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Nationale Wirtschaft 3 Min. Lesezeit

Weinberge und Schwindel

Manchmal beginnt das Ende der Welt schon nach einer Stunde Autofahrt. Weniger als hundert Kilometer von Luxemburg-Stadt entfernt, in alle vier Himmelsrichtungen der Großregion. Diesmal am Bockstein

Erschienen in Ausgabe Mai 2026
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Das Saar-Weinbaugebiet ist eine jener Mikroregionen, die es verdienen, dass man sich etwas länger mit ihnen beschäftigt. Hier finden sich einige der renommiertesten Terroirs der Weinbauregion Mosel-Saar-Ruwer, die vorwiegend dem Riesling gewidmet sind. Ein noch wenig bekannter Fernwanderweg, der Saar-Hunsrück-Steig, verbindet die Mosel mit dem Rhein, von Perl bis Boppard, über eine Strecke von 415 Kilometern. Zahlreiche Rundwanderwege locken den Wanderer auf der Karte an. Wie zum Beispiel der Saar-Riesling-Steig (9 km), auf dem wir das Winzerdorf Ockfen und sein legendäres Terroir, den Bockstein, entdeckt haben.

Dies ist kein gewöhnliches Weingut. Er ist in Schiefer und Quarzit aus dem Devon gemeißelt und gleicht einem Amphitheater, das die Natur im Laufe der geologischen Zeitalter geformt hat. Sein Name, „ der Ziegenfelsen “, ist kein Zufall: Er soll an eine uralte Verbindung zum Kult des Dionysos (Bacchus) erinnern, jenem Gott des Weines und der Trunkenheit, den die Alten eben genau flankiert von diesem Tier mit offenem Temperament und sicherem Tritt darstellten. Der Riesling, der dort an einem schwindelerregenden Hang mit einer Neigung von fast achtzig Grad angebaut wird, zählt übrigens nach Ansicht einiger versierter Önologen zu den größten Grand-Cru-Weinen der Mosel- und Saar-Weinberge.

Unser Aufstieg beginnt am Dorfrand, in der Nähe eines Angelteichs, der noch in leichten Nebel gehüllt ist. Der markierte Weg führt sofort in gerader Linie durch den Wald, ohne Umwege und ohne Rücksicht auf Verluste. In zwanzig Minuten erreichen wir den Aussichtspunkt Bockstein auf 345 Metern Höhe. Was sich dem Blick nun bietet, ist ebenso eine Überraschung wie eine Offenbarung: Ein felsiger Ausläufer mit ausgesprochen alpinem Charakter und zerklüfteten Formen überragt auf der einen Seite die Weinberge von Ockfen und auf der anderen Seite das Saartal. Man erblickt die gespenstische Ruine der mittelalterlichen Burg von Sarrebourg, die sich in der Ferne abzeichnet. Ein imposantes Metallkreuz krönt diesen Gipfel. Der Kontrast zu den runden, sanften Formen der umliegenden Hügel ist frappierend, als wolle der Berg seine geologische Eigenwilligkeit zum Ausdruck bringen. Diese Einzigartigkeit hat eine Erklärung: Ein gigantischer Quarzitgang hat sich einst in die eintönige Abfolge der umgebenden Schiefergesteine eingeschoben. Als eines der härtesten Gesteine, die in unseren Regionen zutage treten, widersteht er seit Jahrtausenden der Erosion. Zwei Holzbänke laden den außer Atem geratenen Wanderer dazu ein, sich niederzulassen und die schwindelerregende Weite zu betrachten.

Der Weg führt anschließend weiter entlang des Plateaus durch einen stillen, bewaldeten Bereich und bietet stellenweise einen Blick hinunter auf das westliche Saarufer. Auf halber Strecke schlängelt sich ein schmaler Pfad im Zickzack durch ein Eichengebüsch und führt weiter unten zu einem gut ausgestatteten Rastplatz mit einem kleinen Turm aus roten Ziegeln, dem sogenannten „Bismarcktürmchen“. Der Weg führt uns anschließend in den oberen Teil des Dorfes Schoden, entfernt sich dann sanft von der Weinbaulandschaft und erreicht die Höhen, wo Weiden und Nadelbaumwäldchen jenen frischen, harzigen Duft verströmen, der den nahen Hunsrück ankündigt – bevor er uns in einer Schleife nach Ockfen zurück.

Nachdem wir wieder an unserem Ausgangspunkt angekommen sind, durchqueren wir das Dorf bis zur alten Mühle, die nicht weit vom Ufer der Saar entfernt liegt: Die „Klostermühle“ ist heute ein Landhotel, das herzhafte Gerichte anbietet, bei denen regionale Produkte im Vordergrund stehen – insbesondere die Lachsforellen aus dem Leukbachtal und Wild aus der Region. Auf der schattigen Terrasse mit Blick auf den Bach genossen wir einen hausgemachten Mirabellen-Crumble, begleitet von einem Riesling Kabinett feinherb Ockfener Bockstein des benachbarten Winzers Otto Minn. Eine wirklich schöne Art, die Region zu würdigen, die wir gerade durchstreift hatten.