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Institutionen und Demokratie 6 Min. Lesezeit

Zusammen allein sein

Prozessionen und Marathons

Erschienen in Ausgabe Mai 2024
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„Das 21. Jahrhundert wird spirituell sein oder es wird gar nicht sein“, sagte Malraux sinngemäß. „Sogar spirituell“, würde ich hinzufügen, wenn ich das rituelle Spektakel betrachte, das sich diese Woche in den Straßen der Stadt abspielt. In weniger als sieben Tagen kommen die Gläubigen sogar in den Genuss von zwei Veranstaltungen zum Preis von einer. Am Sonntag, dem 5. Mai, versammelten sich die Marathonläufer des Glaubens zur Abschlussprozession der Oktave, morgen werden die Pilger des Marathons ihnen die Antwort geben. Und als Sahnehäubchen auf der Hostie hat die portugiesische Gemeinde erst gestern diese heilige Dreifaltigkeit vervollständigt, indem sie ihre jährliche Wallfahrt nach Wiltz zu Ehren von Fatima organisierte.

Wenn Gott tot ist, muss man feststellen, dass er, wenn schon keine schönen, so doch zumindest mächtige Überreste hinterlassen hat, ganz wie jene rabelaisischen Prälaten, die am Sonntag von Altar zu Gasse das Bildnis der Trösterin der Betrübten zur Schau stellten. Und heißt es nicht, dass der Ewige seine Nachfolge bereits geregelt hat – mit einem brandneuen Testament, das den Sport, mehr noch als das Geld, zu seinem Nachfolger macht? Nach dem Judentum, dem Christentum und dem Islam ist der Sport mit seiner neuen Dreifaltigkeit quasi zum vierten Monotheismus geworden: Gott der Vater und seine 100 Meter, der Heilige Geist und seine 100 Meter Hürden, der Sohn und sein Marathon. Und dann natürlich die ganze Schar von Heiligen, die die anderen Sportarten segnen.

Ehrlich gesagt gibt es ebenso viele Parallelen wie Unterschiede zwischen dem Pilgermarsch und dem Marathonlauf. Angesichts des Prunks unserer postmodernen Zeit suchen die einen wie die anderen eine Art Askese, eine sowohl körperliche als auch geistige Disziplin. Zu diesem Zweck haben die Ersteren gerade die Fastenzeit hinter sich, während die Letzteren weiterhin der Diät huldigen. Die Pilger bleiben, während sie beten, stets mit mindestens einem Fuß auf dem Boden, während die Läufer regelmäßig mit beiden Füßen in der Luft schweben. So bewegen sie sich zwischen Himmel und Erde, ein wenig wie der Philosoph bei Descartes, der zwischen zwei Welten schwebt.

Denn in dem Läufer, der Heraklit aus dem Stegreif zitieren kann, steckt ein Stück Philosoph: Auch wenn er jeden Winkel des Bambësch auswendig kennt, ist ihm doch bewusst, dass er nie durch denselben Wald läuft. Und die 42,125 Kilometer sind in Luxemburg, Athen, New York oder Paris nicht dieselben. Pascal, der christlichste aller Philosophen, inspiriert Pilger ebenso wie Marathonläufer, deren „ganzes Unglück auf eine einzige Sache zurückzuführen ist, nämlich darauf, dass sie nicht in Ruhe in einem Zimmer verweilen können.“ Diese Angst, allein vor der Endlichkeit des Ichs angesichts der Unendlichkeit des Universums zu stehen, ist für Pascal nur erträglich, wenn man Zuflucht in der Zerstreuung sucht. Ablenkung für den Marathonläufer mitten im Volksfest, Ablenkung für den Pilger, der sich beklagt, sein Mäertchen nicht am gewohnten Ort zu finden. Die von Guy Debord so geschätzte Gesellschaft des Spektakels wütet auf beiden Seiten, genau wie die „circenses“ mit ihren „ravis“ und ihren „hosties“. Unterhaltung bedeutet jedoch nicht zwangsläufig Vergnügen. Unterhält das frei (?) gewählte Leiden ebenfalls von der unerträglichen Last des Seins? Schmerz kann Quelle der Wonne sein, das wissen Mystiker, Pilger und Marathonläufer (die manchmal ein und dieselben sein können) nur zu gut. Doch bevor er unerträglich wird, schüttet das Gehirn des Marathonläufers Endorphine aus, eine Quelle des Vergnügens, ähnlich wie das Opium, aus dem die Religion des Volkes besteht, so Karl Marx. Am Ende seiner Kräfte ringt der Läufer nach Atem, und der Pilger findet seinen Heiligen Geist. Die einen wie die anderen sind, bevor sie am Ende sind, bereits am Ziel angekommen – für die einen die Kathedrale, für die anderen das „Coque“. Manche bezeichnen das Stadion übrigens als das neue Mekka, dieses Stadion, in dem man heute wie in einer Kathedrale die Gemeinschaft erlebt, während sich die Basilika ebenso wie die Tribüne des Fola zunehmend leert.

Freud verglich die Religion mit einer Zwangsneurose, bei der Rituale die existenzielle Angst lindern sollen (Die Zukunft einer Illusion, 1927). Zu diesem Zweck bedient sich das Ritual der Wiederholung, und nichts ist tatsächlich repetitiver als die Messe, sei es die große Sonntagsmesse oder die große Sportmesse. Prozessionen und Marathons wiederholen sich jedes Jahr, im Falle des Marathons sogar täglich, auf allen fünf Kontinenten. Auch die Sprache wiederholt sich: Der Turm zu Babel ist schon lange eingestürzt, und die Worte sind heute oft dieselben, sowohl bei den Frommen der Prozession als auch bei den Laien des Laufs. Vom Pfarrer wird erwartet, dass er der „Coach des Glaubens“ ist, und vom Trainer, dass er der „Hirte“ seiner Mannschaft ist. Und sogar die Journalisten schreiben, dass der Radfahrer Alaphilippe groß ist und dass Nadal Federer kreuzigt. Gleiche Worte, dasselbe Ziel? Es ist wahrlich so, dass die einen wie die anderen ihr Heil in der Verlangsamung und im Rückgang einer Gesellschaft suchen, die mit voller Geschwindigkeit dem Wachstum hinterherrennt. Denn man darf sich nicht täuschen: Auch der Marathonläufer zelebriert die „Slow Mood“: Der Schnellste gewinnt den 100-Meter-Lauf, der am wenigsten Langsame den Marathon. Die Schildkröte eilt langsam voran.

Der Pilgerweg ist ebenso wie der Lauf des Sportlers in erster Linie ein Weg zu sich selbst. Ein transzendentaler Weg im ersten Fall, ein immanenter Weg im zweiten. Während der Erste Gott begegnet, begegnet der Zweite seinem Körper – jenem Körper, den die Religion verteufelt, während der Sport ihn heiligt. Der Frömmler opfert den Körper und seine Triebe, der Marathonläufer heiligt sie. Doch der Religiöse opfert im Brandopfer den Körper des anderen, während man im Marathon den eigenen Körper opfert. Bei den einen zum größten Ruhm Gottes, bei den anderen zum größten Ruhm des Egos. Indem er sein Ego an seinem Körper reibt, will der Marathonläufer die Grenzen beider bis zum Äußersten ausreizen. Wie der Pilger will er sein Ich aus seiner körperlichen Hülle, aus seinem Gefängnis befreien. Sagte nicht Platon, der erste der Frömmler, dass der Körper (soma) nichts als ein Gefängnis (sema) sei? Außerhalb dieses Gefängnisses liegt, je nach Wahl, das Paradies oder das Podium. Und man hat sein Leben nicht dadurch gemeistert, dass man mit fünfzig Jahren eine Rolex am Handgelenk trägt, sondern indem man seinen Hadsch vollzogen oder seinen „Boston“ geschafft hat. Bei dieser Flucht des Ichs aus dem körperlichen Gefängnis ist es paradoxerweise besser, in Begleitung zu sein. Deshalb sucht man die Gesellschaft der Menge: die Masse der Prozession, das Feld des Marathons. In der Masse verschmilzt das Individuum mit dem Ganzen, im Feld hält es sich über Wasser. Kurz gesagt: Es ist besser, zusammen zu sein, um allein zu sein. Die Hölle sind nicht immer die anderen.

Während der Pilger mit seinen Füßen denkt und betet, kommt der Marathonläufer auf seine Kosten, indem er die Anstrengung anbetet. So befinden sich beide in derselben Trance, die sowohl vom Rhythmus der Rosenkranzknoten als auch von den Kilometern auf dem Asphalt bestimmt wird. Und das Lied muss nur noch seine Litanei singen: Ein Kilometer zu Fuß, das zehrt, das zehrt, zwei Kilometer zu Fuß, das zehrt an der Vernunft! Amen!