László Nemes und die Spuren historischer Gewalt

Eingrabungen der Geschichte

d'Lëtzebuerger Land du 19.06.2026

Geschichte erscheint bei László Nemes selten als Ereignis. Sie tritt nicht in Gestalt großer Entscheidungen oder historischer Wendepunkte auf, obwohl seine Filme genau von solchen Momenten handeln. Sie liegt in Gesichtern, Räumen und Bewegungen. Sie haftet an Mauern, Körpern und Erinnerungen. Seine Figuren bewegen sich durch Welten, die von vergangenen Gewalttaten gezeichnet sind, ohne diese jemals vollständig überblicken zu können. Gerade aus dieser Begrenzung entwickelt Nemes die besondere Kraft seines Kinos. Krieg, Besatzung, Verfolgung und politische Herrschaft erscheinen als Eingrabungen, die sich in Menschen und Orte eingeschrieben haben und dort fortwirken. Von Son of Saul über Sunset und Orphan bis zu Moulin untersucht Nemes die Spuren historischer Gewalt.

Diese Aufmerksamkeit für Dauer, Raum und Wahrnehmung verweist auf den Einfluss Béla Tarrs, bei dem Nemes als Regieassistent arbeitete. Die langen Einstellungen und Plansequenzen, die beide Regisseure verbinden, erfüllen jedoch unterschiedliche Funktionen. Während Tarr häufig die existenzielle Erfahrung von Zeit untersucht, richtet Nemes seinen Blick auf die Sedimente der Geschichte. Seine Kamera erklärt nicht, sie folgt. Sie bewegt sich mit den Figuren durch Räume, in denen sich historische Spannungen bereits abgelagert haben. Dadurch entsteht der Eindruck einer fortwährenden Spurensuche. Vergangenheit erscheint nicht als abgeschlossener Zustand, sondern als materielle Wirklichkeit, die jede Bewegung und jede Wahrnehmung prägt.

Besonders deutlich wird dies in Son of Saul aus dem Jahr 2015. Der Film spielt 1944 in Auschwitz und begleitet den Sonderkommando-Häftling Saul Ausländer, der inmitten der Vernichtungsmaschinerie den Leichnam eines Jungen entdeckt und in ihm seinen Sohn zu erkennen glaubt. Sein Versuch, dem Kind eine Bestattung zu ermöglichen, bildet das Zentrum der Handlung. Die Kamera verlässt Saul kaum. Sie bleibt dicht an seinem Gesicht oder seinem Hinterkopf, während sich die Welt um ihn herum in Fragmenten zeigt. Das Lager erscheint nicht als historisches Panorama, sondern als unmittelbare körperliche Realität. Rauch, Schmutz, Gedränge und Erschöpfung bestimmen jede Einstellung. Die Geschichte gräbt sich hier in den Körper ein. Sie existiert als Arbeit, als Atem, als ständige Nähe zum Tod. Auch die Farbpalette unterstützt diesen Eindruck. Grau-, Braun- und Erdtöne dominieren die Bilder. Sie verleihen dem Film eine materielle Schwere, als läge Asche über jeder Einstellung. Die formale Radikalität von Son of Saul zeigt sich besonders in der Kameraführung. Die handgetragene Kamera folgt Saul beinahe ununterbrochen und hält sich dicht an seinem Körper. Dadurch entsteht der Eindruck einer Verfolgerperspektive. Der Zuschauer bewegt sich durch das Lager, ohne Abstand gewinnen zu können. Gleichzeitig bleibt ein großer Teil der Wirklichkeit dem Blick entzogen. Die eigentliche Gewalt ereignet sich häufig im Off-Raum. Schüsse fallen außerhalb des Bildes, Befehle werden gebrüllt, Schreie dringen aus benachbarten Räumen, Türen öffnen und schließen sich. Die Vernichtungsmaschinerie wird akustisch erfahrbar, ohne jemals vollständig sichtbar zu werden. Gerade dadurch gewinnt sie eine allgegenwärtige Präsenz. Das Lager besitzt keine klaren Grenzen, weil seine Gewalt weit über das Sichtbare hinausreicht.

In Sunset verlagert Nemes seinen Blick vom Körper auf den Raum. Der Film führt nach Budapest im Jahr 1913. Die junge Irisz Leiter kehrt in die Stadt ihrer Kindheit zurück und begibt sich auf die Suche nach einem Bruder, von dessen Existenz sie erst kürzlich erfahren hat. Aus dieser Suche entwickelt sich ein Weg durch eine Gesellschaft, die kurz vor ihrem Zusammenbruch steht. Die politischen Spannungen der späten Habsburgermonarchie bleiben dabei meist unsichtbar. Sie zeigen sich in Gerüchten, Andeutungen und Begegnungen. Budapest wirkt wie eine Stadt, in deren Straßen sich die kommende Katastrophe bereits angekündigt hat. Die Kamera folgt Irisz durch Salons, Werkstätten und Hinterhöfe. Jeder Raum scheint von Kräften durchzogen, die sich der Wahrnehmung entziehen und dennoch wirksam sind. Geschichte erscheint hier als Eingrabung in den städtischen Raum. Die gedämpften Gold- und Bernsteintöne des Films verleihen den Bildern eine eigentümliche Ambivalenz. Schönheit und Verfall existieren gleichzeitig.

Noch unmittelbarer verbindet Orphan die historische Ebene mit dem Privaten. Der Film spielt im Nachkriegsungarn der späten 1940er Jahre. Im Mittelpunkt steht der junge Andor, der mit seiner Mutter Klára in den Ruinen Budapests lebt und auf die Rückkehr seines verschwundenen Vaters hofft. Als der Metzger Mihály in das Leben der Familie tritt und allmählich die Rolle des Familienoberhaupts einnimmt, entsteht ein konfliktreiches Beziehungsgeflecht. Nemes entwickelt daraus weit mehr als ein Familiendrama. Die Familie wird zu einem politischen Raum. Andor erscheint wie ein verwaistes Land, das seine alte Ordnung verloren hat. Der verschwundene Vater verkörpert eine Vergangenheit, die nur noch in Erinnerungen existiert. Mihály dagegen etabliert sich als neue Autorität. Seine Präsenz beruht nicht auf Zugehörigkeit, sondern auf Macht. Die politischen Umbrüche der Nachkriegszeit schreiben sich in Beziehungen, Blicke und Gesten ein. Geschichte gräbt sich hier in Identität und Familie ein. Die ausgewaschenen Braun-, Grau- und Grüntöne des Films verstärken diesen Eindruck. Die Bilder wirken wie verblasste Fotografien, auf denen sich die Vergangenheit dauerhaft abgelagert hat.

Mit Moulin – bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes uraufgeführt – setzt Nemes seine Auseinandersetzung mit den Einschreibungen historischer Gewalt fort. Der Film widmet sich dem französischen Anführers der Resistenz Jean Moulin und konzentriert sich auf die letzten Monate seines Lebens. Statt eines nationalen Heldenporträts entsteht die Darstellung eines Menschen unter ständigem Druck. Verfolgung, Konspiration und Gewalt bestimmen die Wahrnehmung der Figur. Die historische Bedeutung Moulins bleibt präsent, doch sie erscheint nicht als Legende. Sie manifestiert sich in Entscheidungen, Belastungen und Gefährdungen. Die Figur trägt die Spannungen ihrer Zeit in sich und wird zum Träger ihrer Konflikte.

Allen vier Filmen liegt dieselbe Bewegung zugrunde: Nemes verfolgt die Eingrabungen der Geschichte. Seine Figuren bewegen sich durch Welten, deren Körper, Räume, Familien und Institutionen von historischen Gewalterfahrungen gezeichnet sind. Die langen Einstellungen verleihen diesen Spuren Dauer. Die Plansequenzen folgen ihnen durch die Zeit. Geschichte erscheint dabei weder fern noch abgeschlossen. Sie besitzt Gewicht, Dichte und Widerstand. In den Filmen von László Nemes bleibt sie als Spur erhalten: Sie prägt Wahrnehmung, Beziehungen und Lebenswelten. Gerade darin liegt die besondere Kraft seines Kinos.

Marc Trappendreher
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