Luxemburg hat letzte Woche nach zwei Jahren Pause aufgrund der Covid-19-Pandemie wieder mit den öffentlichen Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag begonnen. Manche haben sich daher gehen lassen und ein oder zwei Gläser getrunken. Doch abgesehen vom gelegentlichen Konsum stellt Alkohol ein Problem für die öffentliche Gesundheit dar, das wirtschaftliche Auswirkungen hat. Eine im Mai 2021 während der dritten Covid-19-Welle veröffentlichte Studie der OECD blieb weitgehend unbeachtet. Dabei befasst sie sich mit einem wohlbekannten Übel, das sich in den letzten Jahren zwar nicht verschlimmert hat, aber auch nicht zurückgegangen ist. Dieses 340 Seiten umfassende Dokument mit dem Titel „Preventing Harmful Alcohol Use“ fasst Daten aus 52 Ländern zusammen, was weit über die Anzahl der Mitglieder der in Paris ansässigen Organisation hinausgeht.
Der Alkoholkonsum von Personen ab 15 Jahren, berechnet auf der Grundlage von Verkaufszahlen und anderen Gesundheitsdaten, wurde 2018 auf zehn Liter reinen Alkohols pro Person geschätzt, was im Durchschnitt pro Woche und Einwohner in den OECD-Ländern dem Äquivalent von zwei Flaschen Wein oder fast vier Litern Bier entspricht. Fast jeder dritte Erwachsene betreibt mindestens einmal im Monat „Binge-Drinking“, was dem Konsum von mehr als 80 Prozent einer Flasche Wein oder anderthalb Litern Bier bei einer einzigen Gelegenheit entspricht. Insgesamt hat sich das Niveau des Alkoholkonsums im Laufe des letzten Jahrzehnts kaum verändert. Hinter dieser Stabilität verbergen sich jedoch erhebliche Unterschiede sowohl zwischen den Ländern als auch innerhalb eines Landes zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen.
Laut einer Analyse, die sich auf sechs Länder bezog, machen die „ Starktrinker “ (Männer, die täglich mehr als vierzig Gramm reinen Alkohol zu sich nehmen, oder Frauen, die mehr als zwanzig Gramm* konsumieren) machen je nach Land vier bis vierzehn Prozent der Bevölkerung aus, verbrauchen jedoch zwischen einem Drittel und der Hälfte des gesamten Alkoholkonsums. Der Alkoholkonsum ist unter Jugendlichen weit verbreitet: Mehr als sechzig Prozent der Fünfzehnjährigen trinken Alkohol, und jeder Fünfte war bereits mindestens zweimal betrunken. Dennoch stellt die Untersuchung fest, dass „die jüngeren Generationen weniger häufig als noch vor zehn Jahren betrunken waren“. Aus sozioökonomischer Sicht zeigt sich, dass „Personen an den beiden Extremen der Einkommensverteilung eher dazu neigen, sich mit Alkohol zu betrinken“, wobei eine starke, recht überraschende Neigung bei Frauen mit hohem Bildungsabschluss festzustellen ist.
Schädliche Trinkgewohnheiten verursachen erhebliche gesundheitliche, soziale und wirtschaftliche Kosten. Simulationen der OECD zufolge würde ein Alkoholkonsum von mehr als einem Glas Wein pro Tag bei Frauen und mehr als eineinhalb Gläsern bei Männern (das ist die „Grenze für geringes Risiko“) die durchschnittliche Lebenserwartung bis 2050 um etwa ein Jahr verkürzen, in Mittel- und Osteuropa sogar noch stärker. Zudem würde dieses Konsumniveau in den Ländern der OECD, der EU und der G20 zu 1,1 Millionen vorzeitigen Todesfällen führen. Die zusätzlichen Kosten für das Gesundheitssystem werden beträchtlich sein: Im Durchschnitt werden bis 2050 etwa 2,4 Prozent der jährlichen Gesundheitsausgaben für die Behandlung von Krankheiten aufgewendet, die durch einen über dieser Schwelle liegenden Alkoholkonsum verursacht werden. Insgesamt werden in den 52 in die Analyse einbezogenen Ländern jährlich 138 Milliarden Dollar für die Behandlung alkoholbedingter Erkrankungen ausgegeben. Dies entspricht beispielsweise den aktuellen Gesundheitsausgaben Australiens oder mehr als dem Doppelten der Ausgaben Belgiens.
Der OECD-Bericht liefert detaillierte Daten für 37 Länder, darunter Luxemburg, dessen Ergebnisse ebenso überraschend wie besorgniserregend sind. Tatsächlich weist das Großherzogtum einen der höchsten Alkoholkonsumwerte innerhalb der OECD auf: 12,9 Liter reinen Alkohols pro Einwohner und Jahr, was in etwa 2,6 Flaschen Wein oder fünf Litern Bier pro Woche und pro Person ab 15 Jahren entspricht. Männer trinken dort dreimal so viel wie Frauen (19,5 Liter reinen Alkohols pro Person und Jahr gegenüber 6,4 Litern). Fast die Hälfte der Erwachsenen – das sind zwanzig Prozentpunkte mehr als im weltweiten Durchschnitt – greift mindestens einmal im Monat zu übermäßigem Alkoholkonsum. Und wie in anderen Industrieländern neigen Frauen mit Hochschulabschluss dazu, überdurchschnittlich viel zu trinken. Einziger Lichtblick: Unter den luxemburgischen Jugendlichen ist der Anteil derer, die in ihrem Leben schon einmal betrunken waren, halb so hoch (zehn Prozent gegenüber zwanzig Prozent).
Auf der Grundlage der aktuellen Konsumgewohnheiten in Luxemburg schätzen die Simulationen der OECD, dass die gesundheitlichen Folgen eines Alkoholkonsums von mehr als einem Glas pro Tag bei Frauen und mehr als eineinhalb Gläsern bei Männern 3,9 Prozent der Gesundheitsausgaben ausmachen – das sind eineinhalb Prozentpunkte mehr als im Durchschnitt der untersuchten Länder. Demgegenüber würde eine bescheidene Investition von 2,5 Euro pro Person und Jahr in verstärkte Maßnahmen zur Bekämpfung des schädlichen Alkoholkonsums es ermöglichen, bis 2050 37 000 nicht übertragbare Krankheiten und Verletzungen bis 2050 zu vermeiden und jährlich vierzehn Millionen Euro an Gesundheitskosten einzusparen.
Die breite Öffentlichkeit kennt vor allem die Auswirkungen von Alkohol auf Verkehrsunfälle, da diese in den Medien stark thematisiert werden und Anlass für zahlreiche Präventionskampagnen sind. Im Jahr 2019 standen in Luxemburg 85 Prozent der Führerscheinentzüge im Zusammenhang mit Trunkenheit am Steuer. Und bei jedem fünften Verkehrsunfall konnte Alkohol als Ursache identifiziert werden. In Frankreich, wo dieser Anteil bei fast einem von drei liegt, wurde festgestellt, dass das Risiko, für einen tödlichen Verkehrsunfall verantwortlich zu sein, beim Fahren unter Alkoholeinfluss um das 17,8-Fache steigt. Über die Auswirkungen von Alkohol auf Arbeitsunfälle wird jedoch relativ wenig gesprochen. Laut einer in Frankreich durchgeführten Studie ist Alkohol für zehn bis zwanzig Prozent dieser Unfälle verantwortlich, und das Risiko, einen schweren Arbeitsunfall zu erleiden, verdoppelt sich bei Männern, die täglich mindestens vier Gläser Alkohol konsumieren, sowie bei Frauen, die täglich mindestens zwei Gläser konsumieren.
Alkoholkonsum wirkt sich nachteilig auf die Produktivität der Arbeitnehmer und damit auf das Wirtschaftswachstum aus. Die OECD liefert keine sehr genauen Daten darüber, inwieweit das BIP der Mitgliedsländer durch dieses Übel geschmälert wird. Um sich jedoch ein Bild davon zu machen, kann man auf eine Studie aus dem Jahr 2017 in der Schweiz zurückgreifen, einem Land, in dem der Alkoholkonsum der Bevölkerung eher moderat ist. Darin wurden die durch übermäßigen Alkoholkonsum verursachten „Produktivitätsverluste“ auf 0,3 Prozent des BIP (das entspricht etwa zwei Milliarden Dollar pro Jahr) geschätzt! Schwerer Alkoholismus am Arbeitsplatz kann je nach Art des Unternehmens bis zu fünfzehn Prozent der Belegschaft betreffen. Es ist seit langem bekannt, dass Menschen in körperlich anstrengenden Berufen (Stahl- oder Bauarbeiter, Landwirte, Lagerarbeiter) einem hohen Risiko ausgesetzt sind, ebenso wie diejenigen, die repetitive oder monotone Tätigkeiten ausüben oder isoliert bzw. in der Nachtschicht arbeiten. Doch in jüngster Zeit hat sich gezeigt, dass auch diejenigen, die im Kontakt mit der Öffentlichkeit stehen, davon nicht verschont bleiben: Handwerker, Verkäufer, Postboten, Polizisten, Journalisten, Künstler usw. Auch berufliche Beziehungen erhöhen das Risiko eines Alkoholmissbrauchs erheblich. Konflikte mit Vorgesetzten oder Kollegen, mangelnde Anerkennung, Arbeitsüberlastung, unrealistische Fristen und Ziele sind allesamt Stressfaktoren, die den Alkoholkonsum begünstigen, da Alkohol nachweislich angstlösende Eigenschaften besitzt.
Das Interesse der OECD an der Eindämmung des Alkoholmissbrauchs darf nicht dazu führen, dass andere Formen der Sucht außer Acht gelassen werden. Die Schweizer Studie bezifferte die gesamtwirtschaftlichen Kosten der Suchterkrankungen auf 1,13 Prozent des BIP. Am teuersten ist nach wie vor die Tabaksucht (49,3 Prozent der Gesamtkosten gegenüber 36,1 Prozent für den Alkoholismus), doch hat sie im Gegensatz zum stark zunehmenden Drogenkonsum nur geringe Auswirkungen auf die Produktivität. Seit mehreren Jahren ist bekannt, dass Cannabis, die mit Abstand am weitesten verbreitete Droge, an einer steigenden Zahl von Verkehrsunfällen beteiligt ist. Das Fahren unter Cannabiseinfluss verdoppelt das Risiko, einen tödlichen Unfall zu verursachen. In Frankreich wurde berechnet, dass vier Prozent dieser Unfälle vermieden werden könnten, wenn kein Fahrer positiv auf Cannabis getestet würde.
Weniger bekannt ist der Einfluss von Cannabis auf Arbeitsunfälle. Laut einer zwischen 2013 und 2016 in Kanada durchgeführten und 2020 veröffentlichten Studie konnte kein signifikanter Zusammenhang zwischen dem Risiko eines Arbeitsunfalls und dem Cannabiskonsum festgestellt werden. Auch über die Auswirkungen auf die Produktivität ist wenig bekannt. Es ist jedoch bekannt, dass – ähnlich wie bei Alkohol – Probleme im Berufsleben ein Faktor sind, der den Cannabiskonsum erhöht, was wiederum die Produktivität und die Arbeitsqualität beeinträchtigt, insbesondere in den Bereichen Kunst, Unterhaltung, Medien und Kommunikation, die bekanntermaßen stärker davon betroffen sind. Die Schweizer Studie aus dem Jahr 2017 schätzte die Auswirkungen des Drogenkonsums auf 5,4 Prozent der gesamten durch Suchterkrankungen bedingten Produktivitätsverluste. Es ist anzumerken, dass eine Beschäftigung dennoch einen schützenden Faktor darstellt, da Arbeitssuchende einen höheren Konsum aufweisen als Erwerbstätige.
Covid-19 und Alkohol
Die vierzehn Monate nach Beginn der Gesundheitskrise veröffentlichte OECD-Studie untersuchte die Auswirkungen der Lockdowns auf das Trinkverhalten. Die Ergebnisse sind recht unterschiedlich. Nach den in elf Ländern erhobenen Zahlen gaben 43 Prozent der Befragten an, häufiger (und vermutlich auch in größeren Mengen) getrunken zu haben, 25 Prozent seltener (was auf einen Rückgang ihres Konsums hindeutet) und 32 Prozent nannten keine Veränderung. In Deutschland, den USA und Großbritannien stieg der Gesamtabsatz von Alkohol im Jahr 2020 um drei bis fünf Prozent. Fast überall ging der Konsum „außer Haus“ (in Bars und Restaurants) deutlich zurück, zugunsten von Einkäufen in Geschäften und vor allem im Internet.
Während der Lockdown-Phasen verzeichneten Frauen, Eltern kleiner Kinder, Personen mit hohem Einkommen sowie Menschen mit Symptomen von Depressionen und Angstzuständen den stärksten Anstieg des Alkoholkonsums, beispielsweise in Australien, Belgien, den Vereinigten Staaten, Frankreich und dem Vereinigten Königreich. Die Notrufe wegen häuslicher Gewalt sind in den EU-Ländern um sechzig Prozent gestiegen. „Die langfristigen Auswirkungen der Pandemie auf den Alkoholkonsum sind ungewiss, doch die Krise hat einige der Probleme deutlich gemacht, die sich aus seinem schädlichen Konsum ergeben können“, so das Fazit der Studie.
*40 Gramm pro Tag entsprechen zwei Gläsern Wein à 10 cl mit 12° sowie zwei Gläsern Bier à 25 cl mit 5°