Interessen weichgespült zu werden.

Frédéric Braun
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