Heutzutage ist es nicht leicht, in Europa Landwirt zu sein. Der Berufsstand ist aufgrund des Klimawandels immer häufiger mit verheerenden Naturkatastrophen konfrontiert und wird zudem – manchmal auf heftige Weise – wegen seiner Produktionsmethoden kritisiert, denen vorgeworfen wird, die Umwelt zu schädigen. Hinzu kommt, wie in anderen Branchen auch, eine immer strengere Regulierung. Zu allem Überfluss hat der Krieg in der Ukraine seit 2022 die Agrar- und Lebensmittelmärkte durcheinandergebracht, und der Bio-Landbau steckt in der Krise. Die kombinierten Auswirkungen führen dazu, dass die landwirtschaftliche Produktion in ganz Europa einen besorgniserregenden Rückgang verzeichnet.
Seit mehreren Jahren erlebt Europa eine beispiellose Abfolge von Naturkatastrophen. Für die Landwirtschaft ist die Dürre das größte Problem. Sie betrifft nicht nur die Länder im Süden. Im Jahr 2022 waren 46 Prozent des EU-Gebiets davon betroffen. Im Jahr 2023 trat sie bereits frühzeitig im Laufe des Winters auf. Ende April befanden sich bereits 21,6 Prozent des europäischen Territoriums im „Alarmzustand“ und 3,2 Prozent im „Notstand“. Spanien und Portugal waren am stärksten von der Niederschlagsdefizitsituation betroffen, aber auch in den baltischen und skandinavischen Ländern war der Boden trockener als gewöhnlich. Die Fütterung der Tiere auf den Weiden war davon unmittelbar betroffen. Die Winterernte konnte nicht abgeschlossen werden, und bestimmte Frühjahrs- und Sommerkulturen waren teilweise unwiederbringlich beeinträchtigt. Die Regenfälle setzten erst im März ein und kamen damit zu spät, um die Situation noch zu verbessern.
Die am stärksten betroffenen Länder haben die Mobilisierung von EU-Finanzmitteln beantragt und dabei insbesondere den Einsatz der „Agrarreserve“ ins Auge gefasst, eines Fonds in Höhe von 450 Millionen Euro, der dazu bestimmt ist, Landwirte in Ausnahmesituationen zu unterstützen. Dieser Betrag reicht jedoch nicht aus. Dagegen hat die Europäische Kommission die in einigen Ländern beschlossenen Hilfen, die von ganz anderem Ausmaß sind (2,2 Milliarden Euro in Spanien im Mai 2023), gebilligt. Die übermäßigen Niederschläge, die zu Hagelstürmen und verheerenden Überschwemmungen führen, wirken sich auch auf die Landwirtschaft aus. Auch hier sind die Schäden innerhalb kurzer Zeit beträchtlich. Ende Mai 2023 ließen die starken Regenfälle, die über Norditalien und Mitteleuropa, insbesondere über bestimmte Regionen Österreichs, Bosnien, Kroatien und Slowenien, ließen zahlreiche Flüsse über die Ufer treten, was in Italien den Tod von mindestens dreizehn Menschen zur Folge hatte und Tausende von Einwohnern zur Flucht aus ihren Häusern zwang. Im Juni und Juli waren dann mehrere Regionen in Frankreich (darunter Paris) und Nordspanien betroffen. Die Häufigkeit von heftigen Gewittern, Tornados und Überschwemmungen wird zunehmen, denn erst vor knapp zwei Jahren, im Juli 2021, standen Deutschland, Belgien und Luxemburg unter Wasser standen und mehr als 200 Todesopfer sowie Schäden in Milliardenhöhe zu beklagen waren.
Diese Naturkatastrophen, zu denen auch Frost hinzukommt, gehören zu den „ Berufsrisiken “ Doch aufgrund ihrer Häufigkeit und ihres Ausmaßes lassen sie sich immer schwerer versichern, was immer mehr Landwirte dazu veranlasst, „das Handtuch zu werfen“, und damit einen starken Abwärtstrend bei der Zahl der Betriebe verstärkt. Laut Eurostat gab es im Jahr 2020 nur noch 9,1 Millionen Betriebe, was einem Rückgang von 37 Prozent gegenüber 2005 entspricht.
Auch die Regulierung ist zu einem wichtigen Grund zur Sorge geworden, sodass mittlerweile sogar von „Agribashing“ die Rede ist. Dies geht auf verschiedene Studien zurück, die die schädlichen Auswirkungen landwirtschaftlicher Aktivitäten auf die Umwelt belegen. So stammen laut dem Zwischenstaatlichen Ausschuss für Klimawandel (IPCC) etwa ein Drittel der weltweiten Treibhausgasemissionen aus dem Nahrungsmittelsystem. Die Gefahr geht insbesondere von Methan aus, einem geruchlosen Gas, das zwar weniger langlebig, aber auch treibhauswirksamer ist als Kohlendioxid. Einer amerikanischen Studie aus dem Jahr 2017 zufolge stehen diese Emissionen in direktem Zusammenhang mit der Gärung, die während des Verdauungsprozesses von Nutztieren stattfindet (im Klartext: die „Kuhfurze“), aber auch mit den Methoden der Lagerung und Aufbereitung von Gülle. Sie seien höher als erwartet. Verantwortlich dafür sind die Schwellenländer in Afrika, Lateinamerika und Asien, deren Ernährung zunehmend Fleisch und Milchprodukte enthält und in denen die Zahl der gezüchteten und verzehrten Tiere am stärksten zunimmt. Demgegenüber sollen die Methanemissionen in den USA und Kanada weniger stark angestiegen sein und in Westeuropa sogar zurückgegangen sein – allesamt Regionen mit einer sehr intensiven Rinderproduktion. Im Mai 2020 stellte die Europäische Kommission ihre Strategie „Vom Hof auf den Tisch“ vor, eine der Schlüsselinitiativen des Grünen Deals für Europa. Die Strategie soll zu den Bemühungen um Klimaneutralität bis 2050 beitragen und zielt darauf ab, das derzeitige Lebensmittelsystem der EU zu einem nachhaltigen Modell weiterzuentwickeln. Zu den Zielen gehören insbesondere eine Senkung des Pestizideinsatzes um fünfzig Prozent bis 2030, eine Reduzierung des Düngemitteleinsatzes um zwanzig Prozent und eine Ausweitung der Bio-Anbaufläche auf 25 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche (gegenüber neun Prozent im Jahr 2020).
Im August 2021 veröffentlichte die Gemeinsame Forschungsstelle (GFS), ein wissenschaftliches und technisches Labor der EU, einen Bericht über die Auswirkungen dieser Maßnahmen. Die Studie sorgte für einiges Aufsehen. Sie kam nämlich zu dem Schluss, dass diese Maßnahmen zwar eine Reduzierung der landwirtschaftlichen Treibhausgasemissionen um mehr als 28 Prozent ermöglichen würden, dies jedoch bis zum Jahr 2030 unweigerlich zu einem Rückgang des Produktionsvolumens in allen landwirtschaftlichen Produktionszweigen führen würde. Am stärksten betroffen wäre die Fleischproduktion mit einem Rückgang von bis zu fünfzehn Prozent bei Geflügel, Schweinefleisch und Rindfleisch. Der Milchsektor würde mehr als zehn Prozent seiner Produktion einbüßen, der Getreideanbau etwa dreizehn Prozent, der Anbau von Öl- und Eiweißpflanzen (Raps, Soja, Sonnenblumen) zwölf Prozent und der Obst- und Gemüseanbau etwa sieben Prozent. Anfang 2022 ging eine von der niederländischen Universität Wageningen zum gleichen Thema veröffentlichte Studie von einem Rückgang der pflanzlichen Produktion um neun Prozent aus.
Dieser Produktionsrückgang, der mit einer Verringerung der Anbauflächen und der Erträge einhergeht, würde trotz steigender Preise zu Einkommensverlusten pro Betrieb führen, mit der bemerkenswerten Ausnahme der Schweinehaltung sowie des Obst- und Gemüseanbaus. Getreidebauern würden pro Betrieb mehr als 5.000 Euro an Einkommen (einschließlich Subventionen) einbüßen, ebenso wie Milchviehhalter. Die Auswirkungen scheinen hingegen bei Öl- und Eiweißpflanzen, Geflügel, Rindfleisch und Schafen geringer zu sein. „Der Agrar- und Ernährungssektor wird einen schwierigen Wandel durchlaufen müssen“, so das Fazit der CCR-Studie. Gleichzeitig hat Eurostat berechnet, dass es im Jahr 2040 in Europa nur noch vier Millionen landwirtschaftliche Betriebe geben würde, was einem Rückgang um mehr als die Hälfte (56 Prozent) gegenüber 2020 entspricht.
Bei gleichbleibendem oder leicht steigendem Verbrauch dürften die Produktionsrückgänge durch einen Anstieg der Importe ausgeglichen werden, insbesondere von Öl- und Eiweißpflanzen, Obst und Gemüse sowie Rind- und Schaffleisch. Kritiker der europäischen Strategie weisen darauf hin, dass diese Importe nicht nach so strengen Standards wie in der EU produziert worden seien und dass die Gefahr einer Abhängigkeit von internationalen Märkten bestehe, die aufgrund zahlreicher Störfaktoren sehr volatil seien. Einige Monate nach der Veröffentlichung des GFS-Berichts griff Russland die Ukraine an – zwei Länder, die in der weltweiten Agrarproduktion eine wichtige Rolle spielen. Die Auswirkungen der Aggression machten sich nicht nur in den Düngemittelpreisen bemerkbar, die in die Höhe schossen, sondern auch im Zustrom ukrainischer Agrarprodukte in die EU, insbesondere von Weizen, Hülsenfrüchten und Eiern, was die an die Ukraine angrenzenden Länder so stark beeinträchtigte, dass vier von ihnen (Polen, Ungarn, die Slowakei und Bulgarien) die Einfuhr ukrainischer Agrarprodukte einseitig gestoppt und von der Kommission außerordentliche Schutzmaßnahmen für Weizen, Mais, Raps und Sonnenblumenkerne erwirkt haben.
In den kommenden Monaten wird es zu einer weiteren Störung kommen. Anfang Juli bestätigte die Weltorganisation für Meteorologie das Auftreten einer neuen El-Niño-Phase – jener Erwärmung der Oberflächengewässer des Pazifiks, die alle fünf bis sieben Jahre das Klima weltweit durcheinanderbringt. Das Dürrerisiko wird in Australien und Südostasien deutlich steigen, während den südlichen Vereinigten Staaten und Lateinamerika Überschwemmungen drohen. Es wird mit einem Rückgang der Erträge bei Soja, Zucker und Reis – einem Grundnahrungsmittel für die Hälfte der Menschheit – gerechnet, was zu einem Preisanstieg führen wird, der bereits spürbar ist. Laut einer aktuellen Studie der EZB steigen die weltweiten Lebensmittelpreise im Jahr nach einem El-Niño-Ereignis um sechs Prozent, was die Inflationserwartungen weiter anheizen könnte.
Neue GAP
Die 1962 eingeführte Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) hat zahlreiche Wechselfälle durchlaufen. Auch wenn sich ihre Ziele und ihre Funktionsweise im Laufe der Jahre weiterentwickelt haben, bleibt sie mit einem Anteil von 32 Prozent am Haushalt der wichtigste Ausgabenposten der Europäischen Union. Die neue GAP, die am 1. Januar 2023 in Kraft trat – mit zwei Jahren Verspätung aufgrund zäher Verhandlungen zwischen dem Europäischen Parlament und dem Rat –, führt die „Öko-Regelungen“ ein, ein System von Direktbeihilfen zur Förderung umweltfreundlicherer Praktiken, und ermöglicht nationale Strategiepläne – von jedem Land für einen Zeitraum von fünf Jahren erstellte Fahrpläne. Diese Änderungen zielen darauf ab, den Mitgliedstaaten mehr Handlungsspielraum zu geben.
Für den Zeitraum 2023–2027 stehen rund 264 Milliarden Euro zur Unterstützung der europäischen Landwirte bereit, wobei drei Viertel dieser Mittel aus dem Europäischen Garantiefonds für die Landwirtschaft (EGFL) stammen. Der Europäische Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) und der Europäische Konjunkturplan von 2020 ergänzen die öffentlichen Mittel der EU. Zählt man die ergänzenden nationalen Mittel hinzu, beläuft sich das gesamte öffentliche Budget für Landwirte und ländliche Gemeinden im Zeitraum 2023–2027 auf 307 Milliarden Euro.
Gewalttätige Handlungen
Überall in Europa führen radikale Umweltschützer „Aktionen des zivilen Ungehorsams“ gegen landwirtschaftliche Projekte durch, die als umweltschädlich gelten. Ihr Vordenker ist der schwedische Schriftsteller Andreas Malm, der die Notwendigkeit gewalttätiger Aktionen wie Zerstörungen und Sabotageakte zur Verteidigung der Umweltbelange theoretisch begründet hat. In Frankreich, dem größten Agrarland Europas, versammelten sie sich am 25. März in Sainte-Soline im mittleren Westen auf der Baustelle eines „Mega-Stausees“ (riesiger Wasserspeicher), um dessen Bau zu stoppen. Die (verbotene) Versammlung von etwa 20.000 Menschen war Schauplatz gewalttätiger Zusammenstöße mit den Ordnungskräften: 200 Demonstranten sollen verletzt worden sein, davon vierzig schwer. Auf der anderen Seite wurden fast fünfzig Gendarmen verletzt. Eine weitere Demonstration ist für August geplant.
Am 11. Juni haben Umweltaktivisten in Pont-Saint-Martin bei Nantes Maiglöckchenpflanzen ausgerissen und durch Buchweizensamen ersetzt – eine Aktion, mit der sie den intensiven Verbrauch von Wasser und Sand anprangern wollten. Bewässerungsanlagen und benachbarte Anpflanzungen wurden zerstört, was die Regierung dazu veranlasste, am 21. Juni die hinter der Aktion stehende Umweltbewegung „Soulèvements de la Terre“ aufzulösen. Doch die Bewegung bleibt aktiv und erweitert ihr Zielspektrum. Eine Woche zuvor wurden in der Bretagne Supermärkte, die Herbizide verkaufen, von einer Gruppe von etwa zwanzig Personen ins Visier genommen, während seit einem Jahr Golfplätze in Frankreich, der Schweiz und Deutschland verwüstet wurden.