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Nationale Wirtschaft 7 Min. Lesezeit

Wohlstand einmal anders – Titel

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Erschienen in Ausgabe Dezember 2025
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Xavier Bettel, Außenminister, und Tshering Tobgay, Premierminister von Bhutan, am 29. Januar 2025 © SIP/ Emmanuel Claude

Das Jahresende lädt oft dazu ein, etwas Abstand zu gewinnen und über aktuelle Probleme nachzudenken, wie etwa die ökologische Angst, ein auf Hyperkonsum basierendes kapitalistisches Modell, die Enttäuschung an der Demokratie oder auch den Verlust von Sinn. Vor diesem düsteren Hintergrund erhebt sich eine unerwartete Stimme aus dem Himalaya, um Denkanstöße zu geben. Diese Stimme gehört Tshering Tobgay, dem derzeitigen Premierminister von Bhutan, und sie erklingt in seinem Buch „Enlightened Leadership“ (Penguin Books, 2025). Ein Werk, das zugleich die Funktionen eines Sachbuchs, einer geopolitischen Abhandlung, eines Leitfadens für die öffentliche Politik und eines buddhistischen Katechismus vereint.

Bhutan ist ein kleines Königreich im Himalaya, etwa so groß wie die Schweiz, mit einer Bevölkerung, die mit der von Luxemburg vergleichbar ist. Es liegt eingebettet zwischen den beiden bevölkerungsreichsten Mächten der Welt, Indien und China. Seine Wirtschaft stützt sich auf Wasserkraft und nachhaltigen Tourismus (nach dem Prinzip „high value, low volume“). Obwohl Bhutan mit der Modernisierung lange gewartet hat, verfügt es mittlerweile über uneingeschränkten Zugang zu neuen Technologien. Es steht jedoch vor großen Herausforderungen wie dem Umgang mit dem Abschmelzen der Himalaya-Gletscher und der Abwanderung eines Teils seiner jungen Bevölkerung.

Vor diesem Hintergrund stellt Tshering Tobgay einige Überlegungen vor, die er während des Lockdowns verfasst hat. Der Autor gibt Antworten auf folgende Fragen: Wie schafft es ein winziges Land, die Welt in Sachen nachhaltige Entwicklung zu inspirieren? Wie entscheidet sich eine Monarchie bewusst für die Demokratie? Wie kann eine auf Mitgefühl basierende „aufgeklärte“ Führung den Anforderungen der Globalisierung standhalten? Um diese Einzigartigkeit zu verstehen, drängt sich ein Konzept auf: das Bruttonationalglück (BNG).

Jenseits des BIP: Glück als politischer Kompass

Das BNB ist kein Wirtschaftsindikator wie jeder andere. Es wurde in den 1970er Jahren vom vierten König von Bhutan eingeführt und besagt, dass das nationale Glück wichtiger ist als das Bruttoinlandsprodukt. Das Konzept hat sich zu einem politischen Projekt entwickelt. Dabei geht es darum, den Erfolg einer Nation nicht nur an ihrem materiellen Reichtum zu messen, sondern auch an der Lebensqualität, dem psychischen Wohlbefinden und dem Gleichgewicht mit der Umwelt. Für Tshering Tobgay lässt sich Glück nicht auf die unmittelbare Befriedigung materieller Wünsche reduzieren, wie es im Westen verstanden wird. Es handelt sich um einen dauerhaften Zustand, der auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, der Harmonie mit anderen und mit der Natur beruht und den er als „sustainable happiness and contentment“ definiert. Das BNB vertritt ein ganzheitliches Verständnis von Wohlstand: Es umfasst die materiellen, sozialen, kulturellen und spirituellen Dimensionen.

Diese Vision ist nicht nur theoretischer Natur. Bhutan hat in seiner Verfassung die Verpflichtung verankert, mindestens sechzig Prozent der Landesfläche als Wald zu erhalten, um die Umwelt zu schützen. Alle staatlichen Maßnahmen müssen einen standardisierten BNB-Fragebogen durchlaufen, der ihre Auswirkungen auf das Wohlbefinden, die Gesundheit, die Kultur oder die Umwelt bewertet. Das Land setzt zudem auf eine Stromerzeugung, die fast ausschließlich aus Wasserkraft stammt, was erneuerbare und exportfähige Energie ermöglicht. Ebenso schützt es aktiv sein kulturelles Erbe, indem es den Unterricht in Dzongkha (der Landessprache) stärkt, lokale Traditionen fördert und eine einheitliche nationale Architektur bewahrt. Um diesen Ansatz konkret zu veranschaulichen, entwickelt Bhutan derzeit ein Projekt zur Errichtung einer neuen Stadt namens Gelephu Mindfulness City (GMC). GMC ist keineswegs nur ein weiterer Wachstumscluster, sondern versteht sich als Alternative zu Städten wie Dubai oder Shenzhen: Die Gebäude dort werden niedrig sein, aus natürlichen Materialien errichtet und umweltfreundlich in den Wald integriert. Die Wirtschaft von GMC wird auf das BNB ausgerichtet sein, und die Stadt wird einen besonderen Verwaltungsstatus mit eigenen Gesetzen, einem eigenen Rechtssystem und einem von Singapur und Abu Dhabi inspirierten wirtschaftlichen Rahmen erhalten.

Was den privaten Sektor betrifft, stellt der Premierminister von Bhutan fest, dass Unternehmen die Bedeutung nachhaltiger Initiativen wie der ESG-Kriterien (Environmental, Social, and Governance) zwar gerne anerkennen, diese jedoch oft als nebensächlich betrachten und sie weder vollständig in ihre Geschäftstätigkeit noch in die Arbeit ihrer Mitarbeiter integrieren. Aus einer kritischeren Perspektive weist er darauf hin, dass „ESG-Initiativen häufig als bloße Abhak-Punkte betrachtet werden, als Mittel, um Mitarbeitern und Gemeinden zu zeigen, dass positive Maßnahmen ergriffen werden. Indem diese Initiativen verinnerlicht und in die Unternehmens-DNA integriert werden, lässt sich ihre Wirkung erheblich verstärken“, schreibt Tshering Tobgay.

Wenn Mitgefühl zu einem politischen Projekt wird
politisch

Was an „Enlightened Leadership“ auffällt, ist nicht nur der Inhalt, sondern auch der Ton. Tobgays Sprache ist einfach, schnörkellos, fast schon asketisch. Er spricht von Dienst, Aufrichtigkeit und Mitgefühl – ein Vokabular, das weit entfernt ist von den strategie- und kommunikationslastigen politischen Reden des Westens.

Diese Authentizität kommt auch in den ersten Worten zum Ausdruck, die der fünfte König von Bhutan, Jigme Khesar Namgyel Wangchuck, bei seiner Krönung im Jahr 2008 sprach: „ Ich werde euch wie ein Elternteil beschützen, mich wie ein Bruder um euch kümmern und euch wie ein Sohn dienen.“ Für Tobgay fasst diese Erklärung das Wesen der bhutanischen Führung zusammen: eine Macht, die nicht herrscht, sondern schützt und fördert.

Die bhutanische Demokratie, die in den 2000er Jahren schrittweise eingeführt wurde, war nicht das Ergebnis einer Volksrevolution, sondern einer bewussten Entscheidung des Herrschers. Tobgay betont, dass Bhutan „das letzte buddhistische Vajrayana-Königreich“ sei1. Früher teilten Tibet (China), Ladakh und Sikkim (Indien) diese Tradition, doch heute ist Bhutan „ihr letzter Hüter“. Diese spirituelle Verantwortung durchdringt seine gesamte Regierungsführung, die auf einem subtilen Gleichgewicht beruht: Der Je Khenpo, das religiöse Oberhaupt, verkörpert die spirituelle Dimension, der Ministerpräsident leitet die Politik, und der König – der über beiden steht – sorgt für Harmonie zwischen diesen Bereichen. Tobgay vergleicht diese Struktur sogar geschickt mit der von Andorra, wo ein Ko-Fürstentum (geteilt zwischen einem spanischen Bischof und dem französischen Präsidenten) mit einer demokratisch gewählten Regierung koexistiert.

Das Buch hebt die Einfachheit hervor, die die Macht in Bhutan kennzeichnet. Dabei gilt absolute Neutralität für den öffentlichen Dienst, dessen Angehörige keiner politischen Partei angehören dürfen. Und die Bescheidenheit des Staatsoberhaupts: Der König von Bhutan lebt einfach. Er verfügt über kein persönliches Vermögen, reist mit Linienflügen und wohnt in einem schlichten Haus, fernab von prunkvollen Palästen. Diese Bescheidenheit ist eine bewusste Entscheidung. Macht wird als Dienst verstanden, nicht als Privileg.

Die Geopolitik kleiner Staaten: Ein Vergleich zwischen Bhutan und Luxemburg

In Tshering Tobgays Erzählung erscheint Bhutan wie ein umgekehrtes Spiegelbild unserer Gesellschaften – ein Land, in dem die Moderne die Spiritualität nicht verdrängt hat, in dem Entwicklung sich nicht auf Wachstum beschränkt und in dem Macht als Dienst ausgeübt wird. Bhutan erinnert daran, dass ein anderer Weg möglich ist: der eines maßvollen und zutiefst menschlichen Fortschritts, bei dem Worte Gewicht haben, weil sie mit Taten im Einklang stehen.

Trotz ihrer grundlegenden Unterschiede stehen Luxemburg und Bhutan vor gemeinsamen Herausforderungen. Es handelt sich um zwei kleine Staaten, die von mächtigen Nachbarn umgeben sind und sich der Notwendigkeit bewusst sind, ihre Identität zu bewahren. So schützt Luxemburg sein offizielles Sprachsystem, das auf Dreisprachigkeit (Luxemburgisch, Französisch und Deutsch) ausgerichtet ist, und verfolgt eine proaktive Politik zur Förderung der luxemburgischen Sprache. Bhután seinerseits hat Touristenquoten eingeführt, um sich vor den negativen Auswirkungen des Overtourismus (wie sie beispielsweise in Nepal zu beobachten sind) zu schützen, und schreibt das regelmäßige Tragen der traditionellen Tracht vor (das Gho für Männer und das Kira für Frauen). Tobgay erinnert daran: „Als winziges Land, das zwischen zwei Giganten eingeklemmt ist, ist es für uns umso wichtiger, unsere einzigartigen kulturellen Merkmale am Leben zu erhalten.“ Beide Länder sind zudem junge Monarchien, sind von Wäldern bedeckt und wurden sogar beide von den Jesuiten beeinflusst. Jedes Land hat Nischenbereiche entwickelt, in denen es herausragende Leistungen erbringt. Luxemburg mit seinem Finanzplatz und als Sitz der europäischen Institutionen, Bhutan mit dem Luxustourismus und der Wasserkraft. Diese Erfahrungen bieten Möglichkeiten zur gegenseitigen Inspiration.

Das Bruttonationalglück und die Bescheidenheit der bhutanischen Führung können den Finanzplatz Luxemburg bei seiner Entwicklung zu einem globalen Zentrum für grüne Finanzen inspirieren. Luxemburg wiederum veranschaulicht, wie ein kleiner Staat eine geografische Einschränkung in einen strategischen Vorteil verwandeln kann, indem es zu einem Vorreiter im Finanzwesen und zu einem regulatorischen Versuchslabor wird, dessen Praktiken als Inspiration für den wirtschaftlichen Rahmen der Gelephu Mindfulness City3 dienen könnten.

1 William Simpson ist Vorsitzender der „Conférence Saint-Yves“, einer Vereinigung katholischer Juristen, in Luxemburg

2 Der Vajrayana-Buddhismus unterscheidet sich durch seine esoterischen und rituellen Praktiken vom „alten“ Buddhismus und vom Buddhismus des „großen Fahrzeugs“. Er wird weltweit von 25 bis 30 Millionen Menschen praktiziert.

3 Am 23. April 2026 organisieren die Conférence Sainte-Yves und die Luxemburger Vereinigung für Umweltrecht in der Nationalbibliothek von Luxemburg eine Veranstaltung zum Thema „Grüne Städte“, bei der das Projekt „Gelephu Mindfulness City“ und seine vom Bruttonationalglück inspirierten Prinzipien vorgestellt werden