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Stil 4 Min. Lesezeit

Auf in den Advent

Die Zeit vor den Feiertagen zum Jahresende ist reich an Bräuchen und Traditionen, die oft in kommerzielle Angebote von mehr oder weniger gutem Geschmack umgewandelt werden. Nach Halloween erliegt Europa dem Black…

Erschienen in Ausgabe November 2023
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Die Zeit vor den Feiertagen zum Jahresende ist reich an Bräuchen und Traditionen, die oft in kommerzielle Angebote von mehr oder weniger gutem Geschmack umgewandelt werden. Nach Halloween erliegt Europa dem Black Friday. Am Tag nach Thanksgiving (das in unseren Breitengraden bislang kaum Nachahmer gefunden hat) beginnt der Kauf von Weihnachtsgeschenken, was mit einem Kaufrausch einhergeht, der durch Rabatte und Sonderangebote angeheizt wird. Der Weihnachtsfilm hat sich als eigenständiges Genre etabliert, mit standardisierten Produktionen (Schnee, Geschenke, Zauber, Nostalgie und Wunder, die zu einem tränenreichen Happy End führen) von unterschiedlicher Qualität. Auch die Weihnachtsdekoration im Haus ist ein Muss, natürlich mit dem Weihnachtsbaum, aber auch mit Girlanden, Kugeln, Lichterketten und allem Drum und Dran, zu dessen Kauf uns die Regale der Fachgeschäfte und Supermärkte jedes Jahr verleiten – und das auf eine umweltschädliche Art und Weise.

Neueste Ausprägung der Kommerzialisierung von Weihnachten: der Adventskalender. Zunächst sei daran erinnert, dass es darum geht, die vier Wochen vor Weihnachten zu markieren, in denen sich die Christen auf das „Kommen“ (daher stammt das Wort „Advent“) des den Menschen versprochenen Messias vorbereiten. Das Warten ist ein religiöser Aufruf zur Wachsamkeit. Für die Kleinsten gibt der Kalender den Tagen einen Rhythmus und macht das Vergehen der Zeit greifbar. Historiker datieren die Ursprünge dieses Kalenders auf die Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland. Es war Tradition, den Kindern in den Tagen vor Weihnachten jeden Morgen Andachtsbilder zu schenken. Im Jahr 1908 brachte Gerhard Lang, ein Verleger medizinischer Fachbücher aus München, als Erster einen Kalender auf den Markt, der aus kleinen, farbigen Zeichnungen bestand, die auf einem Kartonträger befestigt waren. Im Jahr 1920 kam der erste Kalender mit kleinen Fensterchen zum Aufklappen auf den Markt. Diese Zeit war geprägt von großer Kreativität: Renommierte Illustratoren entwarfen die Motive, es gab herausnehmbare Blöcke zum Ausmalen oder aufwendige Konstruktionen wie eine Leiter, auf der ein Engel jeden Tag eine Stufe höher rutschte. Traditionell beginnt die Adventszeit am vierten Sonntag vor Weihnachten, also frühestens am 27. November und spätestens am 3. Dezember. Die alten Kalender umfassten daher zwischen 22 und 28 Tage. Die heutigen Versionen beginnen am 1. Dezember und haben nur 24 Felder.

Das Aufkommen der ersten Schokoladenüberraschungen, die hinter jedem kleinen Fenster versteckt waren, wird auf das Ende der 1950er Jahre datiert. Die Schokoladenhersteller nutzten diese Lücke und setzten den Kalender als Werbeträger ein. Seit Jahren gibt es die Pappmodelle mit Motiven von Disney-Prinzessinnen und anderen Superhelden aus Blockbustern, die die Regale der Supermärkte manchmal schon ab Allerheiligen füllen – mit industriell hergestellter Schokolade von minderer Qualität, die oft schon weiß geworden ist, wenn man die ersten Türchen öffnet. Dann haben auch die Spielzeughersteller den Trend erkannt. Playmobil und Lego beispielsweise bringen Adventskalender auf den Markt, bei denen die täglichen Überraschungen im Laufe der Tage eine thematische Szene ergeben.

Andere Branchen haben diese Chance erkannt und richten sich nach und nach an eine erwachsene Zielgruppe. Kosmetikprodukte, Make-up, Dessous, Bier-, Wein- oder Spirituosenflaschen (hier ein Rum, dort ein Cognac), Tee oder Kaffee, Kekse, Käse, Marmeladen, kleiner Schmuck, Pflanzsamen, Küchen- oder Nähutensilien, Deko-Accessoires, themenbezogene Gadgets rund um Filme … Es ist alles dabei, bis hin zu Hundeleckerlis oder Katzenspielzeug. Einige dieser Boxen kosten fast 200 Euro. Ein paar wenige, die luxuriöse Produkte enthalten, kosten sogar bis zu 600 Euro. Das ist weit mehr als so manches Geschenk, das man unter den Weihnachtsbaum legt. In diesem Jahr gibt es außerdem kleine Bilderbücher (ein Kapitel pro Tag), Rätselspiele (ein Hinweis pro Tag) und einen ungebrochenen DIY-Trend (Do it yourself).

Auch die luxemburgischen Hersteller stehen dem in nichts nach. In diesem Jahr gibt es keinen „Let’s make it happen“-Adventskalender, da die Veranstalter eine je nach Anlass anpassbare Schachtel bevorzugt haben, die nachhaltiger und weltweit leichter zu versenden ist. Dafür kommen jedoch mehrere private Initiativen rund um Essen und Trinken auf den Markt. So bietet der Getränkehändler La Punta in Lorentzweiler einen Adventskalender mit lokalen Bieren an, der eine Auswahl von 24 Sorten enthält, während Jado unter dem Namen „ Drëpplen duerch Lëtzebuerg“ (eine Wortkombination aus „Drëpp“ und „trëppelen“) an, mit historischen Details und weiteren interessanten Fakten zu jeder Sorte. Bei Genaveh hat der Kalender die Form eines verschneiten Chalets im Puppenhausstil, gefüllt mit Schokoladenbonbons in winterlichen Geschmacksrichtungen und verschiedenen hauseigenen Köstlichkeiten wie Trüffeln, Mendiants, Marshmallows oder Rochers. Ebenfalls mit Kakao verfeinert sind die 24 Pralinen aus der Schachtel „Chocolats du cœur“, die in den „Ateliers du tricentenaire“ aus Zutaten aus fairem Handel hergestellt werden.

Ob man diese Spielzeugkästchen nun schätzt oder darin lediglich einen bedauerlichen kommerziellen Opportunismus sieht – Adventskalender erfreuen sich bei allen Altersgruppen großer Beliebtheit.