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Nationale Wirtschaft 4 Min. Lesezeit

Die Spielregeln

„Nach fünfzig Jahren hat sich das Ganze schon etwas eingespielt“, sagt Michel Wurth über das jüngste Dreiergespräch in der Stahlbranche. Der namhafte Arbeitgebervertreter gibt dabei ganz nebenbei eine kleine Anleitung…

Erschienen in Ausgabe April 2026
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„Nach fünfzig Jahren hat sich das Ganze schon etwas eingespielt“, sagt Michel Wurth über das jüngste Dreiergespräch in der Stahlbranche. Der namhafte Arbeitgebervertreter gibt dabei ganz nebenbei eine kleine Anleitung zum sozialen Dialog. Zunächst müsse man den Personalvertretern, die ebenfalls im Verwaltungsrat von ArcelorMittal Luxembourg („déi al Arbed“) sitzen, dessen Vorsitz Wurth innehat, „großen Respekt“ entgegenbringen. Zweitens dürfe man nicht vergessen, dass man „eine Rolle zu spielen hat“: „Es gibt also nicht die Guten auf der einen Seite und die Bösen auf der anderen.“ Kurz gesagt, man müsse „die Spielregeln“ kennen und respektieren. Schließlich dürfe man „die [wirtschaftlichen] Realitäten nicht leugnen“. Die Verhandlungen im Rahmen des Dreiparteien-Gipfels der Stahlbranche begannen im vergangenen Oktober und wurden am 20. März abgeschlossen. Nach Lux2006, Lux2011, Lux2016 und Lux2025 folgt nun also Lux2029.

ArcelorMittal verpflichtet sich, zwischen 290,5 und 334,5 Millionen Euro in seine Standorte in Luxemburg zu investieren. Im Mittelpunkt steht dabei die „ Train 2 “ in Belval, die einst das weltweit erste Walzwerk für Spundbohlen war. Die Modernisierung befinde sich „derzeit in der Voruntersuchungsphase“, heißt es in der offiziellen Pressemitteilung, die von der Regierung, ArcelorMittal und den Gewerkschaften gemeinsam unterzeichnet wurde. Der Verhandlungsführer seitens des LCGB, Robert Fornieri, sieht darin „das Vorzeigeprojekt, das über die Zukunft der luxemburgischen Stahlindustrie entscheiden könnte“. Denn auch der künftige „Zug 2“ soll vom Stahlwerk in Differdange beliefert werden.

Die Gewerkschaften sind dennoch nicht begeistert. Denn Lux2029 ist auch (oder sogar vor allem) ein Umstrukturierungsplan. Etwa 300 Mitarbeiter (von insgesamt 3.520) werden zu dem gehören, was in der dreiseitigen Pressemitteilung als „Personalüberhang“ bezeichnet wird. Dabei handelt es sich vor allem um Mitarbeiter der Zentrale am Boulevard d’Avranches. In Paperjam spricht Valérie Massin, die „Country Head“ des Konzerns, zurückhaltend von einer „Optimierung der Verwaltungsaufgaben“: „Wir prüfen, welche Möglichkeiten es in den Bereichen Automatisierung, Digitalisierung und Robotisierung gibt.“ Nicht zu vergessen eine „Konsolidierung“ (in Polen und Indien). Das teilweise vom luxemburgischen Staat finanzierte Sozialprogramm wird erneut zum Einsatz kommen. Einige Mitarbeiter werden in den Vorruhestand gehen, andere werden intern versetzt oder in Kurzarbeit geschickt.

„Luxemburg bleibt der Hauptsitz von Arcelor
Mittal, da der Bau des neuen Gebäudes [Avenue Kennedy] zügig voranschreitet“, heißt es in der offiziellen Mitteilung beruhigend, wobei jedoch unerwähnt bleibt, dass der Staat die Hälfte (273,5 Millionen Euro) des Gebäudes K22, das sich für die Bedürfnisse des multinationalen Konzerns als zu groß erweist, nutzen und finanzieren wird. (Die Pläne waren 2017 vorgestellt worden, die Bauarbeiten sollten nach dem ursprünglichen Zeitplan 2021 abgeschlossen sein.) In den letzten fünfzehn Jahren hat sich die Zahl der Beschäftigten bei ArcelorMittal halbiert. Im Jahr 2010 belegte der Stahlkonzern den ersten Platz in der vom Statec erstellten Rangliste der wichtigsten Arbeitgeber. Mittlerweile steht er dort auf Platz acht. Die Stahlindustrie ist stark geschrumpft. Das Werk in Schifflange wurde geschlossen (2012), ebenso wie Léierbud in Differdange (2014) und die Drahtzieherei in Bettembourg (2016). Das Werk in Dudelange wurde 2019 an Liberty Steel verkauft, bevor es Ende 2024 den Betrieb einstellte. Der Konzern konzentriert sich nun auf die Werke in Belval (1.000 Mitarbeiter) und Differdange (800 Mitarbeiter) mit ihren Produkten mit hoher Wertschöpfung, nämlich Spundbohlen und „den größten Trägern der Welt“.

Der Standort Rodange hält sich so gut es geht: 200 Mitarbeiter stellen dort weiterhin Schienen her, wobei der Stahl aus Belval stammt. Die Drahtzieherei in Bissen (die ehemalige „Neelfabrik“) bleibt das ewige Problemkind des Konzerns. Ihre Produktion von Spalierdraht (für den Weinbau) und Metallfasern (für das Bauwesen) ist dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt. Michel Wurth spricht von „einer ernsthaften Herausforderung“, um dort „eine positive Dynamik“ zu entfachen. Was die Maschinenbauwerkstatt in Dommeldange (28 Mitarbeiter) betrifft, so soll sie laut Robert Fornieri in den nächsten vier Jahren nach Differdange umziehen. Dadurch dürfte eine weitere Brachfläche frei werden: fünfzehn Hektar mitten in der Hauptstadt.