Ganz in Rosa gekleidet betritt Sascha Ley die Bühne des Robert-Krieps-Saals. Die vielseitige Künstlerin, deren Liste an Erfolgen allein schon zwei Seiten dieser Zeitung füllen würde, präsentiert im Neimënster ihr neues Soloalbum „In Between“. Begleitet wird sie vom Gitarristen, Komponisten und Toningenieur Jean-Pascal Boffo, der als Special Guest an diesem Projekt mitwirkt. Das Album mit 17 experimentellen Stücken, das diese Woche beim deutschen Label JazzHausMusik erschienen ist, ist wie geschaffen für die Bühne. Auf dem Cover der Platte ist ein Foto zu sehen, das die Künstlerin von hinten zeigt, wie sie tanzt oder dem Licht entgegenhüpft, beim Verlassen eines überdachten Durchgangs. Man sieht Sascha Ley in Bewegung, schwerelos und paradoxerweise in einem Zustand des Dazwischen erstarrt. Zwischen Schatten und Licht, „In Between“, um den Titel des Projekts aufzugreifen.
Sascha Ley beginnt ihren Auftritt mit der Einleitung des Albums „From Here to There“. Die Musikerin sitzt am Klavier und schlägt die Tasten an, die tiefe, strenge Klänge hervorbringen. Eine Abfolge dissonanter Töne begleitet einen leisen Gesang, der sich nach und nach entfaltet. Die Stimme wird lauter und wird plötzlich von einer äußeren Kraft manipuliert. Jean-Pascal Boffo, der im Hintergrund steht, schafft eine schwebende Atmosphäre und verzerrt die Stimme seiner Partnerin von seinem Mischpult aus. Die Bühne wird von einer digitalen Entität heimgesucht, die zu verschiedenen Zeitpunkten des Konzerts die Kontrolle über das Publikum übernimmt. Es folgt der gleichnamige Titel „In Between“. Sascha Ley rezitiert auf Englisch Antonyme über einem mit einem Sampler erstellten Gesangsloop. Anschließend lässt sie ihre Stimme in Höhenflügen schweben, die mit einem synthetischen Stimmeffekt versehen sind, der ein wenig nach „kitschigem Roboter“ klingt. Man nimmt eine Fülle von Klangfarben wahr, die jedoch durch die zu geringe Lautstärke des abgespielten Loops etwas beeinträchtigt wird.
Ein Aufruf ertönt im Publikum. Die Sängerin wartet auf eine Antwort, die in Form einer Stimme aus dem Jenseits kommt – sehr leise, aber dennoch wahrnehmbar. Sie summt eine Melodie, die uns bekannt vorkommt. Sascha Ley spielt mit ihrer Stimme wie mit einer Geige, deren Anwesenheit sie zwischen ihren Händen nachahmt. Sie wiegt ihr unsichtbares Instrument. In „Once Upon a Time She Was“ erzählt Sascha Ley eine Geschichte voller beunruhigender Ereignisse und Täuschungen und rollt die R-Laute wie keine andere, mit Ausbrüchen, die einen sprachlos machen. Anschließend kreiert sie einen Rhythmus, der Atmung und Körperperkussion miteinander verbindet. Ein Telefonklingeln ertönt und hält an. Zunächst denkt man an die Unachtsamkeit eines Zuschauers, doch tatsächlich sind die zu hörenden Töne integraler Bestandteil der Vorstellung. Die Stimme der Musikerin klingt wie die Aufnahme eines alten Anrufbeantworters. Das Publikum wird erneut Zeuge eines Kommunikationsversuchs mit einem unbestimmten Raum, einem Jenseits oder einem Dazwischen – darauf kommen wir noch zurück.
Der Übergang in eine Parallelwelt erfolgt mit „This Thing About Memory“ und seiner schwebenden, besonders bewegenden Atmosphäre. Es folgt eine recht minimalistische, zurückhaltende Interpretation des Jazz-Standards „Lush Life“. Mit „Cherchez la Femme“ und seiner, gelinde gesagt, albtraumhaften Stimmung bricht erneut der Wahnsinn aus. Dann folgt ein überraschender Titel, der wie Satie beginnt: „In The Meantime, Remember“. Vorab aufgenommene Flüsternstimmen werden abgespielt. Eine Frage schwebt über dem Raum: „What is your name?“ Es geht also um Erinnerung und Vergessen, um diesen besonderen Raum, zu dem Sascha Ley immer wieder zurückkehrt. Sie lässt eine Hand über die Klaviersaiten gleiten, streichelt den Bauch des Instruments und erzeugt dabei einen Klang, der mal hypnotisch ist (was an die allerersten Töne des von Jerry Goldsmith komponierten Soundtracks zu „Chinatown“ erinnert), mal bewusst verstimmt. Nach einer Reihe von Stimmeffekten und Improvisationen beginnt Sascha Ley mit „Love in Outer Space“, einem der besten Titel der Platte. Auch hier basiert der Song auf einer einfachen Gesangsschleife, zeigt aber trotz der Originalität des Aufbaus einen gewissen Charakter und wirkt einladender. Mit „In Between“ macht Sascha Ley das Unzugängliche leicht zugänglich. Durch die Mischung aus geradezu verrückten Meisterleistungen und (relativ gesehen) herzlicheren Songs trifft „In Between“ definitiv ins Schwarze.