An der COP28 in Dubai im Jahr 2023 haben sich 200 Länder darauf geeinigt, auf fossile Brennstoffe zu verzichten, ohne jedoch eine Frist festzulegen. Das ist verständlich. Im selben Jahr machten sie immer noch 80 Prozent des Energiemixes aus – ein Anteil, der mit dem von vor dreißig Jahren vergleichbar ist. In diesem Zeitraum stieg der Verbrauch fossiler Energieträger um fast zwei Drittel. Während der Anteil von Erdöl um mehr als sieben Prozentpunkte zurückging (von 36 Prozent auf 29 Prozent), so stieg der Anteil von Erdgas im gleichen Verhältnis (von 18 Prozent auf 25 Prozent), und auch der Anteil von Kohle stieg um fast drei Prozentpunkte (von 24,2 Prozent auf 27 Prozent). Der Verbrauch von Kohle, der ältesten fossilen Energiequelle, deren Verbrennung für die Hälfte der Schadstoffemissionen verantwortlich ist, war noch nie so hoch wie heute. Er lag im Jahr 2023 bei über 8,5 Milliarden Tonnen, davon entfielen 54 Prozent auf China. Ein Rückgang wird ab 2024 erwartet, wird jedoch nur langsam voranschreiten.
Der stetige Anstieg in absoluten Zahlen und der anhaltende Anteil fossiler Brennstoffe in relativen Zahlen haben katastrophale Auswirkungen auf die Umwelt und damit auch auf die Gesundheit der Weltbevölkerung. Die durch die Nutzung von Kohle, Erdöl und Erdgas verursachte Luftverschmutzung ist laut einer im November 2023 im British Medical Journal veröffentlichten Studie weltweit für mehr als fünf Millionen Todesfälle pro Jahr verantwortlich. Der Temperaturanstieg führte zwischen 2017 und 2021 zu einem Anstieg der hitzebedingten Todesfälle um 68 Prozent im Vergleich zum Zeitraum 2000–2004. Extreme Wetterereignisse wie Starkregen und Überschwemmungen führen laut einer Studie der London School of Economics dazu, dass heute im Vergleich zum Zeitraum 1980–2010 fast 100 Millionen Menschen zusätzlich von schwerer Ernährungsunsicherheit betroffen sind – eine Situation, die durch riesige Waldbrände noch verschärft wird. Der Klimawandel wirkt sich auch auf die Ausbreitung von Infektionskrankheiten wie Malaria und Dengue-Fieber aus.
Dass die Zahlen zur Energiewende nach wie vor so entmutigend sind, liegt daran, dass – wie UN-Generalsekretär Antonio Guterres sagte – „die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen außer Kontrolle gerät“. Das Beispiel Erdöl ist aufschlussreich. Wie bei der Kohle war das Jahr 2023 von einer Rekordförderung von 102 Millionen Barrel pro Tag geprägt. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) wird der Höchststand im Jahr 2030 mit 116 Millionen Barrel erwartet, während er gemäß dem Pariser Abkommen zu diesem Zeitpunkt bei 77 Millionen Barrel liegen müsste, also um ein Drittel niedriger. Die Abhängigkeit ist im Straßen-, Luft- und Seeverkehr besonders offensichtlich, wo in Europa Erdöl 91 Prozent des Primärenergieverbrauchs ausmacht.
Die Elektrifizierung des Fahrzeugbestands schreitet langsam und fast ausschließlich in den Industrieländern und in China voran. Weltweit werden 85 Prozent der verkauften Neuwagen noch mit Benzin oder Diesel betrieben. Dies gilt auch für 98 Prozent des bestehenden Fahrzeugbestands, wobei die Fahrzeuge immer länger im Einsatz bleiben: zwölf Jahre in Europa und den USA, bis zu zwanzig oder sogar dreißig Jahre in den Entwicklungsländern – ein Phänomen, das in Anlehnung an den Fahrzeugbestand in Kuba als „Havanisierung“ bekannt ist. Bei Lkw, bei denen Wasserstoff gegenüber Batterien vorzuziehen ist, wird die Umstellung des bestehenden Bestands noch länger dauern.
Im Luftverkehr, einem Sektor, der 2024 mit fast fünf Millionen beförderten Passagieren voraussichtlich seinen Passagierrekord brechen wird (der „Flygskam“ oder „Flugscham“ hatte nur marginale Auswirkungen), gibt es nach wie vor keine ernstzunehmende Alternative zu Kerosin, einem besonders umweltschädlichen Treibstoff, ebenso wie zu Schweröl, das zum Antrieb von Kreuzfahrtschiffen und Containerschiffen verwendet wird. Hier könnte Flüssigerdgas langfristig eine interessante Lösung sein. 360 Schiffe nutzen es bereits, und ebenso viele befinden sich im Bau, doch das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein (0,6 Prozent) der weltweiten Flotte.
In vielen Wirtschaftsbereichen ist es schwierig, auf die Verwendung von Erdölderivaten zu verzichten: Dies gilt beispielsweise für Kunststoffe in der Lebensmittelindustrie und im Automobilbereich oder für Düngemittel in der Landwirtschaft. Ein weiterer wichtiger Aspekt, den es zu berücksichtigen gilt: In armen Ländern wurden Öl- und Gasvorkommen entdeckt, und diese Länder werden sich diesen Segen nicht entgehen lassen wollen. Seit 2019 hat sich Guyana, ein Nachbarland Venezuelas, zu einem „neuen Kuwait“ entwickelt. In diesem Jahr werden Senegal und Mauretanien zu Produzenten fossiler Energieträger (Erdöl bzw. Erdgas) werden. Ab 2025 werden Uganda, Südafrika und Namibia (Erdöl) sowie Tansania und Mosambik (Erdgas) zu diesen Ländern hinzukommen. Zu allem Überfluss bilden die Unternehmen der fossilen Energiewirtschaft eine reiche und mächtige Lobby: Im Jahr 2022 erklärte Rachel Rose Jackson von der US-amerikanischen NGO Corporate Accountability in Sharm el-Sheikh, dass „die COP27 wie eine Fachmesse der fossilen Brennstoffindustrie wirkt“. Dabei waren dort nur 636 Lobbyisten gezählt worden (davon ein Drittel innerhalb der staatlichen Delegationen), gegenüber 2.456 – also fast viermal so vielen – in Dubai im Jahr 2023. Ihre Zahl überstieg damals die fast aller staatlichen Delegationen, mit Ausnahme von zwei.
All dies erklärt, warum der Anteil fossiler Energien nach wie vor so hoch ist. Im Juni 2022 bedauerte der Historiker Jean-Baptiste Fressoz in einem Kommentar zum sechsten Bericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimawandel (IPCC) bedauerte der Historiker Jean-Baptiste Fressoz in seiner Kolumne in der Tageszeitung „Le Monde“, dass die Autoren „der Versuchung erliegen zu glauben, dass grüne Energien ihre fossilen Pendants schnell ersetzen können“. Damit sich etwas ändert, müssten die Staaten endlich ernsthaft mitziehen. Doch noch nie zuvor haben sie fossile Energien so stark subventioniert!
Laut einem im November 2023 veröffentlichten Bericht der Expertengruppe BloombergNEF (BNEF), der sich auf 19 G20-Staaten bezieht, belief sich deren Subventionierung fossiler Brennstoffe im Jahr 2022 auf 1.300 Milliarden Dollar, was mehr als dem Doppelten des Wertes von 2021 und dem 3,2-Fachen des Wertes von 2019 entspricht. Von diesem Betrag flossen rund 830 Milliarden in Form von Preisstützungen an die Verbraucher. Der Rest floss an die Gas- und Ölproduzenten, von denen viele dennoch Rekordgewinne erzielten. Eine überraschende Zahl: Die Subventionen für Kohle waren zwar proportional gering, beliefen sich aber dennoch auf 21 Milliarden Dollar – ein Anstieg um sechzig Prozent innerhalb von zehn Jahren. Dem Bericht zufolge hätten die im Jahr 2022 gewährten Subventionen 1,9 TWh an Solarkraftwerken finanzieren können – das entspricht dem Zehnfachen der von den G20-Staaten in jenem Jahr installierten Kapazität.
Ein im Dezember 2023 von der OECD und der IEA veröffentlichtes Dokument, das 82 Länder umfasste, kam auf eine Gesamtsumme von 1.400 Milliarden Subventionen. Vor allem aber sorgte ein im August 2023 im Blog des IWF erschienener Artikel für Aufsehen: Er bezog sich auf 170 Länder und bezifferte die Subventionen auf rund 7.000 Milliarden Dollar, was mehr als sieben Prozent des weltweiten BIP entspricht. Das ist mehr als die jährlichen öffentlichen Ausgaben für Bildung (4,3 Prozent) und entspricht etwa zwei Dritteln der Ausgaben für das Gesundheitswesen (11 Prozent). Dieser Betrag ergibt sich aus der Summe von etwa 1.400 Milliarden „expliziten Subventionen“ und etwa 5.600 Milliarden „impliziten Subventionen“ wie die Unterbewertung von Umweltkosten und die Steuerausfälle aus dem Energieverbrauch.
Nach Angaben des IWF würde allein die Abschaffung dieser Subventionen jährlich 1,6 Millionen vorzeitige Todesfälle verhindern, die staatlichen Einnahmen um 4.400 Milliarden Dollar pro Jahr steigern und eine Senkung der Emissionen ermöglichen, sodass die Ziele zur Begrenzung der globalen Erwärmung erreicht werden könnten. Es gibt noch Hoffnung. In einigen Teilen der Welt, insbesondere in der EU, sind große Fortschritte bei der Reduzierung des Verbrauchs fossiler Brennstoffe erzielt worden. Und weltweit betrafen laut Fatih Birol, dem Exekutivdirektor der IEA, im Jahr 2023 nur zehn Prozent der neu in Betrieb genommenen Erzeugungskapazitäten fossile Energien, gegenüber 85 Prozent für erneuerbare Energien und fünf Prozent für die Kernenergie.