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Stil 4 Min. Lesezeit

Ich, ich, mein König

Seit einigen Jahren hat die Branche für Produkte aller Art rund um die Selbstfürsorge (Selfcare) buchstäblich einen Boom erlebt, angetrieben durch aggressive Marketingstrategien und einige Influencer. Diese Produkte…

Erschienen in Ausgabe April 2023
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Seit einigen Jahren hat die Branche für Produkte aller Art rund um die Selbstfürsorge (Selfcare) buchstäblich einen Boom erlebt, angetrieben durch aggressive Marketingstrategien und einige Influencer. Diese Produkte, die früher in Fachgeschäften oder auf speziellen Websites verkauft wurden, sind Ihnen sicherlich nicht entgangen – mittlerweile haben sich alle Händler, einschließlich der großen Einzelhandelsketten, darauf gestürzt. Goldmasken, Zahnpasta mit Aktivkohle, natürliche Schönheitscremes, Badebomben, Aromatherapiekerzen – es gibt einfach alles, um das körperliche und geistige Wohlbefinden auf eigene Faust zu steigern. Auch wenn manche Produkte zweifellos wohltuend sind – daran besteht kein Zweifel –, geht dieser Trend langsam etwas zu weit. Ohne in die Extreme einiger Influencer zu verfallen, die an nichts zweifeln und absolut alles und jedes ohne jegliche Regulierung verkaufen, indem sie uns versprechen, das Altern und den Tod zu vermeiden sowie die Folgen von durchzechten Nächten zu überstehen (nicht zu vergessen die berühmte Pille, die von dem ebenso berühmten luxemburgischen Influencer beworben wurde und versprach, „krebserregende“ Zellen abzutöten), ist es dennoch interessant, sich mit diesem neuen Selfcare-Trend auseinanderzusetzen. Eine echte Revolution oder ein gesellschaftlicher Trend?

Wir alle sind schon mindestens einmal einer Zahnpasta mit Aktivkohle erlegen, die mit strahlend weißem Zahnschmelz wirbt, oder einem Badesalz, das innere Ruhe verspricht, Menstruationsbeschwerden lindert oder Ängste abbaut. (Ich erhalte fast jeden Monat ähnliche Versprechungen in meinem Briefkasten). Wenn man sich allein das Regal mit den Gesichtsmasken ansieht, stellt man schnell fest, dass – abgesehen von Gold, das angeblich ein wahrer Jungbrunnen zu exorbitanten Preisen ist – der neue Trend bei Masken und anderen Kosmetikprodukten auf … Schneckenschleim ! Halten wir hier mal kurz inne. Seit jeher nutzen Menschen das, was sie in der Natur finden, um ihre Beschwerden zu heilen, aber was verspricht uns Schneckenschleim, der als Geheimnis aus Asien mit revolutionären Wirkungen verkauft wird? Zwar sind Schnecken – abgesehen von ihrem Geschmack – für ihren Schleim und dessen heilende Eigenschaften bekannt, die in zahlreichen pharmazeutischen Produkten genutzt werden. Doch schon seit langem muss man nicht mehr hundert Liter Schleim für hundert Gramm revolutionäre Creme gewinnen, da die Wissenschaft diese chemischen Verbindungen synthetisiert hat – was ziemlich praktisch ist und das Aussterben der Schnecken auf unserem Planeten verhindert. Schneckenschleim ist nur ein bezeichnendes Beispiel für diesen Trend, nämlich den Vertrauensverlust in die sogenannte allopathische Medizin und in die Wissenschaft im Allgemeinen.

Es ist nicht so, dass es für bestimmte sogenannte „natürliche“ oder „ganzheitliche“ Produkte keine wissenschaftlichen Belege gäbe, es ist nur so, dass sie schon seit langem in der Medizin, der Pharmazie und der traditionellen Heilkunde verwendet werden, ohne dass dafür übertrieben geworben wird. Bei vielen – machen wir uns nichts vor – gibt es keine nachgewiesene Wirkung, ja sogar schädliche Auswirkungen auf die Gesundheit. Ein kurzer Überblick: Zahnpasta mit Aktivkohle hat keine stärkere aufhellende Wirkung als jede andere und kann den Zahnschmelz angreifen, Gold hat keinerlei Anti-Aging-Wirkung, kann aber die Hautporen verstopfen, „Detox“-Tees wirken größtenteils (bestenfalls) harntreibend und können zu Dehydrierung und Ungleichgewichten führen; ätherische Öle, die Linderung für alle erdenklichen Beschwerden versprechen, können bei unsachgemäßer Anwendung zu Reizungen, Übelkeit, Krämpfen und Lungenerkrankungen führen. Die Liste der verrücktesten Versprechen, die mit völlig irrationalen Mitteln eingehalten werden, ist lang – ja, man denkt dabei an Kim Kardashian und ihr „Vampir-Gesichtslifting“ (wer es nicht kennt, sollte sich online darüber informieren, es lohnt sich). Dieses gesellschaftliche Phänomen ist dennoch äußerst aufschlussreich für diesen heftigen Wunsch, so schnell wie möglich die Kontrolle über den eigenen Körper und das eigene Erscheinungsbild zu erlangen und sich für das „Natürliche“ zu entscheiden im Gegensatz zur Allopathie, die uns schon viel zu lange belügt, da sie uns immer noch keinen Zugang zum ewigen Leben, zur ewigen Jugend, gewährt. Offensichtlich ist dies ein Spiegelbild einer Gesellschaft, in der das Individuum und der Konsum König sind, in der uns die Werbung weismacht, wir könnten unsere Rechte zurückerlangen und endlich Herr über uns selbst werden – doch das nur dem Anschein nach und ohne Garantie für die Wirksamkeit von Schneckenschleim. Werbung und Marketing haben das Ich zum König gemacht, ohne dass das Ich wirklich frei in seiner Entscheidung ist – was will das Volk denn?