Wir alle kennen das Sprichwort „Kleider machen keine Leute“. Es bedeutet, dass man sich nicht auf den ersten Eindruck verlassen sollte oder dass das, was wir tragen, in keiner Weise darüber entscheidet, wer wir sind oder was wir tun. Wir wollen hier nicht näher auf diesen Ausdruck eingehen, der in der heutigen Gesellschaft oft nicht mehr zutrifft, da Kleidung zu einem Mittel der Unterscheidung und der Zugehörigkeit zu einer Gruppe, einer Mode oder einer sozialen Schicht geworden ist. Nun, da das größte Film- (und Mode-)Festival, die Filmfestspiele von Cannes, zu Ende geht und wenige Wochen nach der berühmten Met Gala – also der Gala des Metropolitan Museum of Art in New York, einem Wohltätigkeitsabend mit einer extravaganten Parade von Stars –, ist es an der Zeit, diesen Wahnsinn zu entschlüsseln, der die gesamte High Society dazu treibt, sich in einem Wettstreit bis ins Extreme gegenseitig mit ihrem Prunk zu übertrumpfen.
Ob auf den Stufen der Met Gala oder denen der Filmfestspiele von Cannes – die Vertreter der Unterhaltungsbranche überbieten sich gegenseitig mit den ausgefallensten, auffälligsten und unglaublichsten Outfits und Schmuckstücken. Wer entscheidet darüber? Wer leiht sie aus? Und vor allem: Was hat das zu bedeuten? Versuchen wir zu entschlüsseln, was sich hinter den Kleidern und Anzügen verbirgt, die über die roten Teppiche schreiten. Man erinnert sich an den Überraschungseffekt, über den weltweit in den Medien berichtet wurde: Die Schauspielerin Blake Lively sorgte 2022 mit ihrem Versace-Kleid für Aufsehen, das sich vor den Augen des Publikums von funkelndem Kupfer zu nicht minder glänzendem Türkis verwandelte. Versace, Chanel, Dior, Armani, Balmain, Balenciaga… Alle Modehäuser lassen sich auf dieses Spiel der Überbietung ein. Während manche Modelle speziell für das Event entworfen werden, stammen andere aus aktuellen oder früheren Kollektionen, wie wir am Beispiel der Schauspielerin Vicky Krieps beim letzten Filmfestival in Cannes beobachten konnten, wo sie ein Chanel-Kleid aus dem Jahr 2019 trug. Noch mehr Vintage: Naomi Campbell betrat den roten Teppich in einem Kleid – ebenfalls von Chanel aus der Herbst/Winter-Kollektion 1996 –, in dem sie selbst einst auf dem Laufsteg gestanden hatte. Damit wollte das Topmodel zeigen, dass sie kein Gramm zugenommen und nichts von ihrer Ausstrahlung eingebüßt hatte. Es gibt aber auch diejenigen, die nicht auf Designer und Marken warten, um sich diesen Moment der Anmut zu sichern, wie zum Beispiel Kim Kardashian, die sich selbst das nicht minder berühmte Kleid ausgesucht hatte, das Marilyn Monroe trug, als sie 2022 die Stufen zur Met Gala hinaufstieg. Eine sehr umstrittene Entscheidung, da das Museumsstück dadurch bleibende Schäden davongetragen hat.
Anfang Mai wurde in den sozialen Netzwerken die Sorglosigkeit der Stars der Met Gala angesichts der besorgniserregenden aktuellen Lage kritisiert. Einige machen das in Cannes wieder gut, wie zum Beispiel Cate Blanchett, die in einem schwarz-weißen Kleid von Jean-Paul Gaultier mit grünem Futter die Stufen hinaufschritt. Auf dem roten Teppich enthüllte das Kleid die Farben der palästinensischen Flagge. Subtil!
Abgesehen von der Tradition, sich für Galas und andere Festivals „schick anzuziehen“, ranken sich viele Mythen um die Kleiderordnung bei den roten Teppichen. In Cannes hieß es, dass Frauen nach wie vor zwingend Kleider und High Heels tragen müssten – ein Gerücht, das inzwischen von den Festivalveranstaltern widerlegt wurde. Es gibt zwar eine klare Kleiderordnung, die sich nach der Uhrzeit des Auftritts auf dem roten Teppich richtet: Für Männer ist ein Smoking Pflicht, und für Frauen ist bei der berühmten abendlichen Red-Carpet-Veranstaltung Abendgarderobe vorgeschrieben. Zu anderen Zeiten wird lediglich „angemessene Kleidung“ verlangt. Dennoch geben alle Modehäuser, die oft zu den Partnerkonzernen der Veranstaltungen gehören, ihr Bestes. Denn hinter der Kleidung steckt weit mehr als nur ein Werbeträger für die Marken – sie ist zu einem Indikator für Berühmtheit geworden. In einer Welt ohne Internet und ohne Influencer standen Prominente (damit sind Fachleute aus der Unterhaltungsbranche gemeint) nicht unter einem solchen Druck seitens der Marken und PR-Agenturen. Sie waren jederzeit Prominente, egal ob beim Einkaufen oder beim Hinaufsteigen der Stufen.
Bereits in den 1930er Jahren, als Kostüme für Filme entworfen wurden, erkannten die Marken den enormen Einfluss des Kinos auf den Alltag. Alle Frauen wollten dieselben Kleider tragen, genauso gehen und so sprechen wie ihre Lieblingsschauspielerinnen. Lange Zeit trugen diese Schauspielerinnen und Schauspieler im Alltag und bei gesellschaftlichen Anlässen dieselben Kleider und Kostüme. Berühmtheit war ein sozialer Status, der sowohl in der Stadt als auch auf der Bühne auf den ersten Blick erkennbar war. Heute ist es etwas ganz anderes, ein Prominenter zu sein. Vor allem die Vielfalt der kreativen Entwürfe macht es für eine Wonder Woman oder einen Wolverine etwas schwierig, ihr Kostüm im Alltag zu tragen – auch wenn dies definitiv nicht unbemerkt bleiben würde! Das Tragen von Luxusmarken im Alltag ist mittlerweile eher das Privileg von Influencern als von Prominenten, die sich im Alltag ganz selbstverständlich in preisgünstigen Jogginghosen und Flip-Flops zeigen. Es gibt jedoch kaum Hinweise darauf, dass ein Clark Gable oder eine Audrey Hepburn jemals mit Hoodie und Sneakers gesehen wurden. Das „Gewand des Lichts“ hat seinem Namen heute noch nie so sehr alle Ehre gemacht und offenbart der Welt für einige Augenblicke den wahren Star. Noch nie hat das Gewand den Mönch so sehr geprägt wie heute auf dem roten Teppich.